#95 „Mesunekotachi No Yoru“ (1972)

„Mesunekotachi No Yoru“

aka

„Night of the Felines“

Shinjuku, das Rotlichtviertel Tokyos, war in den 70ern für die intellektuellen Filmemacher von Nikkatsu ein spannendes Pflaster. Sie schickten ihre Protagonisten in aufreizenden Outfits auf die Straße, zur Verwunderung der unfreiwilligen Statisten. Im dokumentarischem Wackelkamera-Stil, fingen die Crews die raue Atmosphäre ein, bevor man im Studio die Dialoge nachsychnronisierte.

Einer dieser Filmemacher von Nikkatsu war Noburo Tanaka. Ehemals Assistent von Shohei Imamura und Suzuki Seijun, und großer Bewunderer der französischen Surrealisten, drehte Tanaka 1972 einen Film, der den männlichen dominierten Yakuza Gewaltstreifen widersprach. Sein Genrefilm „Night of the Felines“ erzählt die Geschichte von Masako und Jun, zwei Damen die in den sogenannten „Soaplands“ als leichte Mädchen angestellt sind.

Ohne Vorverurteilung zeigt „Night of the Felines“ das Rotlichtviertel als einen Mikrokosmos abseits der Alltagsgesellschaft. Die Protagonisten sind dabei Teil einer surrealistischen Parenthese im Stil von Yoshihige Yoshida. Genau berechnete Kameraeinstellungen von Kenji Hagiwara („Fighting Elegy“ 1966) zaubern raffinierte Bilder auf den Schirm und zeigen ein Japan zwischen den Zeiten. Die Studentenproteste der 68er sind beendet, der Wohlstand wächst, aber die boomende Bubble-Economy der 80er-Jahre steht noch bevor. Mit dem Wohlstand kommt auch die Lust am Konsum und am Vergnügen. „Night of the Felines“ zeigt wie auch der Durchschnittsbürger im Milieu seine Maske fallen lässt und schockiert mit Einblicke in Abgründe.

Noboru Tanaka galt als einer der prominentesten Vertreter des „Roman Porn“-Genres. Der für seine innovativen Storylines gelobte Filmemacher drehte über 20 dieser High-Class Erotikfilme für Nikkatsu. Zu den bekanntesten zählen „A Woman Called Sada Abe“ (1975), basierend auf der gleichen Biographie die Oshimas „Im Reich der Sinne“ (1978) inspirierte, und  die Verfilmung von Edogawa Rampos „Watcher In The Attic“ (1976). Zusammen mit Schnittmeister Akira Suzuki, der an den meisten Filmen von Juzo Itami („Tampopo“ 1985) und Suzuki Seijun („Branded to Kill“ 1967) beteiligt war, liefert Tanaka ein farbenfrohes Melodrama ab. Die Geschichte ist relativ simpel und verliert sehr schnell an Spannung. Die expliziten Nackszenen sind repetitiv und nehmen zu viel Raum im Film ein.

Die männliche Hauptrolle wird gespielt von Ken Yoshizawa, der auch zum festen Ensemble der Regisseure Koji Wakamatsu und Masao Adachi gehörte. Er bildet das maskuline Gegengewicht zu der Präsenz von Tomoko Katsura als Masako und Hidemi Hara in ihrer Rolle als Jun. Die beiden Schauspielerinnen spielen durchschnittlich und haben mit „Night of the Felines“ den Höhepunkt ihrer Karrieren erreicht. Ken Yoshizawa hingegen legte eine große Karriere hin, spielte in Kitanos Debutfilm „Violent Cop“ (1989) mit und war zuletzt 2018 in dem Biopic über seine beiden alten Wegbegleiter, Wakamatsu und Adachi, „Dare to Stop Us“ zu sehen.

Wer sich mit Noboru Tanaka, dem japanischen Film der 70er-Jahre und vor allem mit dem Oeuvre des legendären Filmstudios Nikkatsu intensiver beschäftigen möchte, für den ist dieser Film ein Muss.