#36 „Chûgoku no chôjin“ (1998)

„Chûgoku no chôjin“

aka

„The Bird People in China“.

WADA, gespielt von Masahiro Motoko (u.a. Nokan), arbeitet im Büro eines Energiekonzerns. Als sein Kollege krank wird, muss er an dessen Stelle nach China reisen, um den Kontakt zu einer firmenzugehörigen Jade-Mine aufzunehmen.

Auf seinen Fersen folgt ihm UJIIE, der zu einem Yakuza Clan gehört, dem der Konzern Geld schuldet. Unbemerkt folgt er ihm nach China.

In China angekommen finden die beiden schnell zusammen und setzen ihre Reise gemeinsam, mit einem einheimischen Guide, fort. Um in das abgelegene Dorf zu gelangen, müssen sie immer tiefer in den Dschungel. Abseits der Wege sind sie auf primitive Fortbewegungsmittel angewiesen und schließlich zu Fuß unterwegs.

Durch einen Unfall verliert ihr Guide das Gedächtnis und kann sie nicht mehr weiterführen. Schließlich werden sie von den Einheimischen aufgegriffen und in das Dorf geführt.

Dort angekommen erfahren sie von der Besonderheit des Dorfes. Laut einer alten Sage können die Menschen hier fliegen. Der Mythos hat seinen Ursprung in einem abgestürzten Flugzeug, welches im Krieg über der Region niederging.

WADA und UJIIE, die eigentlich wegen der Mine gekommen waren, geraten immer tiefer in den Bann der Sage und werden Teil des dörflichen Lebens. Besonders für UJIIE, der in seinen Träumen von den Taten seines kriminellen Lebens in Japan verfolgt wird, bietet das Bergdorf ein Refugium.

Schließlich entscheidet sich UJIIE im Dorf als Wächter des Geheimnisses zu bleiben und nicht mit WADA zurück nach Japan zu gehen. Die Mine soll nicht erschlossen werden und damit das Dorf vor äußeren Eingriffen bewahrt werden.

Filmemacher Takashi Miike ist eine Maschine. Neben diesem Film brachte er im selben Jahr noch drei weitere Filme in die Kinos. Seine Schaffensphase umfasst bis dato mehr als 100 Filme und er scheint seinen Ruhestand noch nicht geplant zu haben. Dieses Jahr kamen bereits zwei Filme und eine Serie unter seiner Leitung heraus und die nächste Produktion für 2018 wird gerade abgedreht.

Unter diesem Output leiden meist viele seiner Filme. Quantität statt Qualität. THE BIRDPEOPLE IN CHINA markiert einen Höhepunkt seiner Karriere, der auf die typischen Merkmale seiner Filme, Gewalt und Sex, fast komplett verzichtet. Das Trashige seiner Direct-to-Video Produktionen findet sich hier nicht. Gleichzeitig steht der Film in der Tradition vieler anderer Filme von Miike. Er lässt seine Protagonisten zu fremden Orten reisen und in Kontakt mit den dortigen Einheimischen treten. Miike ist fasziniert von dem Fremden.

Bereits in seiner Black Society Trilogy beschäftigte er sich mit Einwanderer – Figuren im kriminellen Milieu. Später lässt er seine Figuren, wie beispielsweise in The Guys from Paradise, nach Manila reisen.

Was in THE BIRDPEOPLE IN CHINA auffällt ist die Kritik an der modernen, japanischen Gesellschaft. Die Welt scheint in Japan anders, schneller zu ticken als im Rest von Asien. Die Menschen beginnen unter dem Lebensdruck zu leiden. China wird als Quelle der Erholung, als unberührtes Reservoir inszeniert, durch dessen Einfluss die japanischen Charaktere wieder zu sich selbst finden. Im Film äußert sich dies angefangen beim Licht über den Schnitt bis hin zu den Kostümen. Das moderne Japan wird dem traditionellen China gegenübergestellt.

Indirekt kommentiert Miike damit die Entwicklung Japans, die zu einer Abspaltung von China führte. Der große Nachbar China sollte nicht mehr als Vorbild dienen, sondern der Westen und die USA. Dabei hat die Gesellschaft bestimmte Werte, ihre innere Ruhe aufgegeben, um dafür in der Globalisierung mithalten zu können.

Miike gibt mit diesem Film wieder etwas Freiheit und Spielraum für Fantasie zurück. Ujiie, der am Ende des Films als eine Art Gatekeeper im Dorf zurückbleibt, garantiert die Bewahrung dieses magischen Ortes und schützt die Idylle vor den Einflüssen der Globalisierung. Seine Figur durchläuft den größten Wandel in der Geschichte. Seine Gewaltausbrüche zu Beginn des Films werden, je länger er sich im Dorf aufhält, weniger und er tauscht seinen weißen Yakuza-Anzug gegen das traditionelle Dorfgewand.

Ein, für Miike, ungewöhnlich märchenhafter Film, der auf den zweiten Blick viel über das chinesisch-japanische Verhältnis aussagt.

 

 

 

 

 

 

#2 „Dangan Ranna“ (1996)

Dangan Ranna

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Wie eine Kugel im Lauf

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Non-Stop„.

Ein missglückter Banküberfall wird zum Marathon. Drei Männer laufen einen Tag durch Tokyo.

Yasuda`s Vorhaben eine Bank zu überfallen findet ein schnelles Ende als er bemerkt, dass er keine Maske hat und im nächstgelegenen Supermarkt den Verkäufer, Aizawa, anschießt, der ihn beim Klau einer Atemmaske erwischt. Er verliert seine Pistole und flieht.

Aizawa nimmt bewaffnet die Verfolgung auf. Dabei läuft er den Yakuza Takeda über den Haufen, bei dem er wegen seiner Drogensucht Schulden hat und der Yasuda die Waffe für den Banküberfall besorgt hat.

Takeda ist verzweifelt, da er den Tod seines Bosses zu verantworten hat, der in der Nacht zuvor ermordet wurde. Kopflos taumelt er durch die Straßen als ein Mann auf ihn zurennt. Er verkennt Aizawa als den Attentäter, der seinen Boss ermordet hat und stellt sich ihm in den Weg. Diesmal will er nicht zur Seite springen. Doch der Zusammenprall löst einen Schuss aus der Pistole und trifft eine Passantin – der Startschuss für Takeda.

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Yasuda
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Takeda

Der filmische Dauerlauf erzählt mit viel schwarzem Humor und schnellen Schnitten eine brilliante Geschichte. Er schafft es die Fäden der persönlichen Hintergrundgeschichten  um die Verfolgung herum zu spinnen und Stück für Stück zusammenlaufen zu lassen. Man taucht immer tiefer in den Strudel ein, wird überrascht und fiebert mit. Dabei bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Die Kamera ist viel in Bewegung, kaum eine ruhige Minute. Praktisch im Vorbeilaufen erfährt man die Motive der Charaktere. Warum laufen sie nach mehreren Stunden immer noch? Was treibt sie an? War der Lauf zu Anfang noch purer Reflex, so wird er gegen Ende hin zu etwas Höherem, etwas Symbolischem. Realität und Vision verschmelzen miteinander. Laufen als epiphanische Erfahrung, in der die Läufer ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlieren und etwas anderem entgegenstreben.

Das Erstlingswerk von SABU (Hiroyuki Tanaka) macht den Anfang einer ganzen Reihe von Filmen, die sich mit dem Thema der Bewegung auseinandersetzen und in denen Shin’ichi Tsutsumi (Postman Blues, Unlucky MonkeyMondayDrive) jeweils immer die Hauptrolle spielt.

SABU ist Meister des Zufalls und erdenkt Handlungsstränge, die bei anderen Filmemacher plump oder unausgefeilscht wirken würden. Doch mit den Mitteln der Komik öffnet er eine Hintertür, die den Absurditäten einen wahrscheinlichen Charakter verleihen. Nichts wirkt übertrieben, alles gerade so als ob es auch im wahren Leben (mit sehr viel Pech) passieren könnte. Das SABU den einfachen, kleinen Mann in den Mittelpunkt stellt und ihn zum Spielball des Schicksals macht, verstärkt den Effekt. Seine Filme bleiben dadurch realistisch, driften nicht in fiktive Action-Welten ab wie beispielsweise bei den Werken von Takashi Miike.

Bestimmt ebenfalls kein Zufall sind die Parallelen zu Lola Rennt. SABU`s Film feierte 1997 auf der Berlinale in Berlin einen großen Erfolg. Ein Jahr später rannte Franka Potente als Lola über die Leinwand.