#40 „Otaku“ (1994)

Sonderlinge, Nerds, Geeks, Freaks, Perverse, Verrückte, Fans, Stalker. Erwachsene, die sich der Erwachsenenwelt verweigern und Kind bleiben. Peter-Pan-Syndrom. Obsession und Fantasie. All das oder auch gar nichts davon beschreibt Otaku.

Der japanische Begriff des Otakus ist prägend für das Bild, welches viele heute von Japan haben. Seit Beginn der 2000er hat die japanische Regierung die Otakus und deren Lebensstil zum nationalen Kulturgut hochstilisiert. Anime, Manga, Videospiele und viele andere Produkte der Kulturindustrie werden inzwischen gefördert und sind wichtiges Exportgut.

Doch es gab eine Zeit in der Otakus mit anderen Augen betrachtet wurden. Zwei französische Filmemacher haben 1994 ein Zeitdokument geschaffen, welches die Anfänge der inzwischen boomenden Jugendkultur der Otakus zeigt.

In einer Art wissenschaftlichen Untersuchung trägt die Dokumentation nüchtern alle Blickwinkel zusammen. Dazu zählen Meinungen von Professoren, Straßenumfragen zum Thema Otaku, Besuche in Betrieben der Kulturindustrie und Befragungen der Hersteller sowie letztendlich auch die Otakus selber, die vor der Kamera zu Wort kommen und ihr Leben herzeigen.

Es entstehen tiefgehende Schilderungen, die von existenzialistischer Weltansicht bis hin zum ökonomischen Nutzen des Phänomens reichen. Einzigartig dabei wahrscheinlich auch der Umfang der Recherchen. Als eines von wenigen Kamerateams gelingt es den beiden Franzosen eine Führung durch die heiligen Hallen der Entwicklerstudios von Nintendo zu bekommen. Dabei steht ihnen der Mario Erfinder Shigeru Miyamoto Rede und Antwort.

Shigeru Miyamoto

An anderer Stelle sieht man das damals noch auf Videospiele spezialisierte Studio Gainax, welches gerade neu gegründet wurde und später in der Animationsbranche mit der Kult-Serie Neon Genesis Evangelion einen nicht unerheblichen Anteil zum Otakismus beitrug.

Die Dokumentation macht deutlich, dass sich der Otakismus nicht nur auf Anime und Manga beschränkt. Es werden Militär-Otakus, Foto-Otakus, Idol-Otakus usw. vorgestellt. Per Definition ist jemand, der großes Fachwissen über ein bestimmtes Thema anhäuft, ohne dies kommerziell/beruflich zu nutzen, ein Otaku. Hinzu kommt die Komponente, dass sich dieser Mensch zum größten Teil in den eigenen vier Wenden aufhält. Passenderweise bedeutet daher Otaku übersetzt auch „Haus“.

Daraus leitet der Film ein soziologisches Profil ab, und hinterfragt eine Gesellschaft in der solche Wesenszüge begünstigt werden. Die neue Jugendkultur, ihr Konsum und ihr soziales Verhalten zu Beginn der 1990er-Jahre, werden als ein Symptom gesehen, das es zu untersuchen gilt.

Rückblickend können viele dieser Otakus als Vorläufer der heutigen Gesellschaft gesehen werden. Die Videospielindustrie, die Musikbranche und viele andere Subkulturen haben sich an ihnen orientiert. Die Filmemacher hatten scheinbar schon ein Gespür dafür und wussten, dass es sich beim Otakismus nicht um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Die Zukunftsaussichten, die der Film an manchen Stellen gibt, sind inzwischen Realität geworden und der Otakismus wird zunehmend salonfähig.

Mit knapp 3 Stunden hat das Werk einige Längen, die allerdings mit interessanten Aussagen und Lebensentwürfen immer wieder überraschen.

 

Die komplette Dokumentation gibt es übrigens (auf DEUTSCH!) auf Youtube:

 

#27 „Ōritsu Uchūgun: Oneamisu no Tsubasa“ (1987)

Ōritsu Uchūgun: Oneamisu no Tsubasa“

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„Wings of Honneamise“

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„Königliche Weltraumarmee: Die Flügel von Honneamise“.

Im fiktionalen Königreich Honneamise meldet sich ein junger Mann für die halsbrecherische Aufgabe, der erste Mensch im Weltall zu werden. Als Mitglied der ROYAL SPACE FORCE ist er großer Häme ausgesetzt, da das Raumfahrtprogramm etliche Fehlversuche und tödliche Unfälle zu verzeichnen hat. Die Regierung hält aus Prestigegründen an diesem Projekt fest, obwohl es als Sammelbecken für gescheiterte Persönlichkeiten und skurrile Tüftler verschrien ist.

Auch SHIROTSUGH LHADATT, der sich freiwillig für den bemannten Weltraumflug meldet, sieht die Raumfahrt zunächst als Zwischenstation. Eigentlich wollte er zur richtigen Luftwaffe, doch dafür reichten seine Noten nicht aus und in der Raumfahrtakademie sind seine Leistungen eher unterdurchschnittlich.

Die Begegnung mit RIQUINNI NONDERAIKO, die in den Straßen religiöse Schriften verteilt, beendet seine Demotivationsphase. Bei einem ersten Treffen in ihrem Haus in der Wildnis, wo sie mit dem kleinen Mädchen MANNA lebt, ist Riquinni begeistert von Shirotsugh´s Beruf. Sie schwärmt von den Sternen und dem Weltraum als Neuanfang für die Menschheit. Damit ist sie der erste Mensch der dem Beruf des Raumfahrers positiv gegenübertritt und steckt Shirotsugh mit ihrer Begeisterung an.

Mit neuem Elan meldet er sich Hals über Kopf freiwillig für das nächste große Projekt der Royal Space Force. Da er der einzige Freiwillige ist, bleibt den Ausbildern keine große Auswahl und sie nehmen ihn mürrisch in das Programm auf.

WINGS OF HONNEAMISE ist der erste Film des Animationsstudios Gainax. Aus dessen Reihen entstand in den folgenden Jahren auch Neon Genesis Evangelion, der ursprünglich als zweiter Teil zu WINGS OF HONNEAMISE geplant war, dann aber aus finanziellen Gründen zu einer eigenständigen Serie/Film – Reihe ausgearbeitet wurde. Ähnlich wie Neon Genesis Evangelion einige Jahre später behandelt der Film religiöse Themen und bettet sie in den Kontext einer technologisierten Gesellschaft. Das Setting orientiert sich am Steampunk und vermischt viktorianische Elemente mit einer alternativen Umdeutung der Vergangenheit.

Die Parallelen zu dem politischen Geschehen der damaligen Zeit sind unübersehbar. In einer Art Kaltem Krieg stehen sich im Film zwei Nationen gegenüber, die im Geheimen an militärischen Projekten arbeiten, deren Nutzen meist nicht über das reine Prestige hinausgehen. Der Vergleich zu den USA und Russland ist deshalb nicht weit hergeholt und es erinnert an den Wettlauf zum Mond.

Begleitet vom Soundtrack von Ryūichi Sakamoto bleibt vor allem  die Qualität der Animation, die für ihre Zeit überraschend gut ist und den großen Erfolg des Animationsstudios bereits vorausdeutet, in Erinnerung. Die Story ist durchzogen von der politischen Stimmung des Jahres 1987 und schreckt nicht vor der Darstellung eines korrupten Systems zurück. Alles in Allem beinhaltet WINGS OF HONNEAMISE all das, was das Studio in den folgenden Jahren weltweit zu einem der führenden Produktionsstudios machen wird. Neben den Filmen von Studio Ghibli bildet Gainax damit eine zweite Institution für erwachsene Animationsfilme, die es bis dato so auf dem Markt noch nicht gegeben hat.