#83 „Oppai Volleyball“ (2009)

Manche Filme kann es nur in Japan geben. Besser gesagt, manche Genre kann es nur in Japan geben. Neben den Gourmet Filmen, die sich zu großen Teilen nur ums Essen drehen („Tampopo“ 1985, „Kirschblüten und rote Bohnen“ 2015), hat sich parallel seit den 1980er-Jahren das High School Sport Genre etabliert. Die gewohnte Aufteilung der Charaktere in Held und Bösewicht, die Verfolgung eines klaren Zieles und die Katharsis durch die Überwindung einer scheinbar unlösbaren Aufgabe treten in diesen Filmen in den Hintergrund. Die Handlung besteht oftmals aus einer Aneinanderreihung von Witzen innerhalb einer Gruppe, die einfach eine gute Zeit hat, gemeinsam isst oder Sport treibt.

Man sollte daher seine Ansprüche an „Oppai Volleyball“ nicht zu hoch stellen. Aber immerhin gewann die Produktion von Nippon Television dank der Hauptdarstellerin Haruka Ayase („Cyborg She“ 2008) sowohl den Blue Ribbon Award und den Japan Academy Prize in den Kategorien „Beste Hauptdarstellerin“ und „Beliebteste Hauptdarstellerin des Jahres 2010“.

In „Oppai Volleyball“ spielt Ayase die Lehrerin Mikako. Als enthusiastischer Neuling an der Schule wird sie mit der Aufgabe betraut, das erfolglose Jungen Volleyballteam zu trainieren. Das Sextett, bestehend aus Vorzeige Nerds, die noch nie einen Volleyball in der Hand hatten, nutzte die Zeit im Volleyballclub bislang mehr, um ihre pubertären Triebe zu befriedigen als sportlichen Ambitionen nachzugehen.

Wie kann Mikako eine solche Truppe motivieren? Mit Brüsten. Wenn die Jungs es wirklichen schaffen sollten ein Spiel zu gewinnen, bekommen sie Mikako’s Brüste zu sehen. Von nun an ist die Schicksalsgemeinschaft wie ausgewechselt und hängt sich voll rein. Das erste Spiel gegen das Team der Mädchen geht zwar noch verloren, aber mit vollem Fokus auf das versprochene Ziel wächst das Team über seine Grenzen hinaus.

Die Beschreibung des Filminhalts klingt definitiv perverser als er eigentlich ist. Den schlüpfrigen Teenager Humor transportiert der Film überraschend unschuldig herüber. Im Vordergrund steht die gute Laune, Freundschaft und der Glaube an sich selbst. Die männlichen Charaktere wirken keinesfalls sexistisch, sondern sind allesamt sehr sympathische Figuren. Das liegt auch daran, dass der Film sich selbst nicht zu ernst nimmt. Versaute Witze werden selbstreflexiv eingestreut und begleiten den generischen Erzählstrang über die sportliche Weiterentwicklung der Gruppe. Die fehlende Ernsthaftigkeit macht „Oppai Volleyball“ zu einem seichten Coming-of-Age Vergnügen.

Die Nähe zu anderen filmischen Vertretern des Genre ist dem Film deutlich anzumerken. Regisseur Eiichiro Hasumi macht bei seinem albernen Humor Anleihen beim  Kollegen Yaguchi Shinobu, der mit Komödien wie „Waterboys“ (2001) einen ähnlichen Ton anschlägt. Shinobu besetzte auch schon Haruka Ayase ein Jahr zuvor in „Happy Flight“ (2008).  Eiichiro Hasumi begann als Regieassistent bei der Polizei-Erfolgsserie „Bayside Shakedown“ (1997) und hatte danach eine durchwachsene Karriere als Regisseur von eher schwächeren Mangaadaptionen wie „Umizaru“ (2004) und besseren wie „Antique“ (2001). Zusammen mit Drehbuchautor Okada Yoshikazu („Be With You„, 2004) entwickelt Hasumi eine typische Struktur des Genres: Ein vielversprechender Anfang, ein dramatischer Ausblick in der Mitte des Films, und schließlich ein Ende vollgepackt mit Lebensweisheiten. All das um einiges zurückhaltender erzählt als in Hasumi’s vorangegangenem Sportfilm „The All-Out Nine“ (2005). Leider verliert die Unkonventionalität mit der „Oppai Volleyball“ beginnt sehr schnell an Schärfe und ordnet sich ein, in die Reihe unzähliger belangloser Teenager Komödien.

Interessant ist allerdings das Setting des Films. Angesiedelt im Jahr 1979 in der Großstadt Kitakyushu, vermittelt „Oppai Volleyball“ durch Soundtrack und Outfits ein authentisches Lebensgefühl der Zeit. Gerade hier merkt man, dass japanische Regisseure immer stärker geprägt sind von einem nostalgischen Blick in die (eigene) Vergangenheit. Leider verspielt der Film auch einen Trumpf, da sich die meisten Szenen innerhalb von Gebäuden abspielen. Hier hätte man mit aufwendigen Setdesigns und Kulissen viel mehr machen können.

Im Mittelpunkt steht vielmehr Ex-Idol Haruka Ayase’s Schauspielleistung. Ihr Charakter Mikako ist im Vergleich zu den Jugendlichen tiefgründiger und bringt eine Vorgeschichte aus ihrer vorherigen Schule mit in den Film, die teilweise droht die eigentliche Erzählung zu überdecken. Der Film ist sich stellenweise nicht einig auf welchen Aspekt er sich konzentrieren soll. Die ungelösten Probleme ihrer Vergangenheit oder die Bemühungen ihrer Schüler. Die Absicht hinter der Backstory von Mikako soll sie vielschichtiger machen, führt aber zu einer unstimmigen und unnötig dramatisierten Dramaturgie. Da hilft auch nicht der Cameo-artige Auftritt von Toru Nakamura („K20„, 2009).  Wer Haruka Ayase in einer ernsten Rolle sehen möchte, dem sei „Unsere kleine Schwester“ (2015) von Hirokazu Koreeda zu empfehlen.  Die Gruppe der jugendlichen Hauptdarsteller harmoniert dafür sehr gut untereinander. Munetaka Aoki („The World of Kanoko“ 2015, „Hara-Kiri“ 2011), als Teil des Jungenteams und Ken Mitsuishi („Audition“ 1999, „13 Assassins“ 2010) als Coach des gegnerischen Teams sind die bekannteren Gesichter des Cast. Die Kameraführung übernahm Hiromitsu Nishimura, der ebenfalls die beiden Boxfilme von Masaharu Take, „100 Yen Love“ (2014) und „Ringside Story“ (2017) mit der Kamera begleitete.

Das Fazit zu „Oppai Volleyball“ fällt so aus, wie ich es mir von Anfang an gedacht habe. Ein Film, der mit seinem aufreizenden Titel anlockt und mehr Skurilität verspricht als er eigentlich beinhaltet. Eine harmlose Underdog Geschichte wie sie davor und danach schon hundertfach erzählt wurde und bis auf ein paar wenige pointierte Witze nicht viel bieten kann.