#86 „Ganbatte ikimasshoi“ (1998)

„Ganbatte ikimasshoi“

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„Give it All“

In der Festivalsaison des Jahres 1998 gewann „Give it All“ unglaubliche 25 Auszeichnungen. Produziert von Masayuki Suo („Shall We Dansu?“ 1998) handelt es sich bei dem Film um ein High School Sport Drama (siehe „Oppai Volleyball“ 2009) welches mit nostalgischen Elementen die Geschichte eines Frauen-Ruderteams im Jahre 1976 erzählt.

Shikoku, im Westen Japans. Etsuko, ein Teenager im Schatten ihrer erfolgreichen älteren Schwester, von den Eltern ignoriert und in der Schule die Zielscheibe der Lehrer, nimmt die Herausforderungen des Lebens voll an. Ihr starker Wille, durch den sie ein erfolgreiches Frauen-Ruderteam zusammenstellt und trotz plötzlich auftretender Krankheit den Siegeswillen nicht verliert, ist Mittelpunkt dieses Big-Budget Films.

Regisseur Itsumichi Isomura begann als Regieassistent bei Sai Yoichis „Mosquito on the Fifth Floor“ (1983). Kurz darauf gründet er zusammen mit vier anderen Regiekollegen das Team „Unit 5“, eine Künstlergruppe der auch Masayuki Suo angehört. 1993 entsteht Altamira Pictures. Suo, Isomura, Shoji Masui und der Produzent Yuji Ogata („Doing Time“ 2002) sind Teilhaber der Firma und bringen 1998 den Film „Give it All“ als Co-Produktion mit Fuji TV in die Kinos.

Die erst 17-Jährige Rena Tanaka („Dear Etranger“ 2017) verkörpert die unschuldige, aber zielstrebige Etsuko. Obwohl sie zuvor noch nie vor der Kamera stand, setzte sie sich im Casting gegen die über 200 Mitbewerberinnen durch. Sie zog 1000 Kilometer von ihrer Heimatstadt Kurume im Süden Japans nach Tokyo, um sich zwei Monate intensiv auf die Dreharbeiten vorzubereiten, inklusive Rudertraining. Der Einsatz machte sich bezahlt. Für ihre erste Hauptrolle bekam Tanaka insgesamt 11 Auszeichnungen unter anderem den Japanese Academy Award als Beste Newcomerin des Jahres 1999.

Nicht einfach neben einer solchen Leistung zu bestehen. Aoi Wakana („Assassination Classrom“ 2015) als Ri gibt sich alle Mühe. Ebenso wie Nakajima Tomoko („Tsugumi“ 1990) in der Rolle der erfahrenen Trainerin. Ein bekannteres Gesicht findet man in Ren Osugi, der sowohl in Masayuki Suos „Shall We Dansu?“ (1998) als auch in Kurosawas packendem „Cure“ (1997) mit kleinen Auftritten brillierte. Überraschend ist der Auftritt von Kirina Mano, die hier als süße Schülerin ganz untypisch besetzt ist und gar nicht wiederzuerkennen ist im Vergleich zu ihren düsteren Rollen in „Bullet Ballet“ (1998) oder „Adrenaline Drive“ (1999). Zwar sind diese Charaktere nicht so im Fokus wie der von Etsuko, dennoch durchlaufen alle eine Entwicklung und wecken Sympathien.

Die schauspielerische Leistung tritt aber schon fast in den Hintergrund, im Vergleich zu den starken Bildern von Kameramann Yuichi Nagata. Bekannt durch seine Arbeiten mit Kaizo Hayashi und den Komödien von Shinobu Yaguchi und Masayuki Suo, setzt er Statements. Allein in den ersten 5 Minuten des Films erscheint es so als ob jedes Bild eine Geschichte für sich erzähle. Ruhige Bewegungen und klar konzipiertes Framing setzen auf mehreren Bildebenen die Erzählung so fort, dass die Schauspieler oftmals nur zur Kulisse des gezeigten Bildes werden. Kamera und Schnitt verbinden ein melancholische Thema mit der Sehnsucht der Hauptdarstellerin. Wunderschöne Küstenaufnahmen machen Lust auf Urlaub. Untermalt wird das Ganze durch einen zurückhaltenden Soundtrack der koreanischen Sängerin Lee Tzsche.

„Independence, Cooperation, Motivation“, so nennt im Film der Schulleiter das Motto des neuen Schuljahres, welches auch auf die Themen des Films hindeuten. Die etwas simple Story erinnert an Girl Power Filme a la „Swing Girls“ (2004) oder „Linda Linda Linda“ (2005). Mutige Mädels und eine etwas simple Story. Der lebendige Film kommt zwar etwas harmlos daher – kein großes Drama oder Hindernisse in den ersten 60 Minuten – und auch die Sportart spricht sicherlich nicht jeden an, aber „Give it All“ funktioniert als ein motivierender Film, der zeigt wie man mit Verlusten und Triumphen richtig umgeht.

#18 „Soredemo boku wa yattenai“ (2006)

Soredomo boku wa yattenai“

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„I Just didn´t do it“.

Der 26 – Jährige TEPPEI KANEKO ist mit dem Zug auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch. In dem vollgepackten Zug beschuldigt ihn eine 15 – Jährige Schülerin, er habe ihr vorsätzlich an den Po gefasst.

Es beginnt ein Prozess um die Wahrheit. Zumindest könnte man das meinen.

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Denn ist KANEKO unschuldig. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Was der Film dann in einem fast schon dokumentarischen Stil zeigt, ist das Versagen des japanischen Rechtssystems. Man erfährt, dass 99,9% aller Angeklagten in solchen Fällen schuldig gesprochen werden. Grund ist die Reputation des Richters. Je schneller er ein Verfahren abschließt und je mehr Verurteilungen er erfolgreich durchführt, desto schneller winkt ihm eine Beförderung.

KANEKO bekommt deshalb den Ratschlag auf schuldig zu plädieren. Er käme dann mit einer kleinen Geldstrafe davon. Doch KANEKO besteht auf die Wahrheit und findet Unterstützung in einem Anwalt und einem Aktivisten, der sich speziell für unschuldig angeklagte Sexualtäter einsetzt.

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Das letzte Drittel des Films zeigt die Gerichtssitzungen. Sie sind mitfiebernd und man hält quasi vor jedem Satz den Atem an. Denn trotz des korrupten Systems, in dem die Wahrheit scheinbar keinen Platz hat, bekommt KANEKO einen milden Richter, der den Ausführungen der Verteidigung positiv gestimmt ist. Doch mitten im Prozess wechselt der Richter und der Wind dreht sich wieder. So geht es weiter auf der emotionalen Achterbahn.

Der Film ist sehr dialoglastig, aber nicht langatmig, wie man es bei vielen anderen Gerichtsfilmen sieht. Die Spannung wird gehalten und die Verhandlung gibt authentischen Einblick in ein fremdes Rechtssystem. Allein diese Abläufe zu beobachten ist sehr interessant. Wie wird mit dem Opfer umgegangen, welche Verfahrenswege gibt es und wie sieht der Alltag in japanischen Gefängnissen aus?

In Kombination mit der hervorragenden schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers könnte man meinen, dass hier gerade eine wahre Geschichte gezeigt wird.

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Regisseur Masayuki Suo hat nach 11 – jähriger Pause einen Aufschrei gegen das japanische Rechtssystem ausgelöst. Hatte er 1996 noch mit Shall we dance? eine locker, leichte Komödie geschaffen, die später ein amerikanisches Remake mit Richard Gere und Jennifer Lopez bekam, so schlägt er jetzt in SOREDEMO BOKU WA YATTENAI kritischere Töne an.

Hauptcharakter KANEKO steht dabei symbolisch für eine Generation von jungen Japanern, die sich nicht sicher sind, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Als sogenannter „Freeter“, ein Mensch, der nicht in festen Arbeitsverhältnissen lebt, stolpert er durchs Leben und gerät unglücklicherweise in diese Lage.

Der gesellschaftliche Aspekt des Films und die Aktualität dieses Problems in Japan geben Zündstoff für Diskussionen.

 

Quellen:

https://goninmovieblog.wordpress.com/tag/bokuzo-masana/

http://eigarebyu.blogspot.co.at/2013/01/soredemo-boku-wa-yattenai-2007.html