#4 „Jiro dreams of Sushi“ (2012)

Jiro Dreams of Sushi“

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Jiro und das beste Sushi der Welt“

Jiro Ono ist 85 Jahre alt und Sushi Koch in Tokyo. Im Keller eines Bürogebäudes führt er ein Restaurant, in dem knapp 10 Gäste Platz finden. Zu seinen Gästen gehörten bereits Barack Obama und Japans Premierminister Shinzô Abe.

Die Dokumentation blickt in die Küche des besten Sushi Restaurants der Welt und erforscht den Mann hinter dem Tresen.

Doch so gut Jiro Ono auch sein mag, er wird nicht ewig Sushi machen können. Was passiert mit seinem Wissen und Restaurant nach seinem Ableben?

Zwei Söhne versuchen sich an dieser schweren Aufgabe. Der Erstgeborene, Yoshikatzu, wird das Restaurant des Vaters weiterführen und arbeitet ihm seit 40 Jahren zu. Inzwischen darf er auch selber Sushi zubereiten, wird aber noch bei jedem Handgriff vom Vater getadelt und verbessert. In Fakt war er aber derjenige, der für die Restaurantkritiker des Guide Michelin gekocht und 3 Sterne von ihnen bekommen hat (laut Definition bedeuten 3 Sterne im Michelin Guide, dass es sich alleine für dieses Lokal lohn ein Land zu besuchen!). Jiro´s Können wird in der Dokumentation als uneinholbar beschrieben, welches dem Fakt zu Grunde liegt, dass er sein gesamtes Leben dem Sushi verschrieben hat. Der zweite Sohn, Takashi, hat sich selbstständig gemacht und ein eigenes Sushi Restaurant eröffnet.

Die Söhne erzählen von ihrer Kindheit und von dem fremden Mann, der ab und zu auf der Couch schlief – ihr Vater Jiro. Er war für sie quasi nicht existent, da er Tag und Nacht im Restaurant arbeitete und sich auch nie frei nahm.

Der Fokus liegt aber auf der Beziehung zwischen Jiro und dem älteren Sohn Yoshikatzu, und seinem Bestreben den Ansprüchen des Vaters gerecht zu werden. Die Aufgabe ist aber letztendlich unmöglich, da Jiro noch nicht einmal seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird.

Der amerikanische Regisseur David Gelb porträtiert mit „Jiro Dreams of Sushi“ einen Besessen.  Jiro hat aus dem Nichts ein Lebenswerk aufgebaut und tat dies nicht für Ruhm oder die 3 Sterne im Michelin Guide. Im Japanischen gibt es den Begriff des Ikigai, welcher sich als Lebenssinn übersetzen lässt. Diesem, inzwischen veralteten, Prinzip fühlt sich Jiro verpflichtet. Er beschloss, dass Sushi sein Lebensinhalt sein werden würde und widmete sich dieser Entscheidung. Wie lässt sich dieses Prinzip auf die nächste Generation übertragen? Yoshikatzu scheint sich dieser Aufgabe ohne Zweifel zu stellen und lernt selber jüngere „Anwärter“ an.

Die nachdenkliche Dokumentation geht weit über bloße Zubereitungstechniken von Sushi hinaus und thematisiert den Konflikt von Tradition und Moderne. Jiro Ono wird zu einer fast unmenschlichen, gottgleichen Person stilisiert. Ein alter, weiser Mann, dessen Künste unerreichbar erscheinen. Gleichzeitig kündigt der Film das Ende seiner Ära an und spricht von einem Geist, der nie ganz aus dem Restaurant verschwinden wird.

Außerdem schneidet er kurz das aktuelle Thema der Überfischung an, welches Jiro bereits selber erkannt hat und auch kritisiert.

Zusammenfassend: ein wichtiger Film über Respekt, Tradition und verdammt teures Sushi.

#3 „Sûpâ no Onna“ (1996)

Sûpâ no Onna

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Supermarket Woman“.

Der Supermarkt von Goro Kobayashi steht nach der Eröffnung des Konkurrenten „Bargains Galore“ kurz vor der Pleite und droht von ihm geschluckt zu werden. Als er seine alte Schulfreundin Hanako wiedertrifft, hilft ihm die clevere Hausfrau den Konkurrenzkampf aufzunehmen.

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Der Film über die Führung eines Supermarktes klingt langweiliger als er ist. Hanakos Methoden, um frischen Wind in die Service-Wüste von Goro´s Supermarkt zu bringen stoßen schon sehr bald auf den Widerstand der alteingessenen Mitarbeiter und des Managements. Schnell bilden sich zwei Lager heraus. Auf der einen Seite Hanako und die Kunden, welche sie versucht als Stammkunden zurück zu gewinnen. Auf der anderen Seite, die Metzger- , und Sushi Meister und das Management. Die Meister wollen, ihrer Zunft angemessen, höchste Qualität liefern und achten dabei aber nicht auf die Wünsche der Kunden und lassen sich nichts einreden. Das Management will möglichst gewinnbringend Ware verkaufen und hält daher die Metzger dazu an, altes Fleisch neu zu verpacken. Hinzu kommen korrupte Mitarbeiter und natürlich auch die Konkurrenz von „Bargains Galore“, die alle Hebel in Bewegung setzen, um Hanako den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ihr Chef Goro Kobayashi steht zwischen den Stühlen und versucht zudem die alte Jugendliebe zu Hanako wieder aufleben zu lassen.

Was für den Zuschauer darüberhinaus wohl am interessantesten ist, sind die entlarvenden Techniken der Händler. Der Film wirkt an manchen Stellen sehr realistisch und man könnte meinen, dass man gerade echten Mitarbeitern eines Supermarktes bei der Arbeit zuschaut. Mit einem Augenzwinkern vermittelt der Film hier Basiswissen in Verhandlungs- und Verkaufsstrategie.

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Hauptdarstellerin Nobuko Miyamoto spielt die Rolle der gewieften, emanzipierte Frau mit Geschäftssinn, die immer an das Wohl des Kunden denkt. Sie stellt ihre männlichen Kollegen in den Schatten, denunziert sie aber nicht, sondern motiviert sie dazu Neues zu wagen und ihren Träumen zu folgen.

Sie ist prägend für die Filme von Regisseur Juzo Itami. Sie waren nicht nur bis zu seinem, bis heute nicht ganz einwandfrei aufgeklärten, Selbstmord liiert, sondern sie spielt auch in all seinen Filmen die Hauptrolle. Sei es als Steuerfahnderin in Marusa no Onna, als Anwältin in Minbo oder als Nudelköchin in Tampopo. Nobuko Miyamoto ist das Gesicht seiner Filme.

Wie schon in seinen anderen Filmen schafft es Itami eine lockere Stimmung aufzubauen, die den ganzen Film über dahinschwebbt. Untermalt von  jazziger Supermarktmusik, die einen ganz vergessen lässt wie schnell die Zeit vergeht, schaut man den Kunden beim Wiederentdecken des Supermarktes zu. Es ist aber auch kein Blödelfilm. Die Rettung des Supermarktes und die Bedürfnisbefriedigung der Kunden stehen im Mittelpunkt. Dem Film gelingt dadurch eine Balance zwischen Komödie, seichtem Drama und Romanze zu halten. Ein richtiger Wohlfühl-Film.

#2 „Dangan Ranna“ (1996)

Dangan Ranna

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Wie eine Kugel im Lauf

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Non-Stop„.

Ein missglückter Banküberfall wird zum Marathon. Drei Männer laufen einen Tag durch Tokyo.

Yasuda`s Vorhaben eine Bank zu überfallen findet ein schnelles Ende als er bemerkt, dass er keine Maske hat und im nächstgelegenen Supermarkt den Verkäufer, Aizawa, anschießt, der ihn beim Klau einer Atemmaske erwischt. Er verliert seine Pistole und flieht.

Aizawa nimmt bewaffnet die Verfolgung auf. Dabei läuft er den Yakuza Takeda über den Haufen, bei dem er wegen seiner Drogensucht Schulden hat und der Yasuda die Waffe für den Banküberfall besorgt hat.

Takeda ist verzweifelt, da er den Tod seines Bosses zu verantworten hat, der in der Nacht zuvor ermordet wurde. Kopflos taumelt er durch die Straßen als ein Mann auf ihn zurennt. Er verkennt Aizawa als den Attentäter, der seinen Boss ermordet hat und stellt sich ihm in den Weg. Diesmal will er nicht zur Seite springen. Doch der Zusammenprall löst einen Schuss aus der Pistole und trifft eine Passantin – der Startschuss für Takeda.

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Takeda

Der filmische Dauerlauf erzählt mit viel schwarzem Humor und schnellen Schnitten eine brilliante Geschichte. Er schafft es die Fäden der persönlichen Hintergrundgeschichten  um die Verfolgung herum zu spinnen und Stück für Stück zusammenlaufen zu lassen. Man taucht immer tiefer in den Strudel ein, wird überrascht und fiebert mit. Dabei bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Die Kamera ist viel in Bewegung, kaum eine ruhige Minute. Praktisch im Vorbeilaufen erfährt man die Motive der Charaktere. Warum laufen sie nach mehreren Stunden immer noch? Was treibt sie an? War der Lauf zu Anfang noch purer Reflex, so wird er gegen Ende hin zu etwas Höherem, etwas Symbolischem. Realität und Vision verschmelzen miteinander. Laufen als epiphanische Erfahrung, in der die Läufer ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlieren und etwas anderem entgegenstreben.

Das Erstlingswerk von SABU (Hiroyuki Tanaka) macht den Anfang einer ganzen Reihe von Filmen, die sich mit dem Thema der Bewegung auseinandersetzen und in denen Shin’ichi Tsutsumi (Postman Blues, Unlucky MonkeyMondayDrive) jeweils immer die Hauptrolle spielt.

SABU ist Meister des Zufalls und erdenkt Handlungsstränge, die bei anderen Filmemacher plump oder unausgefeilscht wirken würden. Doch mit den Mitteln der Komik öffnet er eine Hintertür, die den Absurditäten einen wahrscheinlichen Charakter verleihen. Nichts wirkt übertrieben, alles gerade so als ob es auch im wahren Leben (mit sehr viel Pech) passieren könnte. Das SABU den einfachen, kleinen Mann in den Mittelpunkt stellt und ihn zum Spielball des Schicksals macht, verstärkt den Effekt. Seine Filme bleiben dadurch realistisch, driften nicht in fiktive Action-Welten ab wie beispielsweise bei den Werken von Takashi Miike.

Bestimmt ebenfalls kein Zufall sind die Parallelen zu Lola Rennt. SABU`s Film feierte 1997 auf der Berlinale in Berlin einen großen Erfolg. Ein Jahr später rannte Franka Potente als Lola über die Leinwand.

 

 

 

#1 „Yuki Yukite Shingun“ (1987)

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Vorwärts, Armee Gottes!“

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The Emperor´s Naked Army Marches On“.

Kenzo Okuzaki, 62, ist erklärter Gegner von Kaiser Hirohito und macht keinen Hehl daraus wegen Mordes und einem Angriff auf den kaiserlichen Palast im Gefängnis gewesen zu sein.

Die Dokumentation fokussiert seine Suche nach den Schuldigen einer Exekution, die sich während seiner Kriegszeit auf Neuguinea ereignet hat.

Kenzo Okuzaki konfrontiert seine ehemaligen Vorgesetzten und stellt sie zur Rede.

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In der Suche nach Wahrheit sieht Kenzo Okuzaki die Chance für ein filmisches Manifest gegen den Krieg und gegen den politisch Verantwortlichen Kaiser Hirohito. Die Aussagen der Überleben sollen dies für die Welt sichtbar machen.

Dieser Zweck heiligt die Mittel. Um die Aussagen zu bekommen sind alle Mittel recht. Er muss die Wahrheit über die Exekution ans Licht bringen. Zum einen, um die Seelen der gefallenen japanischen Soldaten zu ehren, zum anderen, um Buße für seine eigenen Taten im Krieg zu tun. Vor laufender Kamera kommt es zu Anfeindungen und Prügeleien. Kenzo Okuzaki sieht sich dabei als Teil einer Armee Gottes, eines göttlichen Auftrages.

Der deutsche Filmtitel „Vorwärts, Armee Gottes!“ birgt das moralische Dilemma. Kenzo Okuzaki diente im Zweiten Weltkrieg als junger Soldat bereits schon einmal einer göttlichen Armee, mit göttlichem Auftrag von Kaiser Hirohito, der zu dieser Zeit als Gott verehrt wurde.

Nach der Niederlage des Krieges, der Auflösung der göttlichen Armee und der  Entthronung des Kaisers, machte Kenzo Okuzaki Kaiser Hirohito, seinen ehemaligen Gott, für alle Gräueltaten des Krieges verantwortlich und dies zu beweisen wurde sein Lebensinhalt.

Das Androhung von Gewalt unter Berufung auf einen göttlichen Auftrag für ihn trotzdem nicht moralisch verwerflich ist, zeigt die geistige Verwirrtheit von Kenzo Okuzaki, die möglicherweise eine Folge der schrecklichen Kriegserlebnisse sein könnte. Der Film erlaubt sich darüber aber kein Urteil abzugeben und ergreift keine Partei.

Regisseur Kazuo Hara, der bereits zuvor zwei kontroverse Dokumentationen zum Thema Sexualität und Behinderung drehte, lässt bei den Konfrontationen die Kamera einfach laufen, greift in heiklen Situationen nicht ein und ändert in der Postproduktion wenig in puncto Schnitt oder Ton. Keine Musik, Nichts was vom eigentlich Filmbild ablenken könnte. Abgesehen von einem Mikrofon, welches oft viel zu tief im Bild hängt und den Eindruck eines Low-Budget-Films (etwas über 220.000 $) verstärkt. Den Trend der Low-Budget Ästhetik in Japan setzen später Regissseure  wie Yutaka Tsuchiya (God´s New Army) oder Tatsuya Mori (AA2) mit ihren Dokumentarfilmen fort.

Die Rohheit des Films und die konsequente Unnachgiebigkeit des ambivalenten Wahrheitssuchende Kenzo Okuzaki machen den Film zu dem was er ist. Nämlich äußerst sehenswert!

Stream (OmU)

https://archive.org/details/The.Emperors.Naked.Army.Marches.On.Kazuo.Hara.1987

P.S.: „Kenzo Okuzaki died on June 16, 2005 at a Kobe hospital. The local news coverage was next to nil. But according to a foreign correspondent, his last word was „バカヤロー“ (Fuck you!).“ (Quelle)