#101 "Bakumatsu" (1970)

"Bakumatsu"

aka

"The Ambitious"

Daisuke Ito hat den besten japanischen Film gedreht. So entschied jedenfalls das anerkannte Filmmagazin Kinema Junpo im Jahr 1959 als Itos Trilogie "Diary of Chuji’s Travel" (1927) auf Platz Eins der Allzeit-Bestenliste gewählt wurde. Wie so viele andere Werke des Regisseurs, galt der Film lange als verschollen und ist heute nur in Teilen rekonstruiert.

Schade, da besonders die Frühwerke des 1981 verstorbenen Regisseurs vor Innovationskraft strotzen. Itos Samuraifilme brachten Bewegung auf die Leinwand. Schnelles Storytelling und dynamische Kamerafahrten mischten die eingestaubten Mantel- und Degenfilme der Japaner ordentlich auf und ließen manchen Film im moderneren Setting alt aussehen. Vom theatralen Kabuki-Stil abgelöste Actionsequenzen gefilmt in Dolly- und POV-Shots sowie experimentelle optische Effekte waren Neuland für das japanische Publikum der 20er-Jahre. Zusammen mit Masahiro Makino definierte Ito praktisch im Alleingang das Genre neu, und wandelte es von seichter Kinderunterhaltung zu anspruchsvoller Filmkunst.

Ito ließ seine Vorliebe für deutsche und französische Romane mit einfließen und verpasste dem Historienfilm (Jidai-geki) einen avantgardistischen Anstrich. Insbesondere die nihilistischen Heldenfiguren seiner Stummfilme, oftmals Rebellen, die sich mit den Armen verbündeten, legten den Grundstein für die späteren "tendency films". Diese eher linkslastigen Produktionen zeigten die Armut der Gesellschaft auf realistische Weise und verfolgten eine Kritik am Militarismus der 30er-Jahre.

Auch nach der Stummfilmzeit hielt Ito an der schellen Erzählung und erfrischenden Kameraeinstellungen fest. Filme wie "Five Men of Edo" (1951) oder "Lord Tokugawa Ieyasu" (1965) hatten zwar unübersichtliche Figurenkonstellationen, schafften es aber am Ende dennoch alle Fäden zusammen zu führen und fesselten mit ihrer Epik. Als Vorlage dienten oftmals Kabuki Stücke oder historische Überlieferungen.




So auch in Itos letzten Film „Bakumatsu“ von 1970. Das pathosgeladene Melodrama handelt von dem Samurai Ryoma Sakamoto, der die Öffnung Japans zum Westen Ende des 19. Jahrhunderts entscheidend vorantrieb und dafür mit seinem Leben bezahlen musste, weil die bestimmenden Kräfte im Land, unter anderem sein eigener Clan, gegen das Vorhaben der Öffnung Japans waren. Wie in fast allen Filmen Itos geht es um den Ehrenkodex der Samurai, die sich, auf Grund der Ankunft westlicher Streitmächte vor der Küste Japans, mit der Moderne konfrontiert sehen. Assimilation oder Untergang lautet die Devise, die für etliche Konflikte sorgt.

Leider fehlt dem Film die Finesse, um ein packendes Drama zu entwickeln. Zwar zeigen sich gleich in der Einleitung typische Inszenierungsmerkale Itos wie zum Beispiel der Zoom vom Detail in die Totale, um dynamische Räume zu konstruieren. Aber diese optischen Leckerbissen verlieren schnell ihre Durchschlagskraft und münden in einer hölzernen Erzählung. Da hilft auch nicht die Topbesetzung bestehend aus Kinnosuke Nakamura ("Revenge" 1964), Toshiro Mifune ("Rashomon" 1950) und Keiju Kobayashi ("Sanjuro" 1962), die hier alle nicht ihre beste Leistung abliefern. Die hohe Stardichte des Films wirkt wie ein Vehikel-Film, der mit bekannten Gesichtern lockt, aber seine Versprechen nicht halten kann. Eine schlecht ausgearbeitete Story und teils lieblose Bühnendesigns tragen ihr Übriges dazu bei.

Was bleibt ist ein historischer Exkurs, ohne viel Spannung und die nüchterne Erkenntnis, dass Daisuke Ito seine Karriere mit einem Film beendete, der seinem Lebenswerk nicht gerecht wurde.



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