#96 „Odayaka“ (2012)

Was bedeutet es in Zeiten der Krise eine Mutter zu sein? Nobuteru Uchidas Katastrophenfilm versetzt uns in die Situation zweier unterschiedlichen Paare zum Zeitpunkt des Fukushimaunglücks im Jahr 2011.

„Odayaka“ steigt sofort mit dem Erdbeben ein. Die Kamera wackelt, Orientierungslosigkeit und Chaos. Die Apokalypse ist da und Tokyo kämpft mit den Folgen des Erdbebens und der unbekannten Bedrohung durch den nuklearen Super-GAU im nahegelegenen Fukushima. Wir sind live dabei in der unheimlichen Szenerie und erleben die Ungewissheit in Form von ständiger Befeuerung von Nachrichten aus Radio und Fernsehen. Die Versorgungslage ist kurzzeitig unterbrochen. Kein Essen, kein Wasser.

In dieser Situationen befinden sich zwei benachbarten Familien, deren Sorgen wir begleiten. Saeko, gespielt von Kiki Sugino („Hospitalite“ 2010), steht gerade vor den Trümmern ihrer Ehe. Vom Mann verlassen, ist sie besonders besorgt um das Wohl der gemeinsamen Tochter. Eine Tür weiter, bei Yukako und Tatsuya, hält die Beziehung. Die Angst vor der Strahlung stellt die Zukunft der beiden aber ebenso auf die Probe. Yukako will aus der Stadt und muss Tatsuya dazu drängen seinen Job aufzugeben.

Regisseur Nobuteru Uchida verwebt in seinem zweiten Spielfilm reale Ereignisse mit sozialen und gesellschaftlichen Themen. Verantwortung in der Familie für das eigene Kind wird hier gleichgesetzt mit der Verantwortung der Regierung gegenüber den Bürgern. Gefahren werden unterschätzt und klein geredet.

In einer packenden Chronologie prangert der Film den Kollektivismus Japans an. Die wiederholenden Appelle an den japanischen Geist, die in Firma und sozialem Umfeld in den Tagen nach der Katastrophe vorgebetet werden, stehen im krassen Gegensatz zu den gleichzeitig zerbrechenden familiären Strukturen im privaten Umfeld. Menschen mistrauen einander, grenzen aus, werden selbst isoliert. Keiner traut sich seinen Ängsten Raum zu geben. Diejenigen, die es tun lösen Konflikte aus und werden gemieden. „Odayaka“ nutzt den Ausnahmezustand als Katalysator für bereits vorher bestehende Fehlentwicklungen, die nun hervortreten und sichtbar werden.

Ohne Kitsch schildert der Film einen aufkeimenden Streit zwischen den fürsorglichen Frauen und der Außenwelt, die sich hinter den Masken der Normalität versteckt. Schnelle Schnitte und eine Kamera, die stets nah an den Hauptprotagonisten dran ist sorgen für ein hohes Tempo. Das soziale Drama entwickelt sich zu einer Parabel über den Wahrheitsanspruch. Ähnlich wie Thomas Vinterbergs „Die Jagd“ (2012) baut sich im Verlauf der Erzählung eine intensive Spaltung zwischen Saeko und den anderen Müttern im Kindergarten auf. Es entsteht eine ausweglose Situation. Zum Zeitpunkt des größten Schmerzes bilden die beiden Nachbarinnen eine Allianz.

Die schauspielerische Leistung ist enorm. Ebenso wie die Kameraarbeit von Shinichi Tsunoda („Tsukiji Wonderland“ 2016), der seine Erfahrungen aus dem Dokumentarfilm hier stark einfließen lässt. Ein Stil der seiner Zeit sicherlich um 2-3 Jahre voraus war und heute als modern im japanischen Kino gilt. Bekanntestes Gesicht ist Kanji Furutachi („After the Storm“ 2016), der eine Mini-Rolle als Verkäufer von Strahlenmessgeräten hat. Er und Hauptdarstellerin Kiki Sugino waren zusammen auch in „Hospitalite“ zu sehen.

In den letzten Minuten verkommt der Film zu einem klassischen Scheidungsdrama. Die Katastrophe rückt immer weiter weg und die Panik rund um die Strahlengefahr ist nicht mehr so greifbar. Es wird persönlicher und gleichzeitig auch allgemeiner. Mir fehlte zum Schluss wieder der Bezug zu den äußeren Umständen.

„Odayaka“ bleibt aber ein eindrucksvoller Film, der nur 1 Jahr nach der Dreifach-Katastrophe in Japan entstand. Seine Stärke liegt darin die unterschiedlichen Wahrnehmungen eines solches Ereignisses dazulegen und den Zuschauer mit seinen Hauptfiguren sympathisieren zu lassen. Dabei steht die Liebe der Mutter, die bei dem Versuch dieses zu retten, immer tiefer sinkt, im Mittelpunkt. Vor dem Hintergrund einer ununterbrochenen Nachrichtenschleife verbindet der Regisseur ein universelles Thema mit Aktualität und schafft ganz nebenbei zwei starke, authentische Frauenfiguren.

#4 „Jiro dreams of Sushi“ (2012)

Jiro Dreams of Sushi“

aka

Jiro und das beste Sushi der Welt“

Jiro Ono ist 85 Jahre alt und Sushi Koch in Tokyo. Im Keller eines Bürogebäudes führt er ein Restaurant, in dem knapp 10 Gäste Platz finden. Zu seinen Gästen gehörten bereits Barack Obama und Japans Premierminister Shinzô Abe.

Die Dokumentation blickt in die Küche des besten Sushi Restaurants der Welt und erforscht den Mann hinter dem Tresen.

Doch so gut Jiro Ono auch sein mag, er wird nicht ewig Sushi machen können. Was passiert mit seinem Wissen und Restaurant nach seinem Ableben?

Zwei Söhne versuchen sich an dieser schweren Aufgabe. Der Erstgeborene, Yoshikatzu, wird das Restaurant des Vaters weiterführen und arbeitet ihm seit 40 Jahren zu. Inzwischen darf er auch selber Sushi zubereiten, wird aber noch bei jedem Handgriff vom Vater getadelt und verbessert. In Fakt war er aber derjenige, der für die Restaurantkritiker des Guide Michelin gekocht und 3 Sterne von ihnen bekommen hat (laut Definition bedeuten 3 Sterne im Michelin Guide, dass es sich alleine für dieses Lokal lohn ein Land zu besuchen!). Jiro´s Können wird in der Dokumentation als uneinholbar beschrieben, welches dem Fakt zu Grunde liegt, dass er sein gesamtes Leben dem Sushi verschrieben hat. Der zweite Sohn, Takashi, hat sich selbstständig gemacht und ein eigenes Sushi Restaurant eröffnet.

Die Söhne erzählen von ihrer Kindheit und von dem fremden Mann, der ab und zu auf der Couch schlief – ihr Vater Jiro. Er war für sie quasi nicht existent, da er Tag und Nacht im Restaurant arbeitete und sich auch nie frei nahm.

Der Fokus liegt aber auf der Beziehung zwischen Jiro und dem älteren Sohn Yoshikatzu, und seinem Bestreben den Ansprüchen des Vaters gerecht zu werden. Die Aufgabe ist aber letztendlich unmöglich, da Jiro noch nicht einmal seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird.

Der amerikanische Regisseur David Gelb porträtiert mit „Jiro Dreams of Sushi“ einen Besessen.  Jiro hat aus dem Nichts ein Lebenswerk aufgebaut und tat dies nicht für Ruhm oder die 3 Sterne im Michelin Guide. Im Japanischen gibt es den Begriff des Ikigai, welcher sich als Lebenssinn übersetzen lässt. Diesem, inzwischen veralteten, Prinzip fühlt sich Jiro verpflichtet. Er beschloss, dass Sushi sein Lebensinhalt sein werden würde und widmete sich dieser Entscheidung. Wie lässt sich dieses Prinzip auf die nächste Generation übertragen? Yoshikatzu scheint sich dieser Aufgabe ohne Zweifel zu stellen und lernt selber jüngere „Anwärter“ an.

Die nachdenkliche Dokumentation geht weit über bloße Zubereitungstechniken von Sushi hinaus und thematisiert den Konflikt von Tradition und Moderne. Jiro Ono wird zu einer fast unmenschlichen, gottgleichen Person stilisiert. Ein alter, weiser Mann, dessen Künste unerreichbar erscheinen. Gleichzeitig kündigt der Film das Ende seiner Ära an und spricht von einem Geist, der nie ganz aus dem Restaurant verschwinden wird.

Außerdem schneidet er kurz das aktuelle Thema der Überfischung an, welches Jiro bereits selber erkannt hat und auch kritisiert.

Zusammenfassend: ein wichtiger Film über Respekt, Tradition und verdammt teures Sushi.