#77 „Jukkai no Mosukito“ (1983)

„Jukkai no Mosukito“

aka

„The Mosquito on the Tenth Floor“

Ein Polizist sieht Rot. 10 Jahre hängt der namenslose Beamte nun schon in seiner Polizeistation fest. In dem kleinen Polizeihäuschen, in Japan auch „Koban“ genannt,  wartet er vergeblich auf die Beförderung, die ihn aus dem Streifendienst holt. Von seiner Frau verlassen und in finanziellen Nöten, verfällt er dem Glücksspiel, und gerät in die Schuldenfalle. Ohne eine Perspektive sieht er nur noch einen Ausweg – Gewalt.

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„The Mosquito on the Tenth Floor“ hat mich wirklich positiv überrascht. Der Debutfilm von Regisseur Sai Yoichi („Blood & Bones“ 2004, „Wo liegt der Mond“ 1993) ist ein stimmiges Polizeidrama mit einem starken Hauptdarsteller besetzt. Gespielt von dem kürzlich verstorbenen Yuya Uchida („Black Rain“ 1989), seines Zeichens Sänger, Produzent und nationaler Superstar, trägt die Performance des japanischen „Mick Jaggers“ den ganzen Film.

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Die Geschichte vermag es sehr eindringlich das Problem falscher Erwartungen zu porträtieren. Viele Personen in dem Film haben sich ihr Leben gänzlich anders vorgestellt und finden sich in Situationen wieder, in denen sie nicht glücklich sind. In einer Gesellschaft, die einem Vieles verspricht sind die Erwartungen hoch. Innerhalb des strikten Hierarchiesystems der japanischen Polizei, mit klaren Beförderungs- und Verhaltensregeln, gibt es keinen Platz für den Beamten, der aus der Reihe tanzt. Der Hauptprotagonist fällt durch dieses System und landet auf dem Abstellgleis.

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Was dann folgt ist der Versuch sich wieder Kontrolle über sein Leben zu verschaffen. Der Film setzt dabei meiner Meinung nach zu sehr auf die sexuelle Gewalt der Exploitationproduktionen wie man sie im Kino der 1960- und 1970er gesehen hat. Der Polizist vergewaltigt eine Frau und Sai Yoichi kostet diese Momente aus, verbleibt länger auf ihnen als es sein müsste. „The Mosquito on the Tenth Floor“ streckt  sich dadurch in diesen Sequenzen. Anstatt das ansonsten sehr hohe Tempo des Films weiterzugehen wird es zäh. Aber die Geschichte findet sehr schnell wieder zurück zum eigentlich Thema und zeigt den Polizisten als fürsorglichen Vater, der seiner undankbaren und von der Mutter verwöhnten Tochter die Leviten liest. Der Hauptprotagonist bekommt hier seine Tiefe. Auf der einen Seite der Gewaltäter, auf der anderen der Versuch eine Verbindung zu seiner Tochter aufzubauen.

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Neun Jahre bevor Harvey Keitel in „Bad Lieutenant“ (1992) die Sicherungen durchdrehen, produziert Sai Yoichi die japanische Vorlage. Versehen ist das Cop-Drama mit einem riesengroßen Stempel mit der Aufschrift Zeitgeist. Das Aufkommen der ersten Computer, Fernsehsendungen, Jugendbewegungen wie Harajuku Girls, dazu ein supercooler Synthie-Soundtrack und der Gastauftritt von Takeshi Kitano („Sonatine“ 1993) als quirliger Buchmacher, machen „The Mosquito on the Tenth Floor“ zu einem der essentiellen Filme des japanischen Kinos der 80er.

 

 

#28 „Ryuji“ (1983)

RYUJI ist ein Gangster der Santokai Gang im westlichen Tokyoter Stadtteil Shinjuku. Geld, Frauen, Drogen, Macht – All das gibt es im Überfluss. Doch ihn begleitet der Schatten des Todes. Die Angst im nächsten Moment getötet zu werden ist omnipräsent.

Ryuji ist verheiratet mit MARIKO. Zusammen haben sie eine Tochter namens AYA. Mariko´s Eltern sind streng gegen die Ehe. Ein Yakuza ist kein Umgang für ihre Tochter.

Als Ryuji im Gefängnis landet stellen sie ihre Tochter vor die Wahl. Entweder sie bleibt bei ihm oder sie verlässt ihn und die Eltern zahlen dafür Ryuji´s Kaution, so dass er wieder auf freien Fuß kommt. Aus Liebe zu Ryuji wählt sie die Scheidung und fährt zu ihren Eltern nach Kyushu.

Ohne die geliebte Familie und mit der ständigen Angst zu sterben steht nun auch Ryuji vor einer Entscheidung. Er muss aus dem Yakuza Leben aussteigen. Mit Hilfe eines alten Bekannten schafft er den Ausstieg und bekommt einen Job als Getränkezulieferer. Mit der dunklen Vergangenheit abgeschlossen findet Ryuji auch wieder Zugang zur Familie und wird herzlich von den Schwiegereltern in Kyushu aufgenommen.

Doch der neu gefundene, gerade Weg ist nicht immer der Leichteste. Als Familienvater scheint er zunächst glücklich. Nach der Arbeit kommt er abends an einen gedeckten Tisch, spielt mit seiner Tochter und schaut mit Mariko fern. Im Job leistet er gute Arbeit und steigt schnell auf.

Im Inneren hat er sich mit der Entscheidung ein normales Leben zu führen aber noch nicht abgefunden. In einer letzten, wortlosen Szene steht Ryuji seiner Frau und Tochter auf der Straße gegenüber. Er schaut sie an, kehrt sich von ihnen ab und geht die Straße hinunter. Als Moriko zu Aya sagt, dass sie wieder zu ihren Großeltern ziehen, weiß man als Zuschauer für welches Leben sich Ryuji entschieden hat.

Im Genre des Yakuza – Films steht RYUJI zwischen den Stühlen. Dazu ein kleiner Exkurs in die japanische Filmgeschichte. Im japanischen Gangsterfilm haben sich im Laufe der Zeit zwei Untergattungen herausgebildet:

NINKYO EIGA, in denen die Gangster als ehrenhafte Gesetzlose im Sinne eines Robin Hood dargestellt werden und immer einen inneren Kampf zwischen Pflicht (Giri) und Verlangen (Ninjo) austragen. Oft lehnt sich der kriminelle Held gegen einen anderen, böseren Kriminelle auf und wird am Ende Opfer seines Gerechtigkeitssinnes (Tod oder Gefängnis). Angesiedelt im Kino der 60er – Jahre. Bekannteste Vertreter des Subgenres sind die Werke von Regisseur SEIJIN SUZUKI (z.B. Tokyo Drifter,Branded to Kill).

JITSUROKU EIGA, porträtierten den Yakuza als einen rücksichtslosen Straßengangster. Gewalttätig und ohne Gewissensbisse verfolgt der Anti – Held seine eigenen Interessen und geht dafür über Leichen. Er unterdrückt den innere Konflikt zwischen Giri und Ninjo für eine Gier nach Macht, Frauen und Geld. Sicherlich auch eine Kritik an dem, aus dem Westen übernommenen Kapitalismus, der sich in den 70er – Jahren in Japan etabliert. Meilenstein des Genres ist Battles without Honor or Humanity, der sich, wie viele andere Jitsuroku Eiga, an wahren Kriminalfällen orientiert. Stilistisch sind die Filme deshalb oft im dokumentarischen Stil gehalten, an Original Drehorten und mit wackeligen Handkameras gedreht.

RYUJI ist keins von beiden. In der ersten Hälfte des Films begleitet man Ryuji auf seinem Streifzug durch die Unterwelt. Schutzgeld eintreiben, Glücksspiel, Rotlicht – Milieu. Man bekommt einen Eindruck des Umfelds, der Regeln und der Loyalität der Yakuza. Natürlich spielt Gewalt eine große Rolle, aber Ryuji und die anderen werden nie als  besonders gewalttätige Figuren dargestellt. Was in diesem Teil des Films zudem deutlich wird ist die gesellschaftliche Ächtung mit der man als Yakuza von Leuten außerhalb der Organisation konfrontiert ist. Es treten die familiären, finanziellen und moralischen Probleme, sowie die damit verbundene Einsamkeit in den Vordergrund.

Im zweiten Teil des Films bricht Ryuji mit dem harten Gangster. Er wird Familienvater und der Film zeigt intime Momente im Kreise seiner Familie. Ein untypischer Wandel und ungewöhnliche Szenen, die hinter die Kulisse der Figur blicken lassen.

Trotzdem bleibt die Figur des Ryuji und die Rolle, die der Zuschauer mit ihr verbindet ambivalent. Es entsteht keine Identifizierung, keine Empathie oder Sympathie für sie. Wie das Filmposter schon andeutet vermischen sich im Protagonisten die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Hell und Dunkel, Gut und Böse. Am Ende bleibt ein Anti – Held, der in das alte Leben des Gangster zurückkehrt. Wie sein Leben von dort an aussieht bleibt offen.

Zurück bleibt ein ehrlicher Film, der sich nicht auf ein Image festlegen will. Der Zuschauer erlebt beide Lebenswelten und der Film behält sich ein kritisches Urteil vor.

Stilistisch und narrativ steht Ryuji zwischen den beiden alten Untergattungen des Yakuza – Films aus den 60er-/70er- Jahren und einer neuen Welle von Filmemachern, die Ende der 1980er mit Filmen wie Violent Cop, eine neue Ära des japanischen Gangster – Films einläuten. Viele Kameraeinstellungen, wie etwa die „Street Level Shots“ lassen sich später so eins zu eins in Filmen von Takeshi Kitano wiederfinden. Beweis dafür wie groß der spätere Einfluss dieses Filmes war, der zunächst nur mäßigen Erfolg an den Kinokassen hatte.

Street Level Shot aus Kitano, Takeshi, „Violent Cop“, Japan 1989

Ein Teil des Mythos, welcher sich um den Film rankt steht im direkten Zusammenhang mit dem frühen Tod seines Hauptdarstellers, Shoji Kaneko. Dieser war gleichzeitig auch Drehbuchautor für den Film und verstarb nur wenige Tage nach der Veröffentlichung an Krebs. Als Schauspieler war er lange Zeit erfolglos und spielte in Ryuji seine erste und einzige Hauptrolle. Der frühe Tod und der Schatten der Krankheit begleiten den Film auf eine unheimliche Weise. Schließlich spielt er auf der Leinwand eine Figur, die den Tod ständig vor Augen hat und versucht aus dieser Situation zu entkommen. Die Parallelen zwischen Fiktion und Realität bekommen dadurch eine neue Dimension und machen den Film Jahre später zum Kult.