#16 „Aoi haru“ (2001)

Aoi haru“

aka

„Blue Spring“.

Das „Klatsch-Spiel“ macht KUJO zum Anführer einer Schülergang an einer Tokioter High School. Am Geländer des Schuldaches festklammernd muss man möglichst oft in die Hände klatschen und sich danach wieder am Geländer festhalten. KUJO klatscht sieben Mal, so oft wie keiner zuvor und wird zum Anführer ernannt.

Mit seinem einzigen Freund AOKI gerät er in einen Streit. AOKI distanziert sich daraufhin von KUJO und der Konflikt gipfelt in einem dramatischen Selbstmord.

klask

AOI HARU, dessen Geschichte sich ausschließlich auf dem heruntergekommenen Schulgelände abspielt, erzählt von der Parallelgesellschaft der Schülergang, in der die Lehrer nichts zu sagen haben.

Die Schüler befinden sich in einem Zustand der Apathie. Sie haben keine Pläne und vertreiben sich die Zeit mit sinnloser Gewalt und Nervenkitzel.

Dieses Motiv kommt einem bekannt vor, wenn man Toshiaki Toyoda´s Erstlingswerk Poruno Sûta kennt. AOI HARU ist sein zweiter fiktionaler Film und tritt stimmungsmäßig in die Fußstapfen von PORUNO SÛTA.

Ein geheimnisvoller Hauptcharakter, sinnlose Gewalt und eine etwas ziellose Erzählstruktur bilden den Rahmen des Films, der von der schroffen Musik der japanischen Punkband Thee Michelle Gun Elephant untermalt wird.

Das eigentliche Thema der Erzählung ist aber die Freundschaft zwischen KUJO und AOKI, die gegen Ende des Films scheitert. KUJO ist soziopathisch veranlagt, eher still und hat Spaß an Gewalt. AOKI hat zwar auch kein Problem mit Gewalt, ist aber positiver eingestellt. Im Vergleich zu allen anderen in der Schule hat er feste Pläne für seine Zukunft. Er will Pilot werden.

blue-spring

Das Setting der heruntergekommenen Schule als Ort der Anarchie. Beschmierte Wände, keine Disziplin, keine Zukunft. All das transportiert der Film fast bis zum Schluss. Doch in der letzten Sequenz, quasi in letzter Minute, zerbricht diese Fassade aus Coolness bei den Jugendlichen und ihr wahrer Charakter kommt zum Vorschein. Für manche leider zu spät.

#12 „Kûchû Teien“ (2005)

Kûchu Teien“

aka

„Hanging Garden“.

Familie Kyobashi hat eine Devisie: Keine Geheimnisse voreinander haben.

Mutter ERIKO versucht mit dieser Regel eine glückliche Familie zu schaffen und ein besseres Zusammenleben zu haben als mit ihrer Mutter, bei der sie sich als Teenager nie geborgen gefühlt hat.

Aber die Lüge ist oft einfacher als die Wahrheit. Das muss auch ERIKO bald feststellen.

4511878_l4

Im Mittelpunkt des Films steht der Konflikt zwischen Mutter ERIKO und ihrer, inzwischen kranken, Mutter SACCHIN.

Ihr Kindheitstrauma hat sie größtenteils SACCHIN zu verdanken, die sie vor Anfeindungen anderer Schülerinnen nie verteidigt hat und ihr sagt, dass sie ein nicht gewolltes Kind sei.

Mit dieser Vorgeschichte versucht sich ERIKO ihre eigene, kleine Idylle in Form einer eigenen Familie zu schaffen. Zusammen mit Ehemann TAKASHI zieht sie in einen neuen, sonnendurchfluteten Apartmentblock in Osaka und richtet sich einen hübschen Garten auf der Terrasse ein. Sie bekommen zwei Kinder, MANA und KO.

Nach den Kindern kehrt allerdings Routine ein und das Lächeln von ERIKO wird zunehmend zur Fassade. Ihr Mann geht fremd, ihre Tochter schmeißt die Schule und ihr Sohn klaut im Supermarkt. Doch ERIKO ist so besessen von der Idee einer glücklichen Familie, dass sie es nicht zulassen will diese Tatsachen zu akzeptieren. Ihr Lächeln, so sagt sie, ist ein Gebet, um die Familie zu schützen.

tumblr_ns99msPeSC1tgkpruo1_500

Schließlich kocht der Konflikt mit ihrer Mutter wieder hoch und es scheint als käme jetzt die große Abrechnung und das Ende der Familienidylle. Doch am Ende kommt es anders als man denkt.

Mit KÛCHÛ TEIEN wagt Regisseur Toshiaki Toyoda einen Schritt in ein neues Terrain. Das Familiendrama. Damit startet er 2005 einen Trend, dem auch andere Regisseure mit Filmen wie Tôkyô Sonata (2008) oder Still Walking (ebenfalls 2008) folgen. Befasste sich Toyoda zuvor noch mit dem Kampf junger Männer gegen die Gesellschaft, wie in meinem bereits besprochenen Film Poruno Sutâ, so stellt er hier erstmals die „normale“ Durchschnittsfamilie in den Vordergrund und zeigt, dass sie gar nicht so normal ist. Nicht verwunderlich das KÛCHU TEIEN bis dato sein erfolgreichster Film in Japan ist.

Der Filmtitel, der übersetzt so viel wie „Hängende Gärten“ heißt, erklärt sich daher, dass hängende Pflanzen keinen festen Boden haben, in den sie ihre Wurzeln schlagen können. Ähnlich wie ERIKO, die nicht geerdet wurde und keine feste Wurzeln aus ihrer Kindheit übernimmt. Ebenso bezeichnet Regisseur Toyoda die fehlenden Wurzeln der Gesellschaft als ein allgemein japanisches Problem.

http://dai.ly/x22cqnl

Die Kameraarbeit orientiert sich auch an den hängenden Gärten. Sie schwebt über der Familie, dreht sich teilweise um 360° und hat keinen festen Stand.

In diesem Familiendrama kommt Alles zusammen, was sich in Toshiaki Toyoda´s vorherigen Filmen schon angedeutet hatte. Tiefgehende Charaktere, innovative Kameratechniken und ein Ende, das doch zumindest ein wenig Hoffnung erkennen lässt.

 

#5 „Poruno Sutâ“ (1998)

Poruna Sutâ“

aka

Tokyo Rampage“.

Ein Teenager und eine Tasche voller Messer. Eine Gruppe Kleinkrimineller und ein Mädchen.

Arano trifft Kamijo, der von einem alternden Yakuza-Boss einen Mordauftrag bekommt. Arano schließt sich Kamijo´s Bande an und übernimmt den Mordauftrag.

Dann richtet er sich gegen Kamijo und will sich mit seiner Freundin Alice und einem Haufen Drogen nach Fiji absetzen.

Der Debutfilm von Toshiaki Toyoda beginnt mit Zeitlupen und verzerrten Gitarrenriffs der japanischen Psychedelic Rock Band Dip. Schauplatz der Handlung ist das Viertel Shibuya in Tokyo. Ein Mikrokosmus der Party-Jugendkultur in Japan. Eine lebendige Kameraführung und subjektive Einstellungen bestimmen den ersten Teil des Films. Im Verlauf des Films wird es aber ruhiger und das Tempo geht etwas zurück.

Der mysteriöse Hauptcharakter Arano handelt ohne wirkliche Motive. Niemand weiß, wo er herkommt und was sein Ziel ist. Er ist gefühlskalt und hat nicht viel Respekt vor dem Leben anderer. Der Film stellt ihn weder als Helden, noch als Anti-Helden dar. In diesem Punkt ist der Film genauso unmotiviert wie sein Hauptcharakter.

Arano redet zudem nicht wirklich. Er scheint aber einen besonderen Hass gegenüber den Yakuza zu haben und sagt ihnen ständig, dass sie nutzlos seien. Über diesen Satz geht sein Vokabular aber selten hinaus. Und spätestens als er den gesuchten Yakuza-Boss mit gefühlten 100 Messerstichen kommentarlos niederstreckt, merkt man, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Arano kann man stellvertretend für eine Jugend ohne Ziel verstehen, muss man aber nicht. Er weigert sich mit seiner Außenwelt zu kommunizieren. Wobei Gewalt eine Ausnahme darstellt.

 

Sein Gegenpart, Kamijo, hat zu Beginn des Films gerade seinen Vater verloren, was ihn in eine schwere Krise versetzt hat. Kann er sein Leben als Krimineller weiterführen und trotzdem seinen Vater stolz machen? Im Gegensatz zu Arano zeigt Kamijo starke Gefühle von Trauer und Angst. Paradox, da doch eigentlich er den Gangster-Part übernehmen soll. Aber auch er ist kein typischer Held. Seine Rolle als junger Kleinkrimineller zerbricht schlicht und einfach an der Brutalität und Abgeklärtheit die ihm mit Arano entgegenschlägt. Am Ende zerbrechen jedoch beide daran und Alice bleibt als einsames Skater-Girl  im Dschungel von Shibuya zurück.