#79 „Saraba natsu no hikari“ (1968)

„Saraba natsu no hikari“

aka

„Farewell to the Summer Light“

Zwischen den Jugendporträts am Anfang seiner Karriere und den experimentelleren Werken der späten 60er- und beginnenden 70er-Jahre, drehte Yoshihige Yoshida eine Reihe von Anti-Melodramen. Mit Ausnahme von „Akitsu Springs“, der einen besonderen Stellenwert in Yoshida’s Schaffensphase darstellt, fungieren die Filme in dieser Phase als Antithese zu den pathetischen und emotional aufgeladenen  Schmachtfetzen die im japanischen Kino zu sehen sind.

Bildergebnis für farewell to the summerlight

Yoshida, der sich persönlich mit dem Begriff der „Japanese New Wave“ schwer tut, da er die kollektivierende, von Außen auferlegte Bedeutung nicht gutheißt, produzierte mit „Farewell to the Summer Light“ das letzte Anti-Melodram bevor 1969 „Eros + Massacre“ eine neue Ära für ihn einläutete.

Bildergebnis für farewell to the summerlight

„Farewell to the Summer Light“ entstand unter recht ungewöhnlichen Bedingungen. In Kooperation mit der japanischen Fluglinie JAL (Japan Air Lines), sollte Yohida eine Art Reisefilm konzipieren, der den Zuschauer für die Langstreckenflüge der Airline nach Europa begeistern sollte. Eine durchaus mutige Geschäftsentscheidung, wenn man sich die nüchtern kunstvoll verklärten Vorgängerfilme des Regisseurs anschaut. Mit welchen Erwartungen die Werbeabteilung an ihn herangetreten ist, ist leider nicht bekannt. Das Angebot gab Yoshida aber die Gelegenheit in Europa zu drehen – ein, unter japanischen Regisseuren, eher ungewöhnliches Privileg.

Bildergebnis für farewell to the summerlight

Sein Roadmovie begleitet Kawamura, gespielt von Tadashi Yokouchi (Teil der am längsten laufenden Historien-Serie „Mito Komon“, 1968-2011) und Naoko, gespielt von Yoshida’s Frau Mariko Okada. Ersterer ist Professor und reist durch Europa auf der Suche nach einer besonderen Kirche. Per Zufall trifft er Naoko, eine Kunsthändlerin, die mit einem Amerikaner in Paris zusammenlebt. Ihre Wegen kreuzen und trennen sich mehrmals im Verlauf des Films. Naoko’s Beziehung mit dem Amerikaner geht in die Brüche, die erwartete Affaire mit Kawamura bleibt aber aus. Die Europareise wird zu einer Selbstfindung für die Beiden. Immer auf dem schmalen Grad zwischen Liebe und Ablehnung führt sie ihre Suche von Lissabon nach Rom, Kopenhagen, Madrid, Paris und viele andere Orte. Das Flair der Settings überträgt sich auch auf den Filmstil und „Farewell to the Summer Light“ ist daher wahrscheinlich auch sein „europäischster“ Film. Yoshida lässt zwischen den Hauptfiguren eine Distanz spürbar werden, die an Alain Resnais „Letztes Jahr in Marienbad“ erinnert. Dialoge werden nicht direkt angesicht zu angesicht ausgesprochen, sondern oft in verkanteten Positionen zueinander. Ihr Spiel ist kühl und emotionslos, betont durch melancholische Musik. Das klassische Liebesdreieck, wie man es von Yoshida schon gewohnt ist, wirkt hier zerüttet und der Regisseur scheint seine Lust an den Stereotypen verloren zu haben.

Bildergebnis für farewell to the summerlight

Abgesehen von den Charakteren, besticht „Farewell to the Summer Light“ durch die wunderbar in Szene gesetzten Schausplätze. Hier übertrifft sich Kameramann Yuji Okumura, der zu dieser Zeit mit „Tobenai Chinmoku“ (1966) und „Hatsukoi: Jigoku-hen“ (1968) auf dem Zenit seines Könnens ist. Seine innovative Kameraarbeit harmoniert mit dem fragmentierten Schnitt, der die Dialoge über Ländergrenzen hinweg transportiert. So beginnt ein Satz von Naoko beispielsweise in Dänemark und sie führt den Satz in Rom zu Ende. Räumliche Barrieren werden überschritten und die Aneinandereihung der unterschiedlichen Reiseziele erzeugt ein Gefühl von Epik. Die handwerklichen Mittel füllt Yoshida dann mit einer bittersüßen Melancholie, einem romantische Vorstellung von Liebe, die Zeit und Raum überwindet.

Bildergebnis für farewell to the summerlight

Die malerisch in Szene gesetzten Architekturaufnahmen und die apathischen Figuren, die sich in den Bildern bewegen, verlieren aber nach gut einer Stunde ihren Reiz. Zähigkeit macht sich breit und das Konzept, welches anfangs noch spannend zu beobachten war, kippt um in Langeweile. Ebenso wie die Schauspieler ihre Rollen mit einer gewissen Abwesenheit darstellen, genauso entfernt sich der Zuseher von dem Geschehen. Yoshida’s nicht-lineare Ansätze, die an vielen Stellen Kafkaesque Züge haben, sind aber auch Vorboten für seinen darauffolgenden Film „Eros + Massacre“, in dem er diese Erzähltechnik perfektioniert. „Farewell to the Light“ ist daher als eine Art Probelauf zu sehen, und als ein Zeugnis skuriller Zusammenarbeit zwischen einem Avantgard-Filmemacher und einer kommerziellen Firma.

#44 „Kôshikei“ (1968)

„Kôshikei“

aka

„Death by Hanging“

aka

„Tod durch Erhängen“.

R ist wegen zweifachem Mordes und Vergewaltigung zum Tode verurteilt. Wie in Japan heute noch üblich, wird er zum Tod durch Erhängen verurteilt. Aber die Exekution will nicht gelingen. R stirbt nicht.

Nach kurzem Koma erwacht R in einen apathischen Zustand und kann sich an nichts mehr Erinnern. Die Beamten können ihn nicht ein zweites Mal hinrichten, solange er nicht bei vollem Schuldbewusstsein ist. Der Film zeigt die Versuche, die unternommen werden, um R wieder klar zu machen, dass er R ist. Dazu inszenieren die anwesenden Wärter, Beamten, Ärzte und Priester ein Rollenspiel, welches Rs Leben und seine Taten nachstellt. Die Todeszelle wird zur Bühne und der Film beginnt immer surrealistischer zu werden.

Als Regisseur der Japanese New Wave gelingt es Nagisa Oshima den Dunstkreis des japanischen Kinos zu verlassen und international Aufmerksamkeit zu erregen. Damit gehört er zu einem kleinen Kreis von Auserwählten, die es schafften den japanischen Film weltweit bekannt zu machen. Neben den großen Meistern wie Ozu, Kurosawa und Mizoguchi, die der goldenen Zeit des intakten Studiosystems angehörten, drängt Oshima als junger Wilder in die Hall – of – Fame der japanischen Filmemacher.

Mit provokanten Themen über die Abgehängten einer boomenden Wirtschaftsnation und die Auseinandersetzung mit dem verlorenen Zweiten Weltkrieg schlägt er einen anderen Ton an. Weniger sentimental, weniger verklärend. Mehr aufrüttelnd und provokant.

In DEATH BY HANGING greift er den Staat gleich an zwei Fronten an. Kritik an der Todesstrafe und Kritik an dem Umgang der Gesellschaft mit der koreanischen Minderheit im Land. Denn seine Hauptfigur R ist inspiriert von den realen Ereignissen rund um zwei Mordfälle, in denen Koreaner zum Tode verurteilt wurden. Diese Mordfälle wurden medial genutzt, um das Stereotyp des kriminellen Ausländer in Japan zu stärken.

Dementsprechend groß sind die Themen, die im Film ausdiskutiert werden. Identität, Moral, Staat und Religion. Doch Oshima nutzt nicht den erhobenen Zeigefinger, sondern spricht mit dem Mittel der Ironie und behandelt die Themen als Komödie. Das Rollenspiel der Wärter in der Gefängniszelle entlarvt die Vorurteile der Gesellschaft.

Auf filmischer Ebene beginnt der Film als Dokumentation und ändert dann aber ganz schnell die Richtung. Nach der misslungenen Exekution und dem paradoxen Handlungswechsel fließen immer mehr Verfremdungseffekte in den Film mit hinein. Die filmische Illusion bricht auf. Zwischentitel teilen den Film in Unterkapitel ein und das Spiel im Spiel verweist auf die Künstlichkeit des Films an sich. Ein Sprecher auf dem Off adressiert den Zuschauer direkt, spricht ihn an und schließlich auch ins Gewissen. Damit entsteht eine aufklärerische Absicht, die den Zuschauer zu einem Umdenken bewegen soll. Auch der Vergleich zu Brechts Verfremdungseffekt liegt da nahe.

Oshima, selber fasziniert von den politischen Zusammenhängen zwischen Japan und Korea und Teil einer neu gegründeten Theater Gruppe, wollte diesen Film als Happening inszenieren. Bezugnehmend auf aktuelle Ereignisse und die stattfindende Studentenrevolution der 68er-Generation stellte er die Machtverhältnisse in Frage. Seine Vorbilder waren dabei ganz klar im französischen Kino verortet. Die Filmemacher der Nouvelle Vague, die namensgebend für die JAPANESE NEW WAVE waren, hatten ähnliche Ziele in Frankreich. Obwohl man immer betonen sollte, dass beide Filmströmungen parallel stattgefunden haben, so dass man die Japanese New Wave nicht als „Kopie“ der Franzosen sehen darf.

Die gemeinsamen Absichten im filmischen Schaffen waren auch der Grund für den großen Erfolg des Films im Ausland. Filmkritiker lobten den Film und sahen ihn in direkter Tradition mit einheimischen Regisseuren. Was viele allerdings übersahen war die ethnische Spezifität des Filmes, die mit dem verurteilten Koreaner R einen weiteren Konflikt thematisierte. Oshima kritisierte hier nicht nur die Japaner, sondern auch die Koreaner in Japan, die sich einer Integration verweigerten und den Kampf gegen den Staat ausriefen. Damit denkt der Film einen Schritt weiter und weist nicht nur mit bloßer Kritik am System auf, sondern nimmt auch den Unterdrückten in die Pflicht.