#87 „Waga Jinsei Saiaku No Toki“ (1994)

„Waga Jinsei Saiaku No Toki“

aka

„The Most Terrible Time in My Life“

Kaizô Hayashis „The Most Terrible Time in My Life“ ist der erste Teil einer Trilogie, die als  Hommage an die japanischen Gangsterfilme der 60er-Jahre angelegt ist.

Hama Maiku, gespielt von Masatoshi Nagase („Radiance“ 2017), ist Privatdetektiv in Yokohama. Yang Hai Tin bittet ihn nach seinem verloren Bruder zu suchen. Er selbst stammt aus Taiwan und arbeitet, seitdem er illegal nach Japan gekommen ist, als Kellner. Seine Recherchen führen Maiku direkt in einen Krieg der Gangsterbanden.

„The Most Terrible Time in My Life“ begleitet den Hard-Boild Detektive auf seiner Reise in die chaotische Unterwelt, verfolgt von korrupten Polizisten und brutalen Gangstern. Der Film macht dabei eine Menge Anleihen bei zum Beispiel dem Amerikanischen Expressionismus der 40er-Jahre, der French New Wave, und dem japanischen Krimifilm der 60er. Ein sehr offensichtliches Zitat ist schon der Name des Hauptcharakters, Hama Maiku. Dieser bezieht sich auf Mickey Spillanes Romanreihe über den Privatdetektiv Mike Hammer. Die Groschenromane, die im Späteren verfilmt wurden, bringen einen besonderen B-Movie Charme mit sich, der hier auch deutlich wird.

Regisseur Kaizô Hayashi („Zipang“ 1990) zelebriert den coolen Film-Noir Style in Schwarz-Weiß. Es bleibt aber nicht bei der reinen Kopie bzw. Parodie der Elemente, sondern er nimmt den alten Style und setzt ihn in einen modernen Kontext, indem er die Handlung im modernen Yokohama spielen lässt. Dadurch entsteht eine Refiguration des Bekannten. Generische Elemente der Erzählung und Präsentation finden so im Pastiche eine neue Bedeutung. Die Hybridität, des mit Zitaten vollgepackten Films, verbindet auch zwei Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Background.

Nicht ohne Grund war die Taiwanesische Regierung bei der Produktion beteiligt und viele Szenen des Films wurden sogar in Taiwan gedreht. Denn die gezeigte transnationale Freundschaft zwischen Maiku Hamma und Yang versteht sich als politische Allegorie zwischen Japan und der ehemals japanischen Kolonie Taiwan. Die chinesischen Gangster im Film versuchen diese Beziehung zu verstören, ebenso wie die japanischen Polizisten. Umgemünzt auf die politische Situation der 90er-Jahre, die Zeit zu der der Film in die Kinos kam, spiegelt sich hier die wachsende Einflussnahme Chinas auf Taiwan und die Ablehnung der japanischen Nationalisten gegenüber dem asiatischen Nachbarland wieder.

Gleichzeitig wird Japan von seiner, oftmals verdrängten, kolonialen Vergangenheit nun im eigenen Land heimgesucht. Die kriminellen koreanischen, chinesischen und taiwanesischen Gruppierungen tragen den Konflikt nach Japan als eine Art Sichtbarmachung der Kämpfe, die im 2. Weltkrieg in ihren Heimatländern von Japan angezettelt wurden.

Der Subplot bettet sich in die Kinematographie von Yuichi Nagata. Nicht so ausgereift wie in seinen späteren Arbeiten wie zum Beispiel „Give it All“ (1998), experimentiert er hier noch etwas mehr mit Kamerabewegungen und springt zwischen Point-of-View shots und langen Kamerafahrten. Auch bei den beiden Sequels, „The Stairway to a Distant Past“ (1995) und „The Trap“ (1996), machte er die Kameraarbeit.

Ähnlich wie andere Vertreter des Neo-Noir wie John Woo („Bullet in the Head“ 1990) oder Quentin Tarantino, revitalisiert Hayashi einige alte Schauspieler aus der Zeit, die ihn inspiriert hat und nutzt sie um alte Referenzen mit der heutigen Zeit zu kombinieren. So besetzte er Jo Shishido („Youth of the Beast“ 1963), der in den 1960er Jahren durch seine Rollen in den Filmen von Suzuki Seijun Kultstatus erreichte. Sogar aus der Crew von Regisseur Seijun bediente sich Hayashi und konnte Takeo Kimura dafür gewinnen das Production Design für den Film zu machen. Kimura ist ein enger Mitarbeiter von Seijun gewesen und für den Look seiner Werke maßgeblich verantwortlich. Zu den Bekanntesten zählen „Tokyo Drifter“ (1966) und „Gate of Flesh“ (1964). Daran sieht man, dass sich Hayashi wirklich Mühe gegeben hat authentische Personen aus der zitierten Zeit sowohl vor als auch hinter der Kamera  in seinen Film mit einzubeziehen.

Ein weiteres Zitat findet sich im Filmtitel und bezieht sich auf William Wylers Film aus dem Jahr 1946 „The Best Years of Our Lives„. Hayashi dreht die Bedeutung mit seinem Filmtitel „The Most Terrible Time in My Life“ ins Negative und stellt dem boomenden Amerika der Nachkriegszeit aus Wylers Original ein von Rezession geplagtes Japan gegenüber, welches sich im identitären Selbstzweifel befindet.

Zusammengefasst bietet der Film eine Reihe an liebevoll durchdachten Details, die beim ersten Betrachten nicht alle ins Auge fallen. Der postkoloniale Deutungsansatz ist sicherlich beabsichtig und trägt zur Aktualität des Stoffes bei. 1995 gewann der Film auf dem Yokohama Film Festival zu Recht den Spezial Preis der Jury. Ein nicht ganz leicht zu entziffernder Film, der aber ganz klar darauf abzielt als Kultfilm wahrgenommen zu werden. Ob er es dann im Endeffekt auch wirklich ist, liegt im Auge des Betrachters. Die kulturell spezifischen Marker sind nämlich sehr auf das japanische Publikum abgestimmt.

#40 „Otaku“ (1994)

Sonderlinge, Nerds, Geeks, Freaks, Perverse, Verrückte, Fans, Stalker. Erwachsene, die sich der Erwachsenenwelt verweigern und Kind bleiben. Peter-Pan-Syndrom. Obsession und Fantasie. All das oder auch gar nichts davon beschreibt Otaku.

Der japanische Begriff des Otakus ist prägend für das Bild, welches viele heute von Japan haben. Seit Beginn der 2000er hat die japanische Regierung die Otakus und deren Lebensstil zum nationalen Kulturgut hochstilisiert. Anime, Manga, Videospiele und viele andere Produkte der Kulturindustrie werden inzwischen gefördert und sind wichtiges Exportgut.

Doch es gab eine Zeit in der Otakus mit anderen Augen betrachtet wurden. Zwei französische Filmemacher haben 1994 ein Zeitdokument geschaffen, welches die Anfänge der inzwischen boomenden Jugendkultur der Otakus zeigt.

In einer Art wissenschaftlichen Untersuchung trägt die Dokumentation nüchtern alle Blickwinkel zusammen. Dazu zählen Meinungen von Professoren, Straßenumfragen zum Thema Otaku, Besuche in Betrieben der Kulturindustrie und Befragungen der Hersteller sowie letztendlich auch die Otakus selber, die vor der Kamera zu Wort kommen und ihr Leben herzeigen.

Es entstehen tiefgehende Schilderungen, die von existenzialistischer Weltansicht bis hin zum ökonomischen Nutzen des Phänomens reichen. Einzigartig dabei wahrscheinlich auch der Umfang der Recherchen. Als eines von wenigen Kamerateams gelingt es den beiden Franzosen eine Führung durch die heiligen Hallen der Entwicklerstudios von Nintendo zu bekommen. Dabei steht ihnen der Mario Erfinder Shigeru Miyamoto Rede und Antwort.

Shigeru Miyamoto

An anderer Stelle sieht man das damals noch auf Videospiele spezialisierte Studio Gainax, welches gerade neu gegründet wurde und später in der Animationsbranche mit der Kult-Serie Neon Genesis Evangelion einen nicht unerheblichen Anteil zum Otakismus beitrug.

Die Dokumentation macht deutlich, dass sich der Otakismus nicht nur auf Anime und Manga beschränkt. Es werden Militär-Otakus, Foto-Otakus, Idol-Otakus usw. vorgestellt. Per Definition ist jemand, der großes Fachwissen über ein bestimmtes Thema anhäuft, ohne dies kommerziell/beruflich zu nutzen, ein Otaku. Hinzu kommt die Komponente, dass sich dieser Mensch zum größten Teil in den eigenen vier Wenden aufhält. Passenderweise bedeutet daher Otaku übersetzt auch „Haus“.

Daraus leitet der Film ein soziologisches Profil ab, und hinterfragt eine Gesellschaft in der solche Wesenszüge begünstigt werden. Die neue Jugendkultur, ihr Konsum und ihr soziales Verhalten zu Beginn der 1990er-Jahre, werden als ein Symptom gesehen, das es zu untersuchen gilt.

Rückblickend können viele dieser Otakus als Vorläufer der heutigen Gesellschaft gesehen werden. Die Videospielindustrie, die Musikbranche und viele andere Subkulturen haben sich an ihnen orientiert. Die Filmemacher hatten scheinbar schon ein Gespür dafür und wussten, dass es sich beim Otakismus nicht um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Die Zukunftsaussichten, die der Film an manchen Stellen gibt, sind inzwischen Realität geworden und der Otakismus wird zunehmend salonfähig.

Mit knapp 3 Stunden hat das Werk einige Längen, die allerdings mit interessanten Aussagen und Lebensentwürfen immer wieder überraschen.

 

Die komplette Dokumentation gibt es übrigens (auf DEUTSCH!) auf Youtube: