#93 „Tengoku no Eki“ (1984)

„Tengoku no Eki“

aka

„Heaven Station“

Der Film erzählt die Geschichte der ersten Frau, die in Japan nach dem Krieg, auf Grund des Mordes an ihren beiden Ehemänner, 1960 zum Tode verurteilt wurde. „Heaven Station“ löste eine große Diskussion aus und gewann etliche Auszeichnungen wegen der Darstellung der Hauptfigur.

Sayuri Yoshinaga („The Makioka Sisters“ 1983) galt als eine unschuldige Schauspielerin. Man kannte sie als Werbegesicht und als die Leidende aus dem NHK Drama „Yumechiyo Nikki“, welches im selben Jahr wie „Heaven Station“ landesweit im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Beide Produktionen spielen in einem Onsen-Ressort in den Bergen. In „Heaven Station“ spielt Sayuri die kaltblütige Mörderin Kayo, die sich zuerst von ihrem, im Krieg verletzten, Ehemann missbrauchen lässt bevor sie ihn vergiftet und dann an einen vermögenden Hotelbesitzer gerät, den sie beseitigt, um an sein Geld zu kommen. Da der Film viele Nackt- und auch eine Masturbationsszene enthält bekam das lupenreine Image von Sayuri durch den Film einen Dämpfer und die Medien schossen scharf auf sie. Doch immerhin brachte ihr diese Rolle jeweils den Mainichi, den Hochi, den Kinema Jumpo und Japan Academy Award in der Kategorie Beste Schauspielerin.

Neben ihr ist der Cast ebenfalls hochkarätig besetzt. Tomokazu Miura („Hausu“ 1977) spielt den liebevollen Polizisten Hashimoto mit dem sie sich verbündet und der ihr in der Not beisteht. Toshiyuki Nishida („Sukiyaki Western Django“ 2007) als invalider erster Ehemann und Hirohisa Nakata („Graveyard of Honor“ 1975) als Hotelier und zweiter Ehemann von Sayuri. Kimie Shingyoji („Eureka“ 2000) und Kayoko Shiraishi („Female Prisoner Scorpion“ 1972) vervollständigen die Truppe. Das Schauspiel ist allgemein etwas steif, aber dem damalig gewollten Stil zu verschulden.

Regisseur Masanobu Deme hatte bis dato vorwiegend fürs Fernsehen gearbeitet und war als Regieassistent bei Akira Kurosawas „Yojimbo“ (1961) und „High and Low“ (1963) tätig gewesen. Das Filmstudio Toho engagierte ihn für dieses Projekt, das drei Jahre dauern sollte und schnitt die Rolle auf Sayuri zu, die man als Star etablieren wollte. Der Drehbuchautor Akira Hayasaka legte den Produzenten mehr als 10 Versionen vor und kreierte eine moderne Frauenfigur, die mit Schönheit und Abgründen etwas ziemlich neues im Katalog von Toho darstellt. Das gewagte Drehbuch wurde an den bekanntesten Onsen-Orten Japans gedreht und von Kameramann Masahiko Iimura („The Bullet Train“ 1975) in malerischen Bildern realisiert.

„Heaven Station“ schafft glaubhafte Charaktere. Die non-lineare Erzählweise springt zwischen den Geschehnissen hin und her und baut ähnlich wie in den Kriminalfilmen von Yoshitaro Nomura („Dämon“ 1978) ein komplexes Narrativ auf. Die Kamera und Settings überzeugen in einem etwas zu lang geratenen Melodrama, das ganz unüblich auf übertriebene musikalische Untermalung verzichtet.

#72 „Kuruwa Sodachi“ (1964)

Yoshiko Mita war in den 90er-Jahren die bestbezahlte Schauspielerin Japans. Mit ihrer Rolle in „Tragedy of W“ gelang ihr 1984 der endgültige Durchbruch und gewann alle Preise, die Japan zu bieten hat. Durch Regisseur Junya Sato („Yamato“) bekommt Mita im Jahr 1964 ihre erste Hauptrolle in dem Geisha-Drama „Kuruwa Sodachi“.

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Darin spielt sie  Tamiko. Tagsüber geht sie zur Schule und nachts arbeitet sie als Prostituierte. Als Weise, von klein auf in einem Etablissement von Geishas großgezogen, ist sie ihren Freiern ausgeliefert. Schonungslos zeigt Sato wie die Arbeit ihre Psysche zerstört. Dabei träumt sie von einem Leben als Ärztin, besucht eine Medizinschule und schwärmt für Yasuke, den sie später heiraten will. Ihre Profession steht ihr dabei im Weg und der Film lässt all ihre Hoffnungen daran zerplatzen. Yasuke heiratet eine Frau besseren Standes, und Tamiko wird von der Schule verwiesen als ihre Prostitution auffällt. Zusätzlich zwingt sie das neue Anti-Prostitutionsgesetz dazu sich an einen Gönner zu verkaufen. Vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz stehend, beginnt Tamiko sich aus ihrem Käfig zu befreien.

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„Kuruwa Sodachi“ erzählt die Geschichte einer selbstentschlossenen Frau und überrascht mit wunderschönen Sequenzen, die sowohl Achitektur als auch Charaktere kunstvoll darstellen. Sato gelingt es eine kommerzielle Geschichte mit anspruchsvoller Ästhetik zu verbinden. Für die Aufnahmen holt er sich mit Masahiko Iimura einen alten Bekannten ins Team. Die Beiden arbeiteten später nämlich auch an „Panik im Tokio Express“.

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Neben den Bildern ist die Figur der Tamiko der entscheidende Faktor. Ihre Emanzipation, die Befreiung aus dem Elend, letztendlich die Wandlung vom Opfer zur Täterin. „Kuruwa Sodachi“ beschreibt diese Entwicklung mit voyeuristischem Realismus. Für den Zuschauer bleibt sie eine heldenhafte Figur, deren Motive nachvollziehbar sind und aus dessen Verständnis heraus eine Tragik entsteht.  Das bittere Schicksal Tamikos wird konterkariert von den malerischen Panoramaaufnahmen. Kyoto erscheint hier in seiner ganzen Schönheit und Größe. Ein Gefühl von Freiheit, Aufschwung und Fortschritt, kombiniert mit den traditionellen Bauwerken zwischen denen sich aber die junge Frau nicht entfalten kann.

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Drehbuchautor Goro Tanada, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Suzuki Seijun („Gate of Flesh“), gelingt es auch in dieser Geschichte die einzelnen Elemente ohne  überflüssige Gefühlsduseleien oder explizite Gewaltorgien passend zusammenzufügen. Die in sich stimmige Erzählung beinhaltet darüberinaus auch einen moralischen Aspekt, der dem damaligen Zeitgeist entspricht. Ein Film, der nicht nur vom Kommerz getrieben ist, sondern Fragen an die Gesellschaft aufwirft. Die Rolle der Frau, soziales Ansehen und der freie Wille sind einige der Themenbereiche, die in „Kuruwa Sodachi“ angesprochen werden.

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Junya Sato liefert einen Film ab, der sowohl handwerklich als auch inhaltlich überzeugt. Ein Film, der auch leider nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient hätte, da er von anderen Genregrößen dieser Zeit überdeckt wurde. „Kuruwa Sodachi“ muss sich dahinter aber nicht verstecken.