#38 „Terasu nite“ (2016)

„Terasu nite“

aka

„At the Terrace“.

Eine Party in einer Villa in Tokyo. Was im Inneren passiert bleibt dem Zuschauer verborgen.  Eine Terrasse als Bühne. Ein Kammerspiel, ohne Kammer.

Die Protagonisten, alle beruflich oder familiär miteinander verbunden, führen auf der Terrasse zunächst harmlosen Small-Talk, liefern sich dann aber immer provokantere Wortgefechte. Ein Missverständnis führt zum nächsten und schließlich fallen alle Hemmungen.

Regisseur Kenji Yamauchi verfilmt hier sein eigenes Theaterstück von 2015, in dem die japanische Etiquette und die Masken der Partygäste nach und nach zerbröckeln. Dabei geling es ihm durch Dialoge und Kamera dem einzelnen Raum eine Dynamik zu geben, die sich durch die Handlungen der Gäste aufschaukelt. Es stellt sich die Frage: Wie gut glaubt man die Menschen zu kennen, die einem Nahe stehen? Und es zeigt sich, dass unter der Fassade nichts so zu sein scheint wie es wirkt.

Mit viel schwarzem Humor, Satire und Wortwitz arbeitet der Film sich immer weiter vor in die Probleme der Lebensentwürfe des Ensembles. Die Stärke des Films liegt eindeutig bei den schauspielerischen Leistungen, die bei dem nüchternen Setting besonders im Vordergrund stehen. Bei einem solchen Film steht und fällt alles mit den Dialogen und wie sie rübergebracht werden. In diesem Fall überzeugt durchweg der gesamte Cast und ergänzt sich perfekt.

Ein überaus intelligenter und scharfsinniger Film, der für sich selbst spricht und zu keinem Zeitpunkt Gefahr läuft sein Tempo zu verlieren.

 

 

 

 

#33 „Die Rote Schildkröte“ (2016)

La Tortue Rouge“

aka

„The Red Turtle“

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„Die Rote Schildkröte“.

Ein schiffbrüchiger Mann strandet auf einer einsamen Insel. Seine Versuche mit einem Floss zu entkommen werden von einer roten Schildkröte verhindert. Bei einem Landgang der Schildkröte auf der Insel überwältigt der Mann sie, in der Hoffnung nun endlich fliehen zu können. Doch über Nacht findet eine wundersame Verwandlung statt, die dazu führt, dass er seine Pläne über Bord wirft.

Die Co-Produktion von Wild Bunch und Studio Ghibli stellt ein Novum dar. Ohne Dialoge, getragen von Zen – gleicher Ruhe und den Geräuschen der Natur, entwickelt der Film ein tieferes Verständnis für die Welt und deren Bewohner. Untermalt von einem orchestralen Soundtrack begleitet man den namenlosen Überlebenskünstler bei der Erkundung der Insel. Stellt sich die Natur dabei auch immer wieder als Feind des Menschen heraus, so geht der Mann im Laufe des Films eine innige Beziehung mit ihr ein.

Als eine Art Fabel erzählt der Film das Schicksal der Hauptfigur, über dessen Vorgeschichte nichts bekannt ist. Er ist herausgelöst aus dem Alltag und erscheint somit zuerst charakterlos. Erst die Interaktion mit seiner Umwelt strukturiert seine Figur, lässt ihn empathisch wirken. Dabei nehmen, wie bei Studio Ghibli Filmen üblich, Tiere und Natur eine eigenständige Rolle als Protagonisten ein und prägen den Film entscheidend mit.

DIE ROTE SCHILDKRÖTE ist der erste Film, den Studio Ghibli im Ausland produziert hat. In Zusammenarbeit mit dem niederländischen Animator und Trickfilmregisseur Michael Dudok de Wit, der 2001 mit Father and Daughter den Oscar für Bester animierter Kurzfilm gewann, entstand ein Hybrid. Ein Werk, dass die Brücke zwischen Ost und West schlägt. Zum einen der europäisch geprägte Zeichenstil. Oft in Supertotalen und mit Anlehnungen an den französischen Künstler Jean Giraud (Möbius). Bilder, die das Individuum in der Landschaft klein und unbedeutend wirken lassen. Zum anderen eine Geschichte, die die beseelte Natur der Tiere wiedergibt. Geprägt vom japanischen Shintoismus legt der Film einen harmonischen Umgang mit der Natur nahe. Dieser Film erinnert uns daran, dass die Natur etwas Größeres ist als unser eigenes Leben, etwas was wir nachfolgenden Generationen hinterlassen.

 

#30 „Kimi no Na wa.“ (2016)

Kimi no Na wa.“

aka

„Your Name.“.

Ein Junge aus Tokyo und ein Mädchen aus einem kleinen Bergdorf tauschen in unregelmäßigen Abständen ihre Körper. Beide wissen nicht wieso dies geschieht, haben sich noch nie getroffen und können sich nur sehr wage an das Erlebte erinnern.

MITSUHA lebt mit ihrer Schwester und Großmutter in dem kleinen Dorf. Sie hält das Leben in der Kleinstadt nicht mehr aus und sehnt sich nach der Großstadt. TAKI lebt in Tokyo mit seinem Vater und geht wie Mitsuha in die Oberstufe.

In Mitsuha´s Dorf bereiten sich alle auf ein großes Fest vor, in dessen Vorfeld sie zusammen mit ihrer Schwester und Großmutter traditionelle Rituale einstudiert. Gleichzeitig blicken alle mit großer Erwartung auf den Vorbeiflug eines Meteoriten, der nur alle 1200 Jahre so nah an die Erde kommt.

Doch seit dem Abend des Festes und des Meteoritenfluges kommt es zu keinen Körperwechseln mehr. In den darauffolgenden Tagen geht Taki der Sache auf den Grund und versucht seine verschwommene Erinnerung an die fremde Identität aufzufrischen. Durch sein zeichnerisches Talent kann er Bilder aus seiner Erinnerung zu Papier bringen und kommt schließlich auf den Ort, an dem Mitsuha lebt.

Der Ort existiert aber seit 3 Jahren nicht mehr…

Der Film spielt mit verschiedenen Zeitebenen und setzt sehr stark auf die Mittel der Montage, um zuerst Spannung und im späteren Verlauf Mitgefühl zu erzeugen. Da KIMI NO NA WA noch ganz neu ist und in Japan erst Ende August erschienen ist, möchte ich nicht zu viel von der Geschichte vorwegnehmen.

Regisseur Makoto Shinkai gelingt es seine beiden Hauptcharaktere dynamisch darzustellen und verbindet intelligentes Storytelling mit viel Emotion und technischem Können. Die Musik trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei. Immer wieder gibt es kleinere Zwischensequenzen, die mit passenden Liedern als Zusammenfassung das Geschehene kommentieren.

Auch der Einfluss von alten Traditionen verbindet Shinkai sehr schön mit modernen, mystischen Themen. Der Gegensatz von Stadt und Land spielt auf allen Ebenen eine Rolle.

Der Anime ist nun seit vier Wochen an der Spitze der japanischen Kinocharts und auf dem Weg der Überraschungsfilm dieses Jahres zu werden. Einige Kritiker sprechen bereits vom schönsten Anime aller Zeiten. Dies kann am Ende aber nur die Zeit genauer sagen. Und zumindest mit dem Thema Zeit geht der Film schon meisterhaft um.