#53 „Yanagawa horiwari monogatari“ (1987)

„Yanagawa horiwari monogatari“

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„The Story of Yanagawa’s Canals“.

Yanagawa ist eine unauffällige Kleinstadt. Die 60.000 Einwohner leben an der Mündung des Chikugo. Sein Hauptstrom speist sich ein in die vielen kleinen Kanäle der Stadt, denen sie den Beinamen „Klein-Venedig“ zu verdanken hat.

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Isao Takahata hat diesen Kanälen eine knapp 3-stündige Dokumentation gewidmet. Der Studio Ghibli Regisseur ist fasziniert von der Geschichte der Gewässer.

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In einem nostalgischen Zurückblicken verweist er auf die Verbindung zwischen Mensch und Kanal. Dabei waren früher die Wasserwege die vertrauten Lebensadern jeder Dorfgemeinschaft und wurden mit Respekt behandelt. Wasser galt als Retter in schweren Zeiten und wurde in Gedichten  und Sprichwörtern angepriesen. Zudem fand man auf und am Wasser Erholung.

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In Yanagawa gab es früher mehr Kanäle als Straßen. Der Film als Sozialstudie beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Bewohner zu den Kanälen. Die Bedeutung als Transportweg, als Trinkwasserquelle, Sake- und Soyasaucen Bestandteil, landwirtschaftliches Nutzwasser oder Badewasser zeigt wie sehr Alltag und Wasser miteinander verschmelzen. Ebenso lösen sich auch öffentliche und private Bereiche auf. So werden manche Kanäle in private Gärten umgeleitet und dienen dort der Befüllung von Gartenteichen.

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Einmal im Jahr sind die Kanäle Schauplatz des „Kappa-Matsuri“. Einem Gondelfest zu Ehren des Wassers. Jedes Jahr kommen daher aus ganz Japan Gäste nach Yanagawa.

Der Film beschreibt die Wasserkultur und die Veränderung, die sich über die Jahrzehnte daran gezeigt hat. Waren die Menschen früher mehr auf regionaler Ebene auf Wassersysteme angewiesen, so wurde durch die Technisierung das persönliche Verhältnis zwischen Mensch und Natur zunehmend distanzierter. Die Urbanisierung führte zum Ausbau von Kanalisationen, die vielerorts die Kanäle überflüssig machte.

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Auch in Yanagawa gab es in den 1970er-Jahren schwere Verschmutzungen im Wasser und die Idee die Kanäle durch eine Kanalisation zu ersetzen. Die Anwohner setzten sich aber schließlich mit einer Restaurierung der Kanäle durch. Durch Eigeninitiativen haben sich seitdem die Bewohner verpflichtet die Kanäle sauber zu halten.

Die Dokumentation nimmt, auch auf Grund seiner langen Einstellungen, meditative Formen an. Viele subjektive Bootsfahrten entlang der Kanäle und Luftaufnahmen versuchen das weitverzweigte Netz der Wasserwege einzufangen. Die realen Aufnahmen werden unterstützt durch Zeichnungen, Grafiken und Stadpläne.

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Überraschenderweise gibt es kaum Animationssequenzen, die man, auf Grund der Nähe zu Studio Ghibli, erwarten könnte. Diese Dokumentation ist eine Herzensangelegenheit des Regisseurs und beinhaltet viele verträumte Sequenzen, die Schauplatz eines Studio Ghibli Films sein könnten.

Ohne Zweifel eher ein Film, den man als „Special Interest“ kategorisieren kann. Wer sich für die strukturelle Bedeutung von Wasser interessiert oder einfach etwas Ruhiges zum Abschalten sucht, für den ist der Film sehr geeignet.

 

#45 „Hachikô Monogatari“ (1987)

„Hachikô Monogatari“

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„Hachi-ko. Ein Hundeleben“

Ein Hund aus der nördlich gelegenen Präfektur Akita kommt kurz nach seiner Geburt zu einer Familie nach Tokyo. Die Tochter, die den Hund eigentlich haben wollte, heiratet kurz darauf und verlässt das Haus. Ohne wirklich gewollt zu sein, kümmert sich der Hausherr, Professor Ueno, von nun an um den inzwischen als Hachi bekannten Hund.

Überraschend stirbt der Professor und Hachi, der mittlerweile zu seinem treuen Begleiter wurde, wird von Haushalt zu Haushalt weitergereicht bis er schließlich als Straßenköter in Tokyo umherstreunt.

Doch dabei verfolgt er einen festen Tagesablauf. Als sein Herrchen noch lebte, begleitete Hachi ihn jeden Tag zur Bahnstation und wartet am Abend an selber Stelle dort auf Ueno. Dieses Ritual setzt er auch nach dem Tod von Ueno fort und wartet jeden Abend vergeblich vor den Toren der Station.

Der Hund, dessen Treue über den Tod hinaus ging, erweckt die Aufmerksamkeit eines Journalisten und seine Geschichte verbreitet sich über das ganze Land. Doch für Hachi hat das keine Bedeutung und er stirbt nach über 10 Jahren des Wartens vor dem Bahnhof.

Ein Film für die Tränendrüsen, der Vielen von der US-Verfilmung mit Richard Gere bekannt sein wird. Die Urfassung von Regisseur Seijiro Koyama aus dem Jahr 1987 arbeitet den Mythos des treuen Akita-Inus für die Kinoleinwand auf. Shindo Kaneto schrieb dafür das Drehbuch.

Der echte Hachi wurde 1923 geboren und lebte bis 1935. Wie die Verfilmung auch erwähnt, machte ein Zeitungsbericht den Hund in ganz Japan bekannt. Zu Ehren des treuen Begleiters wurde noch zu Hachis Lebzeiten eine Bronzestatue vor dem Bahnhof Shibuya in Tokyo aufgestellt, die noch bis heute an dieser Stelle zu finden ist. Der ausgestopfte Körper von Hachi ist zudem im Nationalmuseum für Naturwissenschaften in Tokyo ausgestellt. Ein ziemlicher skurriler Anblick. Anders als der Film, der Erklärungsversuche für die Begeisterung an dem Hund liefert.

Trailer

#27 „Ōritsu Uchūgun: Oneamisu no Tsubasa“ (1987)

Ōritsu Uchūgun: Oneamisu no Tsubasa“

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„Wings of Honneamise“

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„Königliche Weltraumarmee: Die Flügel von Honneamise“.

Im fiktionalen Königreich Honneamise meldet sich ein junger Mann für die halsbrecherische Aufgabe, der erste Mensch im Weltall zu werden. Als Mitglied der ROYAL SPACE FORCE ist er großer Häme ausgesetzt, da das Raumfahrtprogramm etliche Fehlversuche und tödliche Unfälle zu verzeichnen hat. Die Regierung hält aus Prestigegründen an diesem Projekt fest, obwohl es als Sammelbecken für gescheiterte Persönlichkeiten und skurrile Tüftler verschrien ist.

Auch SHIROTSUGH LHADATT, der sich freiwillig für den bemannten Weltraumflug meldet, sieht die Raumfahrt zunächst als Zwischenstation. Eigentlich wollte er zur richtigen Luftwaffe, doch dafür reichten seine Noten nicht aus und in der Raumfahrtakademie sind seine Leistungen eher unterdurchschnittlich.

Die Begegnung mit RIQUINNI NONDERAIKO, die in den Straßen religiöse Schriften verteilt, beendet seine Demotivationsphase. Bei einem ersten Treffen in ihrem Haus in der Wildnis, wo sie mit dem kleinen Mädchen MANNA lebt, ist Riquinni begeistert von Shirotsugh´s Beruf. Sie schwärmt von den Sternen und dem Weltraum als Neuanfang für die Menschheit. Damit ist sie der erste Mensch der dem Beruf des Raumfahrers positiv gegenübertritt und steckt Shirotsugh mit ihrer Begeisterung an.

Mit neuem Elan meldet er sich Hals über Kopf freiwillig für das nächste große Projekt der Royal Space Force. Da er der einzige Freiwillige ist, bleibt den Ausbildern keine große Auswahl und sie nehmen ihn mürrisch in das Programm auf.

WINGS OF HONNEAMISE ist der erste Film des Animationsstudios Gainax. Aus dessen Reihen entstand in den folgenden Jahren auch Neon Genesis Evangelion, der ursprünglich als zweiter Teil zu WINGS OF HONNEAMISE geplant war, dann aber aus finanziellen Gründen zu einer eigenständigen Serie/Film – Reihe ausgearbeitet wurde. Ähnlich wie Neon Genesis Evangelion einige Jahre später behandelt der Film religiöse Themen und bettet sie in den Kontext einer technologisierten Gesellschaft. Das Setting orientiert sich am Steampunk und vermischt viktorianische Elemente mit einer alternativen Umdeutung der Vergangenheit.

Die Parallelen zu dem politischen Geschehen der damaligen Zeit sind unübersehbar. In einer Art Kaltem Krieg stehen sich im Film zwei Nationen gegenüber, die im Geheimen an militärischen Projekten arbeiten, deren Nutzen meist nicht über das reine Prestige hinausgehen. Der Vergleich zu den USA und Russland ist deshalb nicht weit hergeholt und es erinnert an den Wettlauf zum Mond.

Begleitet vom Soundtrack von Ryūichi Sakamoto bleibt vor allem  die Qualität der Animation, die für ihre Zeit überraschend gut ist und den großen Erfolg des Animationsstudios bereits vorausdeutet, in Erinnerung. Die Story ist durchzogen von der politischen Stimmung des Jahres 1987 und schreckt nicht vor der Darstellung eines korrupten Systems zurück. Alles in Allem beinhaltet WINGS OF HONNEAMISE all das, was das Studio in den folgenden Jahren weltweit zu einem der führenden Produktionsstudios machen wird. Neben den Filmen von Studio Ghibli bildet Gainax damit eine zweite Institution für erwachsene Animationsfilme, die es bis dato so auf dem Markt noch nicht gegeben hat.

 

 

#19 „Jigoku no banken: Akai megane“ (1987)

Jigoku no banken: Akai megane“

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„The Red Spectacles“.

Koichi Todome ist Teil der Spezialeinheit „Kerberos“, die inzwischen, wegen exzessiver Gewaltanwendung, staatlich verboten und verfolgt wird. Zusammen mit MIDORI und SOICHIRO weigert er sich die Waffen niederzulegen. Auf ihrer Flucht lässt KOICHI die beiden verletzt zurück und flieht aus dem Land.

Drei Jahre nach den Ereignissen kehrt KOICHI in die alte Heimat zurück. Vor Ort weiß er nicht, ob er den alten Freunden trauen kann und gerät in eine Spirale aus Verrat und Misstrauen.

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v.l.n.r. Koichi, Midori, Soichiro

Der Film beginnt wie ein klassischer Action-Film. Drei Flüchtige schießen sich ihren Weg in die Freiheit. Doch nach fünf Minuten nimmt der Film eine überraschende, andere Richtung.

Narrativ und filmisch entwickelt sich THE RED SPECTACLES zu einer Noir-Thriller-Komödie. Eine Mischung aus David Lynch und „Dick und Doof“. Gleichzeitig hüllen sich die Bilder in ein sepia/schwarz-weißes Licht, wirken farblos. Obwohl der Film in der „Zukunft“, 1998 spielt, wirkt die Inszenierung wie aus den 50er-Jahren.

Slapstick-Elemente aus übertriebenen Gesten und Sound-Effekten nehmen gewissen Actionszenen die Ernsthaftigkeit. Allerdings lassen sich viele Dinge mittels einem simplen Erklärungsansatzes erklären, der an dieser Stelle nicht genannt werden soll, um die Spannung nicht zu nehmen.

Man kann soviel sagen, dass am Ende des Films einige Hinweise auf KOICHI´s Bewusstseinszustand gemacht werden, der die gezeigten Bilder im Film eventuell beeinflusst haben könnte.

Regisseur Mamoru Oshii setzt mit diesem Film den ersten filmischen Startpunkt seiner Kerberos Saga, zu der später noch weitere Spielfilme und der wahrscheinlich bekannteste Teil der Saga, der Anime Jin-Roh, hinzukamen. Ausgangspunkt der Saga war ein japanisches Radiohörspiel mit dem Titel While Waiting for the Red Spectacles. Das Setting der Saga erzählt einen alternativen, fiktiven Geschichtsverlauf, der stark an Philip K. Dicks The Man in the High Castle erinnert.

THE RED SPECTACLES ist ein absurder Film und lässt ein wenig die Erwartungen, die man beim Anblick der Kampfmonturen der Protagonisten bekommt, ins Leere laufen. Stattdessen bekommt man ein Verwirrspiel serviert, welches die Grenzen von Realität und Traum zusammenfallen lässt.

Wer Oshii bereits durch Animes wie Ghost in the Shell kennt, sieht hier eine neue Seite seines Werks. Es gibt viele Referenzen zur Literatur (Shakespeare, Pushkin), zur griechischen Mythologie und der Film thematisiert Gedankenspiele zum Thema Freier Wille und Vorbestimmung. Alles sehr tiefgründige Ansätze, die aber nicht bis zum Erbrechen durchgekaut werden und den Film vor aufkommender Langeweile bewahren. Ergänzend dazu kommt noch ein hervorragender Soundtrack von Kenji Kawai.

 

Amazon-Links:

The Red Spectacles

Jin-Roh [Blu-ray]

Ghost in the Shell [25 Jahre Jubiläums-Edition] (Mediabook) [Blu-ray]

 

Quellen:

http://arazatu.blog48.fc2.com/blog-entry-3512.html

The Red Spectacles (1987)

#1 „Yuki Yukite Shingun“ (1987)

Yuki Yukite Shingun“

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Vorwärts, Armee Gottes!“

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The Emperor´s Naked Army Marches On“.

Kenzo Okuzaki, 62, ist erklärter Gegner von Kaiser Hirohito und macht keinen Hehl daraus wegen Mordes und einem Angriff auf den kaiserlichen Palast im Gefängnis gewesen zu sein.

Die Dokumentation fokussiert seine Suche nach den Schuldigen einer Exekution, die sich während seiner Kriegszeit auf Neuguinea ereignet hat.

Kenzo Okuzaki konfrontiert seine ehemaligen Vorgesetzten und stellt sie zur Rede.

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In der Suche nach Wahrheit sieht Kenzo Okuzaki die Chance für ein filmisches Manifest gegen den Krieg und gegen den politisch Verantwortlichen Kaiser Hirohito. Die Aussagen der Überleben sollen dies für die Welt sichtbar machen.

Dieser Zweck heiligt die Mittel. Um die Aussagen zu bekommen sind alle Mittel recht. Er muss die Wahrheit über die Exekution ans Licht bringen. Zum einen, um die Seelen der gefallenen japanischen Soldaten zu ehren, zum anderen, um Buße für seine eigenen Taten im Krieg zu tun. Vor laufender Kamera kommt es zu Anfeindungen und Prügeleien. Kenzo Okuzaki sieht sich dabei als Teil einer Armee Gottes, eines göttlichen Auftrages.

Der deutsche Filmtitel „Vorwärts, Armee Gottes!“ birgt das moralische Dilemma. Kenzo Okuzaki diente im Zweiten Weltkrieg als junger Soldat bereits schon einmal einer göttlichen Armee, mit göttlichem Auftrag von Kaiser Hirohito, der zu dieser Zeit als Gott verehrt wurde.

Nach der Niederlage des Krieges, der Auflösung der göttlichen Armee und der  Entthronung des Kaisers, machte Kenzo Okuzaki Kaiser Hirohito, seinen ehemaligen Gott, für alle Gräueltaten des Krieges verantwortlich und dies zu beweisen wurde sein Lebensinhalt.

Das Androhung von Gewalt unter Berufung auf einen göttlichen Auftrag für ihn trotzdem nicht moralisch verwerflich ist, zeigt die geistige Verwirrtheit von Kenzo Okuzaki, die möglicherweise eine Folge der schrecklichen Kriegserlebnisse sein könnte. Der Film erlaubt sich darüber aber kein Urteil abzugeben und ergreift keine Partei.

Regisseur Kazuo Hara, der bereits zuvor zwei kontroverse Dokumentationen zum Thema Sexualität und Behinderung drehte, lässt bei den Konfrontationen die Kamera einfach laufen, greift in heiklen Situationen nicht ein und ändert in der Postproduktion wenig in puncto Schnitt oder Ton. Keine Musik, Nichts was vom eigentlich Filmbild ablenken könnte. Abgesehen von einem Mikrofon, welches oft viel zu tief im Bild hängt und den Eindruck eines Low-Budget-Films (etwas über 220.000 $) verstärkt. Den Trend der Low-Budget Ästhetik in Japan setzen später Regissseure  wie Yutaka Tsuchiya (God´s New Army) oder Tatsuya Mori (AA2) mit ihren Dokumentarfilmen fort.

Die Rohheit des Films und die konsequente Unnachgiebigkeit des ambivalenten Wahrheitssuchende Kenzo Okuzaki machen den Film zu dem was er ist. Nämlich äußerst sehenswert!

Stream (OmU)

https://archive.org/details/The.Emperors.Naked.Army.Marches.On.Kazuo.Hara.1987

P.S.: „Kenzo Okuzaki died on June 16, 2005 at a Kobe hospital. The local news coverage was next to nil. But according to a foreign correspondent, his last word was „バカヤロー“ (Fuck you!).“ (Quelle)