#55 „Kisaragi“ (2007)

Fünf Männer haben sich in einem Internetforum verabredet. Sie treffen sich in einer angemieteten Lagerhalle. Anlass ist der erste Todestag ihres Idols: Kisaragi Miki.

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Kisaragi Miki  war Model und eine drittklassige Sängerin. Trotz ihrer unterdurchschnittlichen Mittelmäßigkeit widmeten die fünf Männer ihre ganze Freizeit dem Leben des jungen Mädchens. Als sie sich völlig unerwartet das Leben nimmt, bricht für die Fans eine Welt zusammen.

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Das Treffen beginnt zunächst als Gedenkparty. Es gibt Essen und Trinken. Doch die informelle Absicht des Treffens wird zunehmend formeller und ernster. Denn keiner der Anwesenden ist der, der er vorgibt zu sein und die Theorie von Kisaragis Selbstmord wird plötzlich in Frage gestellt. Ist einer der Anwesenden verantwortlich für ihren Tod?

In KISARAGI vermischen sich die klassisch überdrehten, japanischen Komödienelemente mit dem Whodunit. Etwas parodistisch gleitet der Film dabei immer stärker ab. Die Wendungen erscheinen sehr übertrieben, auch wenn sie so gewollt sind. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Geschichte.

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Jede Wendung und jede neue Erkenntnis wird mit größter Verwunderung aufgenommen. Der Film bleibt dadurch spannend, doch gerade gegen Ende hin sehnt man sich endlich nach einer Aufklärung.

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In seinem Kontext ist der Film dahingehend auch interessant, da er Einblick in die Welt der Idols bzw. ihrer Fans gibt. Hierbei handelt es sich um ein japanisches Phänomen, dessen Auswüchse schon in der Kritik zu Otaku (1994) beschrieben wurden. Die erwachsenen Männer tauschen sich über ihre Idol-Sammlungen aus, die nicht nur aus Autogrammen und Fotos bestehen, sondern auch aus persönlichen Briefen und Gegenständen des Idols. Die Fan-Kultur hat sie zusammen gebracht und ihnen die Möglichkeit gegeben sich, über die gesellschaftlichen Grenzen hinweg, auszutauschen.

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Das Internet, der Ort an dem sich die Fünf organisiert haben, bot den Männern bisher die Möglichkeit ihre Identität zu verdecken. Die Organisation solcher Fan-Gruppen im Internet verweist auf andere Phänomene wie die sogenannten Imageboards, die in Japan 2channel als prominentesten Vertreter bekannt gemacht haben. Die Nutzung solcher Foren als Mittel der Kommunikation findet besonders in dem Manga und in der dazu entstandenen Serie Densha Otoko popkulturelle Aufarbeitung.

Jenseits der Online-Welt treffen sich die Nutzer des Forums nun aber in der Realität und merken, dass auch hier alle vorgeben jemand zu sein. Darin besteht der Subtext des Films, dessen eigentliche Handlung sich um den Selbstmord von Kisaragi Miki dreht.

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Damit bietet KISARAGI Vieles für Viele und erlaubt dem Zuschauer, das für sich herauszunehmen, was für ihn am ansprechendsten ist.

#22 „Jitsuroku Rengosekigun Asama-Sanso e no Dotei“ (2007)

„Jitsuroku Rengosekigun Asama-Sanso e no Dotei“

aka

„United Red Army“.

Die 60er – Jahre in Japan. Während die USA in Vietnam in einen Krieg verwickelt sind, stellt sich die japanische Regierung gut mit den ehemaligen Besatzern. Von der Insel Okinawa aus fliegen amerikanische Bomber Einsätze in Vietnam. Gleichzeitig finden an über 120 Universitäten Studentenproteste gegen den Krieg statt. Es kommt zu Besetzungen und Straßenschlachten.

Aus dem Chaos heraus bilden sich militante Protestgruppen. Zunächst die R.L.F., dann die R.A.F. und schließlich die UNITED RED ARMY. Sie sympathisieren mit dem chinesischen Führer Mao und kämpfen zusammen mit anderen Fraktionen weltweit für den Kommunismus.

Der Film erzählt die Geschichte dieser Gruppierungen, deren Anführer und Mitläufer.

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Das erste Drittel fungiert als Einführung in den historischen Kontext der Filmhandlung. Regisseur Kôji Wakamatsu erzählt selbst in Begleitung mit Archivmaterial die Ereignisse, die mit dem Studentenprotest ausgelöst wurden. Die Anti-Kriegs Proteste, die Besetzungen zahlreicher Universitäten und Todesopfer bei Straßenschlachten mit der Polizei markieren den Anfang des Widerstandes.

Als in Tokyo für den Bau des Flughafens Narita 200 Bauernfamilien zwangsenteignet werden sollen, errichten Studenten zusammen mit den Bauern eine Barrikadenstadt auf dem Gelände. Der Protest scheint damit auch in der breiten Bevölkerung angekommen zu sein. Nun gehen auch Gewerkschaften mit den Studenten auf die Straße und es kommt zu großen Streiks.

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Doch für viele Studenten wird noch zu wenig getan, zu wenig gewagt, um eine Veränderung herbeizuführen. Und so beschließen sie sich zu bewaffnen und im Untergrund den Widerstand zu trainieren. Angeführt von HIROKO NAGATA und TSUNEO MORI übt eine kleine Gruppe den Guerillakrieg in den Bergen.

Dort erzählt der Film nun fiktional das Zusammenleben der Studenten. In der kleinen Gruppe bilden sich schnell Machtstrukturen aus unter deren Druck viele der Mitglieder zusammenbrechen. Das Prinzip der „Selbstkritik“, nach dem sich die einzelnen Studenten immer selbstkritisch zu ihren „scheinbaren“ anti-revolutionären Gedanken oder Handlungen äußern müssen, führt zu Spannungen und falschen Anschuldigungen.

Es kommt zu Hinrichtungen einzelner Mitglieder und Flucht. Die Gruppe wird immer kleiner und immer radikaler. Das Gemeinschaftsgefühl weicht einer Diktatur durch die beiden Anführer NAGATA und MORI.

Als NAGATA und MORI festgenommen werden übernimmt der nicht weniger radikale SAKAGUCHI die Leitung. Aus Angst vor der Polizei verlässt die Gruppe ihr Lager und bricht auf in die Berge. Verfolgt von der Polizei endet ihr Weg in einer Berghütte, in der sie eine Geisel nehmen. Der Vorfall wurde bekannt als der Asama-Sanso Zwischenfall.

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Das Doku-Drama von Kôji Watamatsu, der bereits über 100 Filme drehte und selbst Teil der Studentenbewegung in den 60er – Jahren war, ist wahrscheinlich die ausführlichste und anschaulichste Darstellung der Protestbewegung in Japan. Besonders der dokumentarische, erste Teile des Films ist äußerst informativ und gut recherchiert.

Der fiktive Teil des Films hinterfragt die Ideologie der radikalisierten Studentengruppe und zeigt die Pervertierung ihres Gedankengutes.