#88 „Seishin“ (2008)

„Seishin“

aka

„Mental“

Regisseur Kazuhiro Soda arbeitete in einer Filmproduktionsfirma in New York und drehte dort mehr als 50 Beiträge für den staatlichen Fernsehsender Japans NHK. Inspiriert von den Dokumentarfilmen eines Frederick Wiseman, entwickelt er seinen eigenen „Observation“- Style. Soda, der es von seinem alten Job gewohnt war nach festen Skripten und Drehplänen zu arbeiten, entschied sich für ein freieres Konzept. Keine Skripte, keine Recherchen, nur die Kamera und die Realität.

2005 kehrte er aus den USA nach Japan zurück mit der Absicht einen Film über geistige Erkrankungen zu drehen. Das Projekt verschob sich aber, da Soda per Zufall einen alten Schulfreund traf, der für den Stadtrat in Kawasaki kandidierte. Er nutzte die Gelegenheit und produzierte „Campaign“ (2007). Mit einem Jahr „Verspätung“ konnte sich der Filmemacher nun der ursprünglich geplanten Dokumentation „Mental“ (2008) widmen.

Der alternative Titel im Vorspann, „Observational Film #2“, verweist schon darauf, dass Soda an dem Dogma, welches er sich selbst seit seinem ersten Film auferlegt hat, festhält. Selbstfinanziert, selbstgedreht, Fokus auf Randgruppen oder Randgebiete, keine Musik, und lange Einstellungen bilden Sodas 10 Gebote nach denen er bis dato acht Dokumentationen herausgebracht hat.

In „Mental“ bekommen wir einen Einblick in die Choral Okayama Clinic, die vom pensionierten Psychiater Dr. Masatomo Yamamoto und einem kleinen Team von Helfern geführt wird. Die Einrichtung fungiert als Tagesklinik und bietet Kurzzeit Apartments für Patienten an. Masatomo fungiert als „Held“ des Films. Man lernt viel über die Arbeit des Doktors, die organisatorischen Hindernisse und das einfaches Zuhören schon viel helfen kann. „Mental“ zeigt sowohl Menschen mit psychischer Erkrankung als auch als die Helfer. In den Therapiesitzungen wird deutlich, dass der Doktor als Heiler nur Tipps geben kann, Denkanstöße, die der Patient selbst umsetzen muss. Die Szenen sind ungeschnitten, und Soda versucht sich und seine Kamera möglichst unsichtbar zu machen.

In privaten Momenten stellt er Fragen. Die Interviews bringen teilweise erschütternde Biographien hervor, und auch Unerwartetes. Genie und Wahnsinn liegen oft nah beinander. Soda gelingt es dabei die Verzweiflung, die Angst und Hilflosigkeit ebenso darzustellen wie die Notwendigkeit einer Therapie in solchen Fällen. „Mental“ entwickelt sich zu einem Plädoyer für die Förderungen solcher Einrichtungen und  klagt das staatliche System an. Ähnlich wie in Filmen von Kazuo Hara („Goodybe CP“ 1972) gibt er den Schwachen der Gesellschaft einen Raum sich auszudrücken. Dabei kommt es zu skurillen, lustigen und traurigen Momenten.

Die knapp zweistündige Dokumentation spielt sich ausschließlich innerhalb der Klinik ab. Trotzdem beibt der Film abwechslungsreich. Ein paar Szenen der Patienten wie sie mit ihrer Erkrankung im Alltag zurecht kommen wären dennoch interessant gewesen.

#8 „Kurôn wa kokyô wo mezasu“ (2008)

Kurôn wa kokyô wo mezasu

aka

The Clone Returns Home“.

Ein Kind stirbt. Eine Mutter trauert. Ein Bruder hat Schuldgefühle.

Der Bruder, der überlebt wird Astronaut und stirbt im Weltall. Sein Körper wird geklont, doch das Trauma der Kindheit lässt auch den Klon nicht los.

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VORSICHT: Zäh!

„Kurôn wa kokyô wo mezasu“ ist Meditation. Er ist genau das, was man von einem japanischen Film erwartet. Lange Einstellungen, wenig Dialoge und vollgepackt mit Metaphern.

Was zunächst wie ein Familiendrama beginnt, entwickelt sich zu einem moralischen Kunstwerk über den Wert des Lebens. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Wie weit darf die Wissenschaft gehen?

Der Klon fungiert als Lebensversicherung, der nach dem Tod des Versicherten mit dessen abgespeicherten Erinnerungen befüllt und aktiviert wird.

Doch schnell wird klar, dass das Kindheitstrauma die Seele des Klones ebenfalls befallen hat. Der Klon bricht aus der Forschungseinrichtung aus, sucht den Ort seiner Kindheit, sein Elternhaus auf, um zu erfahren was es mit dem Tod seines Bruders auf sich hat.

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„The Clone Returns Home“ erschien 2008 und wurde vom deutschen Regisseur Wim Wenders produziert. Sein Einfluss zeigt sich in Szenen, die sehr illusionistisch, traumhaft sind und die Grenze zwischen Realität und Wahnvorstellung verwischen.

In der philosophischen Grundfrage des Films bezieht Regisseur Kanji Nakajima eindeutig Stellung. Er kritisiert das Klonen, porträtiert die Wissenschaft als profitgierig und bereit Menschenleben für den Fortschritt zu opfern.

Ähnlich wie das amerikanische Scifi-Drama Moon, welches ein Jahr später, 2009, erschien, thematisiert der Film die Frage der Identität und Einzigartigkeit des Menschen. „The Clone Returns Home“ ist aber in seiner Machart um einiges ruhiger und ist mit fast zwei Stunden eine große Geduldsprobe für den Zuschauer.