#85 „Jarinko Chie“ (1981)

„Jarinko Chie“

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„Chie the Brat“

Es kommt selten vor, dass ein Anime das reale Leben so unprätentiös darstellt. Isao Takahatas obskure prä-Ghibli Zelebrierung des einfachen Lebens in Osakas Arbeiter Milieu stellt einen Gegenpol zu all den Superhelden des Genre dar.

Chie, das „unglücklichste Mädchen Japans“, steht im Mittelpunkt des Slice-of-Life Films. Sie ist eine burschikose Schülerin, die die Bar ihres Vaters Tetsu führt, der währenddessen die Einnahmen beim Glückspiel auf den Kopf haut. Aus mehreren Kurzgeschichten, die direkt aus der Mangavorlage von Haruki Etsumi entnommen sind, knüpft Takahata eine lose zusammenhängende Geschichte über die liebenswerten Bewohner des Viertels.

Nachdem er die Produktion von „Anne mit den roten Haaren“ (1979)  beendet hatte wollte sich Isao Takahata eigentlich einen wohlverdienten Urlaub gönnen. Doch daraus wurde nichts, als der Animator Yasuo Otsuka („Das Schloss des Cagliostro“ 1979) anrief, um ihn von „Chie the Brat“ zu erzählen. Anfangs wenig begeistert, kehrte Takahata dem Projekt zuerst den Rücken bevor er dann doch einwilligte. Neben Otsuka und Takahata gesellte sich noch Yoichi Kotabe hinzu. Später leitender Illustrator für Nintendos Super Mario und den ersten Pokemon Film. Die Drei kannten sich bereits durch die Arbeit an „Die Abenteuer des kleinen Panda“ (1972). Das Team fand später bei „Nausicaaä  aus dem Tal der Winde“ (1984) im Studio Ghibli abermals zusammen.

„Chie the Brat“ verbleibt zeichnerisch nah an der Originalvorlage. Der robuste Zeichenstil des Mangas findet sich im Film fast 1:1 wieder. Die Charaktere haben Ecken und Kanten, fluchen, und pflegen dynamische Beziehungen zueinander. Dabei kommt durch Takahatas Regie jeder Figur, sei es Rentnerin oder Gangster, der selbe Respekt entgegen, wodurch eine kindliche Wohlfühlatmosphäre geschaffen wird, die das Böse gänzlich Außen vor lässt. Chie, die als Scheidungskind bei ihrem Vater wohnt, hat aber noch regen Kontakt zu ihrer Mutter. Im Verlauf des Films versucht Chie die beiden wieder zusammenzuführen, aber Tetsus Wesen verhindert ein Happy End. Die Szenen zwischen Chie und ihrer Mutter bilden die ernsten Momente des Films.

Zeitgleich zum Film entstand auch eine Animationsserie fürs Fernsehen. Für beide sprach der bekannte Komiker Norio Nishikawa („Hanezu“ 2011) die Rolle von Chies Vater. Sein derber Humor fand bei den TV-Produzenten nur mäßig Anklang, wurde aber auch nicht geändert. Vielmehr passte sich die billig produzierte Fernsehproduktion an die Qualität des Films an und überarbeitete die Zeichnungen, auch aus dem Grund, um Szenen aus dem Film mit reinschneiden zu können.

Thematisch kann man den Film Takahatas „Meine Nachbarn die Yamadas“ (1999) zuordnen. In beiden finden sich die episodenhafte Erzählung und die für Studio Ghibli typischen starken Frauenfiguren. Anders als bei Hayao Miyazaki („Prinzessin Mononoke“ 1997) werden hier keine fantastischen Welten inszeniert, sondern realistische Alltagssituationen. Eine aberwitzige Fehde zwischen Katzen über einen abgetrennten Hoden lockert den Realismus auf, und auch generell bleibt der Humor nicht auf der Strecke. Die Einbeziehung und Vermenschlichung von Tieren, sowie deren Obsession mit Genitalien erinnert an den 1994 erschienenen „Pom Poko„. Allerdings nimmt die Nebenerzählung der beiden Katzen besonders am Ende zu viel Bedeutung ein.

Bis auf dieses kleine Manko bietet „Chie the Brat“ eine universell amüsante Unterhaltung mit schrulligen Figuren, die man durchaus als Basis für Takahatas spätere Arbeit bei Studio Ghibli verstehen kann.

 

#53 „Yanagawa horiwari monogatari“ (1987)

„Yanagawa horiwari monogatari“

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„The Story of Yanagawa’s Canals“.

Yanagawa ist eine unauffällige Kleinstadt. Die 60.000 Einwohner leben an der Mündung des Chikugo. Sein Hauptstrom speist sich ein in die vielen kleinen Kanäle der Stadt, denen sie den Beinamen „Klein-Venedig“ zu verdanken hat.

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Isao Takahata hat diesen Kanälen eine knapp 3-stündige Dokumentation gewidmet. Der Studio Ghibli Regisseur ist fasziniert von der Geschichte der Gewässer.

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In einem nostalgischen Zurückblicken verweist er auf die Verbindung zwischen Mensch und Kanal. Dabei waren früher die Wasserwege die vertrauten Lebensadern jeder Dorfgemeinschaft und wurden mit Respekt behandelt. Wasser galt als Retter in schweren Zeiten und wurde in Gedichten  und Sprichwörtern angepriesen. Zudem fand man auf und am Wasser Erholung.

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In Yanagawa gab es früher mehr Kanäle als Straßen. Der Film als Sozialstudie beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Bewohner zu den Kanälen. Die Bedeutung als Transportweg, als Trinkwasserquelle, Sake- und Soyasaucen Bestandteil, landwirtschaftliches Nutzwasser oder Badewasser zeigt wie sehr Alltag und Wasser miteinander verschmelzen. Ebenso lösen sich auch öffentliche und private Bereiche auf. So werden manche Kanäle in private Gärten umgeleitet und dienen dort der Befüllung von Gartenteichen.

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Einmal im Jahr sind die Kanäle Schauplatz des „Kappa-Matsuri“. Einem Gondelfest zu Ehren des Wassers. Jedes Jahr kommen daher aus ganz Japan Gäste nach Yanagawa.

Der Film beschreibt die Wasserkultur und die Veränderung, die sich über die Jahrzehnte daran gezeigt hat. Waren die Menschen früher mehr auf regionaler Ebene auf Wassersysteme angewiesen, so wurde durch die Technisierung das persönliche Verhältnis zwischen Mensch und Natur zunehmend distanzierter. Die Urbanisierung führte zum Ausbau von Kanalisationen, die vielerorts die Kanäle überflüssig machte.

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Auch in Yanagawa gab es in den 1970er-Jahren schwere Verschmutzungen im Wasser und die Idee die Kanäle durch eine Kanalisation zu ersetzen. Die Anwohner setzten sich aber schließlich mit einer Restaurierung der Kanäle durch. Durch Eigeninitiativen haben sich seitdem die Bewohner verpflichtet die Kanäle sauber zu halten.

Die Dokumentation nimmt, auch auf Grund seiner langen Einstellungen, meditative Formen an. Viele subjektive Bootsfahrten entlang der Kanäle und Luftaufnahmen versuchen das weitverzweigte Netz der Wasserwege einzufangen. Die realen Aufnahmen werden unterstützt durch Zeichnungen, Grafiken und Stadpläne.

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Überraschenderweise gibt es kaum Animationssequenzen, die man, auf Grund der Nähe zu Studio Ghibli, erwarten könnte. Diese Dokumentation ist eine Herzensangelegenheit des Regisseurs und beinhaltet viele verträumte Sequenzen, die Schauplatz eines Studio Ghibli Films sein könnten.

Ohne Zweifel eher ein Film, den man als „Special Interest“ kategorisieren kann. Wer sich für die strukturelle Bedeutung von Wasser interessiert oder einfach etwas Ruhiges zum Abschalten sucht, für den ist der Film sehr geeignet.