#11 „Kyua“ (1997)

Kyua

aka

„Cure“.

Aus unerklärlichen Gründen sterben Menschen durch ein X, das ihnen in den Hals geritzt wurde. Die Täter sind schnell gefasst, können sich aber an Nichts erinnern.

Kommissar TAKABE und der Psychologe SAKUMA gehen den Verbrechen auf den Grund.

Unbenannt

Im Laufe der Ermittlungen wird klar, dass die Täter vor den Morden hypnotisiert wurden. Doch wer ist der Hypnotiseur und warum das X?

Schließlich findet sich der Verdächtige MAMIYA. Ein Psychologie-Student, der, vom Wiener Arzt Franz Anton Mesmer inspiriert, Menschen „mesmeriert“. Das heißt so viel wie beeinflusst. Und dies tut er selbst in einem Zustand der Amnesie. Mamiya hat kein Gedächtnis und scheint bestimmte Menschen wie von Zauberhand zu den Morden an zu stiften.

Sein Inneres beschreibt er als Leere, die er mit den Erinnerungen anderer füllt. Und so weiß er alles über sein Gegenüber. Dieses Wissen nutzt Mamiya, um sie zu hypnotisieren.

Seine gefährliche Schlinge macht auch nicht vor Takabe und Sakuma halt, die sich plötzlich mit einer Macht konfrontiert sehen, der sie nicht gewachsen sind.

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KYUA ist der zweite Film von Regisseur Kiyoshi Kurosawa, der sich im Laufe seiner Karriere mit Horrorfilmen (wie zum Beispiel Pulse)  auch außerhalb von Japan einen Namen gemacht hat.

Sein blutleerer, kahler Stil ist hervorstechend. Es geht weniger um blutiges Gemetzel als um Psychologie und Mystik. Dabei bleibt Vieles im Unklaren und Motive wirken übernatürlich. Das macht einen Großteil des Horrors von Kurosawa aus.

Auf der anderen Seite sticht die Kameraarbeit ins Auge. Wenig Schnitte, dafür aber lange Plansequenzen und perfekt inszenierte Einstellungen. Die Kamera wirkt zwar statisch, ist aber beweglich und die Schauspieler zeigen in KYUA beeindruckende ONE-TAKES, in denen sie durch die Kulisse laufen, ohne Zwischenschnitte.

Die Kulissen an sich sind ein weiterer Pluspunkt. Die Protagonisten wirken immer ein wenig verloren in ihnen. Sei es das alte Krankenhaus oder die verlassene Fabrik. Kiyoshi Kurosawa kreiert eine kalte, farblose Welt, in der keiner gerne wohnen würde.

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Was am Ende offen bleibt ist die Frage nach dem Heilmittel („Cure“). Alle Personen, die von Mamiya zum Mord überredet werden sind mit irgendwas unzufrieden. Diese unterdrückte Wut ist der Nährboden für die Wirkkraft der Hypnose. Mamiya redet ihnen ein sich mit den Morden zu befreien und macht sie so gefügig. Er selber verfolgt aber scheinbar kein höheres Ziel, ist eine Art Missionar, wie es der Arzt Sakuma vermutet.

Wer Filme wie SIEBEN oder DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER mochte, für den ist KYUA definitiv eine Empfehlung. Aber auch für all diejenigen, deren Nerven für japanischen Grusel-Horror à la RING und JU-ON zu schwach sind.

 

#10 „Riri Shushu no subete“ (2001)

Riri Shushi no subete

aka

„All about Lily Chou-Chou“.

HOSHINO ist ein Streber und wird gemobbt. Doch er wehrt sich und schnell wendet sich das Blatt- er ist der Kopf der Bande, die ihn einst quälte.

HASUMI ist Teil dieser Clique. Durch ihn lernt Hoshino die Musik von LILY CHOU-CHOU kennen, von der Hasumi bereits besessen ist und ein Internet-Fan-Forum ins Leben gerufen hat. Die Foren-Einträge werden als zweite Dialogebene immer wieder in den Film eingebaut. Darin wird oft von dem ETHER gesprochen, der mit Emotionen aus Lily´s Musik gefüllt wird.

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„RIRI SHUSHI NO SUBETE“ ist ein unglaublich schön gemachter, bildgewaltiger Film. Der Film drückt Chaos, Grausamkeit, Verwirrung und den Konflikt zwischen Kindern aus, die egoistisch und schwach sind und zu viele Emotionen haben, um sich selbst zu kontrollieren.

Trotzdem sind sie noch unschuldig. Sie zerstören sich selbst, finden aber keinen Ausgang aus dem Chaos. Die Musik von Lily gibt ihnen HOFFNUNG und begleitet sie auf dieser Reise durch Liebe, Vergewaltigung und Tod.

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Regisseur SHUNJI IWAI lieferte mit „ALL ABOUT LILY CHOU-CHOU“ den ersten japanischen Film in 24 progressive ab, einem neuen digitalen Filmformat, welches bis Heute Standard ist.

Desweiteren startete er im Vorfeld der Dreharbeiten eine Website mit dem Titel LILYHOLIC, wo er als fiktionale Charaktere aus dem Film Beiträge verfasste und mit denen dann Nutzer interagieren konnten. Teile dieser Beiträge wurden für den späteren Film auch verwendet.

Apropo im Film verwendet. Die Musik, die der Film verwendet stammt neben Claude Debussy und Erik Satie auch von der gleichnamigen Band Lily Chou-Chou, die sich erst nach dem Film gründete. Ihr Album erschien zwei Wochen nach dem Kinostart in Japan.

In KILL BILL VOL.1 verwendete dann Quentin Tarantino wiederum ein Lied von Lily Chou-Chou (richter Name der Sängerin ist Salyu) in einer Szene:

„RIRI SHUSHI NO SUBETE“ ist kein typischer „Coming of age“ Film über das Erwachsen werden. Er ist nicht unbeschwert, sondern abgründig tief und lässt einen mit vielen Fragen zurück.

GRUPPENDYNAMIK, und generell das (Fehl-)Verhalten in der Gruppe sind ein großes Thema. Im Japanischen gibt es den Auspruch „Shikata ga nai“ („Da kann man nix machen“), der eine Hilflosigkeit in einer Notsituation ausdrückt. Die Kinder im Film scheinen in manchen Situationen deshalb teilnahmslos und lassen schlimme Dinge einfach passieren und erheben sich nicht gegen Verbrechen oder schweigen an Stellen, wo es besser wäre die Wahrheit auszusprechen.

So schreibt ein Fan von Lily im fiktiven Fan-Forum:

„Maybe I´m writing this, because I want to scream out, ‚I´m here!'“ – Palstele

Die Kinder flüchten sich in eine zweite Realität und diese verbindet sie, obwohl sie teilweise verschiedenen Parteien angehören. Die Musik bleibt die Konstante in ihrem Leben.

Über die Kommunikation mit anderen Fans im Internet können sie ihr Schweigen des Alltags brechen. Dies führt im Endeffekt aber nur zu einem anonymen Austausch, der in der Realität keinen Einfluss auf die Interaktion der Kinder untereinander hat. Sie scheinen in Lily aber zugleich ihre Heilsbringerin zu sehen, die sie von all dem erlöst. Denn ein anderer Foren-Nutzer schreibt:

„Lily´s not here to heal you! Don´t make her out to be what she isn´t.“ – Blue Flower

Die Struktur des Films ist beim ersten Mal ein bisschen verwirrend. Der Film beginnt in der Mitte, geht dann an den Anfang und setzt dann wieder in der Mitte an, um die Geschichte zu Ende zu erzählen. Im Anfangsteil wird zudem sehr viel mit Handkamera gearbeitet, und der Film kommt einem wie ein Horrorfilm vor.

Was erschwerend hinzu kommt sind die Konstellationen der Charaktere zueinander. Oft scheinen ihre Beziehungen anders als zuerst angenommen. Ihre Beiträge in dem Fan-Forum sind auch nicht eindeutig zuzuordnen, da sie unter Pseudonymen schreiben. Die wahren Gefühle bleiben uns als Zuschauer deshalb oft genauso unergründlich wie den Personen im Film selbst.

„RIRI SHUSHI NO SUBETE“ ist lehrreich, mitreißend, und schafft es, trotz einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden, nicht nur die emotionale Verbindung zum Zuschauer aufrecht zu erhalten, sondern diese sogar noch zu steigern.

Lange Rede – kurzer Sinn:

Anschauen, anschauen, anschauen! Ganz großes Kino!

 

 

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#9 „Samehada otoko to momojiri onna“ (1998)

Samehada otoko to momojiri onna

aka

Shark Skin Man and Peach Hip Girl“.

Toshiko wird Zeugin eines Banküberfalls. Samehada ist der Bankräuber.

Zwei Jahre nach dem Überfall ist Samehada mit dem Geld eines Yakuza-Clans auf der Flucht und wird durch Toshiko per Zufall vor den Gangstern gerettet.

Bis vor Kurzem hatte Toshiko

noch im Hotel ihres Onkels gearbeitet. Da dieser sie sexuell belästigt, beschließt sie weg zu laufen und das Schicksal bringt sie mit Samehada zusammen.

Ihr Onkel will Toshiko zurückholen und setzt einen Killer auf Samehada an. Es beginnt eine Wettstreit zwischen den Yakuza-Gangstern und dem Killer.

Wer findet die beiden zuerst?

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Basierend auf dem Manga „Daisharin“ von Minetarō Mochizuki ist dieser Film das Erstlingswerk von Regisseur Katsuhito Ishii.

Der Comic Ursprung lebt in den überzeichneten Charakteren und dem schwarzen Humor weiter. So diskutieren die Gangster in kurzen Zwischenszenen banale Themen des Alltags und man merkt, dass der Film diese Bösewicht nicht ganz ernst nimmt. Darin liegt unter anderem die Stärke des Films.

Dazu passt die Rolle des Anti-Helden Samehada und seiner „Bonny“ Toshiko. Gespielt von Tadanobu Asano, der später in Ichi the Killer auch einer breiten Masse außerhalb von Japan bekannt wurde, ist die Rolle des Hauptdarsteller sehr gut besetzt.

Generell ist die Auswahl der Schauspieler sehr hochkarätig für einen Debutfilm. Susumi Terajima (Hana-bi, Postman Blues) spielt einen Yakuza, der die Seiten wechselt. Ittoku Kishibe (Survive Style 5+, Violent Cop) in der Rolle des Bosses, mit einem Fabel für Messer.

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Regisseur Ishii schafft es damit Schauspieler für seinen Film zu gewinnen, die sowohl davor als auch danach genau für solche Rollen beim Publikum bekannt (geworden) sind.

Davon profitiert der Film natürlich und der Mix aus Action und Comedy wirkt an den wenigsten Stellen unausgeglichen.

 

 

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#8 „Kurôn wa kokyô wo mezasu“ (2008)

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aka

The Clone Returns Home“.

Ein Kind stirbt. Eine Mutter trauert. Ein Bruder hat Schuldgefühle.

Der Bruder, der überlebt wird Astronaut und stirbt im Weltall. Sein Körper wird geklont, doch das Trauma der Kindheit lässt auch den Klon nicht los.

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VORSICHT: Zäh!

„Kurôn wa kokyô wo mezasu“ ist Meditation. Er ist genau das, was man von einem japanischen Film erwartet. Lange Einstellungen, wenig Dialoge und vollgepackt mit Metaphern.

Was zunächst wie ein Familiendrama beginnt, entwickelt sich zu einem moralischen Kunstwerk über den Wert des Lebens. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Wie weit darf die Wissenschaft gehen?

Der Klon fungiert als Lebensversicherung, der nach dem Tod des Versicherten mit dessen abgespeicherten Erinnerungen befüllt und aktiviert wird.

Doch schnell wird klar, dass das Kindheitstrauma die Seele des Klones ebenfalls befallen hat. Der Klon bricht aus der Forschungseinrichtung aus, sucht den Ort seiner Kindheit, sein Elternhaus auf, um zu erfahren was es mit dem Tod seines Bruders auf sich hat.

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„The Clone Returns Home“ erschien 2008 und wurde vom deutschen Regisseur Wim Wenders produziert. Sein Einfluss zeigt sich in Szenen, die sehr illusionistisch, traumhaft sind und die Grenze zwischen Realität und Wahnvorstellung verwischen.

In der philosophischen Grundfrage des Films bezieht Regisseur Kanji Nakajima eindeutig Stellung. Er kritisiert das Klonen, porträtiert die Wissenschaft als profitgierig und bereit Menschenleben für den Fortschritt zu opfern.

Ähnlich wie das amerikanische Scifi-Drama Moon, welches ein Jahr später, 2009, erschien, thematisiert der Film die Frage der Identität und Einzigartigkeit des Menschen. „The Clone Returns Home“ ist aber in seiner Machart um einiges ruhiger und ist mit fast zwei Stunden eine große Geduldsprobe für den Zuschauer.

 

#7 „Als die Sonne vom Himmel fiel“ (2015)

„Als die Sonne vom Himmel fiel“

aka

„The Day the Sun fell“.

Eine Filmemacherin auf den Spuren ihres Großvaters, der während des  Atombombenabwurfs im Zweiten Weltkrieg Arzt in Hiroshima war.

Aya Domenig hat eine Japanische Mutter und einen Schweizer Vater. Sie besucht ihre Großmutter in Hiroshima, um über die Vergangenheit, das Leben ihres Großvaters zu recherchieren.

Über Hirsoshima zu berichten, bedeutet auch immer über persönliche Schicksale zu berichten, die untrennbar mit der Katastrophe verbunden sind. Der Film beginnt daher mit intimen Einblicken und erzählt von der aufopfernden Arbeit der Krankenschwestern und Ärzte. Er versetzt uns in die Denkmuster einer Generation, für die der Kriegszustand normal war und die bereit war, alles für ihr Heimatland zu opfern.

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Genau in der Mitte des Films kommt es zu einem unvorhergesehenen Wendepunkt, der in die Aufnahmen des Films hineinplatzt- die Fukushima Katastrophe.

Ziemlich beeindruckend gelingt es Aya Domening in den Interviews mit den Überlebenden von Hiroshima eine Parallele zu Fukushima herzustellen. Schnell zeigt sich, dass Japan die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges noch nicht aufgearbeitet hat. Die Leute wollten lieber vergessen anstatt sich zu erinnern, hatten Angst vor der Wahrheit. Mit Fukushima erlebt das Land ein Déjà-Vu und zeigt in seiner Reaktion die selben Fehler wie damals. Die Lügen der Regierung über Strahlung, viel Gerede und wenig Handeln.

Das Resultat ist ein Plädoyer für Meinungsfreiheit und eine Anklage der Überlebenden von Hiroshima, verbunden mit einer Aufforderung an die Regierung endlich Verantwortung zu übernehmen.

„Als die Sonne vom Himmel fiel“ demonstriert ein authentisches Stück Zeitgeschichte und zeigt den Kampf der Kriegsgeneration Japans für eine bessere Zukunft ihrer Enkel und Urenkel, auch wenn sie wissen, dass es momentan sehr dunkel aussieht.

 

#6 „Survive Style 5+“ (2004)

Survive Style 5+“

aka

Survive Style“.

5 skurrile Kurzgeschichten, die locker miteinander verbunden sind.

Ein Familienvater wird zum Vogel. Eine ermordete Frau kehrt immer und immer wieder von den Toten zurück. Ein britischer Killer fragt nach dem Sinn des Lebens. Eine Gruppe junger Männer schlägt sich die Nacht um die Ohren. Eine Werbefachfrau verliert ihr Tonband.

Eins vorne weg: Der Film lässt sich schwer einordnen. „Survive Style 5+“ ist ein GENRE-MIX, der irgendwo zwischen Komödie, Horror, Fantasy und Drama angesiedelt ist.

Wenn das Genre keine Hilfe ist, um den Film abzustecken, dann hilft vielleicht die Orientierung an der Machart des Films. FARBEN, KAMERAEINSTELLUNGEN und FILMSETS sind außergewöhnlich. Die hellen Pastellfarben, der Blick der Kamera von einer oberen Ecke in den Raum hinein, die Kamerafahrt aus der Sicht des Protagonisten, die Großaufnahme von Gesichtern, und die exzentrische Einrichtung der Handlungsorte, überspitzen den Film.

Das kitschige Setting einiger Episoden erinnert an das infame Video von Kyary Pamyu Pamyu:

„Survive Style 5+“ wirkt dadurch wie ein überlanger WERBE- bzw. MUSIKVIDEOCLIP. Die einzelnen Episoden des Films sind surrealistisch und können sich mit der ein oder anderen absurden Folge der Twilight Zone messen.

Aber man darf den Film auf Grund seiner schrillen Ästhetik und der abschnittsweisen dumpfen Gewalt nicht unterbewerten. Subtil erzählt er von Themen wie menschlicher Nähe, Liebe und Reue. Diese Themen werden im zweiten Film des Regisseurs Gen Sekiguchi, Sabi otoko sabi onna, in Form einer reinen Romantic-Comedy offensichtlicher.

„Survive Style 5+“ bleibt als ein, selbst für japanische Verhältnisse, ungewöhnlicher Film in Erinnerung und, wie es eine Lehrerin im Film ausdrückt: „Ungewöhnlich ist gut.“

#5 „Poruno Sutâ“ (1998)

Poruna Sutâ“

aka

Tokyo Rampage“.

Ein Teenager und eine Tasche voller Messer. Eine Gruppe Kleinkrimineller und ein Mädchen.

Arano trifft Kamijo, der von einem alternden Yakuza-Boss einen Mordauftrag bekommt. Arano schließt sich Kamijo´s Bande an und übernimmt den Mordauftrag.

Dann richtet er sich gegen Kamijo und will sich mit seiner Freundin Alice und einem Haufen Drogen nach Fiji absetzen.

Der Debutfilm von Toshiaki Toyoda beginnt mit Zeitlupen und verzerrten Gitarrenriffs der japanischen Psychedelic Rock Band Dip. Schauplatz der Handlung ist das Viertel Shibuya in Tokyo. Ein Mikrokosmus der Party-Jugendkultur in Japan. Eine lebendige Kameraführung und subjektive Einstellungen bestimmen den ersten Teil des Films. Im Verlauf des Films wird es aber ruhiger und das Tempo geht etwas zurück.

Der mysteriöse Hauptcharakter Arano handelt ohne wirkliche Motive. Niemand weiß, wo er herkommt und was sein Ziel ist. Er ist gefühlskalt und hat nicht viel Respekt vor dem Leben anderer. Der Film stellt ihn weder als Helden, noch als Anti-Helden dar. In diesem Punkt ist der Film genauso unmotiviert wie sein Hauptcharakter.

Arano redet zudem nicht wirklich. Er scheint aber einen besonderen Hass gegenüber den Yakuza zu haben und sagt ihnen ständig, dass sie nutzlos seien. Über diesen Satz geht sein Vokabular aber selten hinaus. Und spätestens als er den gesuchten Yakuza-Boss mit gefühlten 100 Messerstichen kommentarlos niederstreckt, merkt man, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Arano kann man stellvertretend für eine Jugend ohne Ziel verstehen, muss man aber nicht. Er weigert sich mit seiner Außenwelt zu kommunizieren. Wobei Gewalt eine Ausnahme darstellt.

 

Sein Gegenpart, Kamijo, hat zu Beginn des Films gerade seinen Vater verloren, was ihn in eine schwere Krise versetzt hat. Kann er sein Leben als Krimineller weiterführen und trotzdem seinen Vater stolz machen? Im Gegensatz zu Arano zeigt Kamijo starke Gefühle von Trauer und Angst. Paradox, da doch eigentlich er den Gangster-Part übernehmen soll. Aber auch er ist kein typischer Held. Seine Rolle als junger Kleinkrimineller zerbricht schlicht und einfach an der Brutalität und Abgeklärtheit die ihm mit Arano entgegenschlägt. Am Ende zerbrechen jedoch beide daran und Alice bleibt als einsames Skater-Girl  im Dschungel von Shibuya zurück.

#4 „Jiro dreams of Sushi“ (2012)

Jiro Dreams of Sushi“

aka

Jiro und das beste Sushi der Welt“

Jiro Ono ist 85 Jahre alt und Sushi Koch in Tokyo. Im Keller eines Bürogebäudes führt er ein Restaurant, in dem knapp 10 Gäste Platz finden. Zu seinen Gästen gehörten bereits Barack Obama und Japans Premierminister Shinzô Abe.

Die Dokumentation blickt in die Küche des besten Sushi Restaurants der Welt und erforscht den Mann hinter dem Tresen.

Doch so gut Jiro Ono auch sein mag, er wird nicht ewig Sushi machen können. Was passiert mit seinem Wissen und Restaurant nach seinem Ableben?

Zwei Söhne versuchen sich an dieser schweren Aufgabe. Der Erstgeborene, Yoshikatzu, wird das Restaurant des Vaters weiterführen und arbeitet ihm seit 40 Jahren zu. Inzwischen darf er auch selber Sushi zubereiten, wird aber noch bei jedem Handgriff vom Vater getadelt und verbessert. In Fakt war er aber derjenige, der für die Restaurantkritiker des Guide Michelin gekocht und 3 Sterne von ihnen bekommen hat (laut Definition bedeuten 3 Sterne im Michelin Guide, dass es sich alleine für dieses Lokal lohn ein Land zu besuchen!). Jiro´s Können wird in der Dokumentation als uneinholbar beschrieben, welches dem Fakt zu Grunde liegt, dass er sein gesamtes Leben dem Sushi verschrieben hat. Der zweite Sohn, Takashi, hat sich selbstständig gemacht und ein eigenes Sushi Restaurant eröffnet.

Die Söhne erzählen von ihrer Kindheit und von dem fremden Mann, der ab und zu auf der Couch schlief – ihr Vater Jiro. Er war für sie quasi nicht existent, da er Tag und Nacht im Restaurant arbeitete und sich auch nie frei nahm.

Der Fokus liegt aber auf der Beziehung zwischen Jiro und dem älteren Sohn Yoshikatzu, und seinem Bestreben den Ansprüchen des Vaters gerecht zu werden. Die Aufgabe ist aber letztendlich unmöglich, da Jiro noch nicht einmal seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird.

Der amerikanische Regisseur David Gelb porträtiert mit „Jiro Dreams of Sushi“ einen Besessen.  Jiro hat aus dem Nichts ein Lebenswerk aufgebaut und tat dies nicht für Ruhm oder die 3 Sterne im Michelin Guide. Im Japanischen gibt es den Begriff des Ikigai, welcher sich als Lebenssinn übersetzen lässt. Diesem, inzwischen veralteten, Prinzip fühlt sich Jiro verpflichtet. Er beschloss, dass Sushi sein Lebensinhalt sein werden würde und widmete sich dieser Entscheidung. Wie lässt sich dieses Prinzip auf die nächste Generation übertragen? Yoshikatzu scheint sich dieser Aufgabe ohne Zweifel zu stellen und lernt selber jüngere „Anwärter“ an.

Die nachdenkliche Dokumentation geht weit über bloße Zubereitungstechniken von Sushi hinaus und thematisiert den Konflikt von Tradition und Moderne. Jiro Ono wird zu einer fast unmenschlichen, gottgleichen Person stilisiert. Ein alter, weiser Mann, dessen Künste unerreichbar erscheinen. Gleichzeitig kündigt der Film das Ende seiner Ära an und spricht von einem Geist, der nie ganz aus dem Restaurant verschwinden wird.

Außerdem schneidet er kurz das aktuelle Thema der Überfischung an, welches Jiro bereits selber erkannt hat und auch kritisiert.

Zusammenfassend: ein wichtiger Film über Respekt, Tradition und verdammt teures Sushi.

#3 „Sûpâ no Onna“ (1996)

Sûpâ no Onna

aka

Supermarket Woman“.

Der Supermarkt von Goro Kobayashi steht nach der Eröffnung des Konkurrenten „Bargains Galore“ kurz vor der Pleite und droht von ihm geschluckt zu werden. Als er seine alte Schulfreundin Hanako wiedertrifft, hilft ihm die clevere Hausfrau den Konkurrenzkampf aufzunehmen.

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Der Film über die Führung eines Supermarktes klingt langweiliger als er ist. Hanakos Methoden, um frischen Wind in die Service-Wüste von Goro´s Supermarkt zu bringen stoßen schon sehr bald auf den Widerstand der alteingessenen Mitarbeiter und des Managements. Schnell bilden sich zwei Lager heraus. Auf der einen Seite Hanako und die Kunden, welche sie versucht als Stammkunden zurück zu gewinnen. Auf der anderen Seite, die Metzger- , und Sushi Meister und das Management. Die Meister wollen, ihrer Zunft angemessen, höchste Qualität liefern und achten dabei aber nicht auf die Wünsche der Kunden und lassen sich nichts einreden. Das Management will möglichst gewinnbringend Ware verkaufen und hält daher die Metzger dazu an, altes Fleisch neu zu verpacken. Hinzu kommen korrupte Mitarbeiter und natürlich auch die Konkurrenz von „Bargains Galore“, die alle Hebel in Bewegung setzen, um Hanako den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ihr Chef Goro Kobayashi steht zwischen den Stühlen und versucht zudem die alte Jugendliebe zu Hanako wieder aufleben zu lassen.

Was für den Zuschauer darüberhinaus wohl am interessantesten ist, sind die entlarvenden Techniken der Händler. Der Film wirkt an manchen Stellen sehr realistisch und man könnte meinen, dass man gerade echten Mitarbeitern eines Supermarktes bei der Arbeit zuschaut. Mit einem Augenzwinkern vermittelt der Film hier Basiswissen in Verhandlungs- und Verkaufsstrategie.

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Hauptdarstellerin Nobuko Miyamoto spielt die Rolle der gewieften, emanzipierte Frau mit Geschäftssinn, die immer an das Wohl des Kunden denkt. Sie stellt ihre männlichen Kollegen in den Schatten, denunziert sie aber nicht, sondern motiviert sie dazu Neues zu wagen und ihren Träumen zu folgen.

Sie ist prägend für die Filme von Regisseur Juzo Itami. Sie waren nicht nur bis zu seinem, bis heute nicht ganz einwandfrei aufgeklärten, Selbstmord liiert, sondern sie spielt auch in all seinen Filmen die Hauptrolle. Sei es als Steuerfahnderin in Marusa no Onna, als Anwältin in Minbo oder als Nudelköchin in Tampopo. Nobuko Miyamoto ist das Gesicht seiner Filme.

Wie schon in seinen anderen Filmen schafft es Itami eine lockere Stimmung aufzubauen, die den ganzen Film über dahinschwebbt. Untermalt von  jazziger Supermarktmusik, die einen ganz vergessen lässt wie schnell die Zeit vergeht, schaut man den Kunden beim Wiederentdecken des Supermarktes zu. Es ist aber auch kein Blödelfilm. Die Rettung des Supermarktes und die Bedürfnisbefriedigung der Kunden stehen im Mittelpunkt. Dem Film gelingt dadurch eine Balance zwischen Komödie, seichtem Drama und Romanze zu halten. Ein richtiger Wohlfühl-Film.

#2 „Dangan Ranna“ (1996)

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Wie eine Kugel im Lauf

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Non-Stop„.

Ein missglückter Banküberfall wird zum Marathon. Drei Männer laufen einen Tag durch Tokyo.

Yasuda`s Vorhaben eine Bank zu überfallen findet ein schnelles Ende als er bemerkt, dass er keine Maske hat und im nächstgelegenen Supermarkt den Verkäufer, Aizawa, anschießt, der ihn beim Klau einer Atemmaske erwischt. Er verliert seine Pistole und flieht.

Aizawa nimmt bewaffnet die Verfolgung auf. Dabei läuft er den Yakuza Takeda über den Haufen, bei dem er wegen seiner Drogensucht Schulden hat und der Yasuda die Waffe für den Banküberfall besorgt hat.

Takeda ist verzweifelt, da er den Tod seines Bosses zu verantworten hat, der in der Nacht zuvor ermordet wurde. Kopflos taumelt er durch die Straßen als ein Mann auf ihn zurennt. Er verkennt Aizawa als den Attentäter, der seinen Boss ermordet hat und stellt sich ihm in den Weg. Diesmal will er nicht zur Seite springen. Doch der Zusammenprall löst einen Schuss aus der Pistole und trifft eine Passantin – der Startschuss für Takeda.

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Takeda

Der filmische Dauerlauf erzählt mit viel schwarzem Humor und schnellen Schnitten eine brilliante Geschichte. Er schafft es die Fäden der persönlichen Hintergrundgeschichten  um die Verfolgung herum zu spinnen und Stück für Stück zusammenlaufen zu lassen. Man taucht immer tiefer in den Strudel ein, wird überrascht und fiebert mit. Dabei bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Die Kamera ist viel in Bewegung, kaum eine ruhige Minute. Praktisch im Vorbeilaufen erfährt man die Motive der Charaktere. Warum laufen sie nach mehreren Stunden immer noch? Was treibt sie an? War der Lauf zu Anfang noch purer Reflex, so wird er gegen Ende hin zu etwas Höherem, etwas Symbolischem. Realität und Vision verschmelzen miteinander. Laufen als epiphanische Erfahrung, in der die Läufer ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlieren und etwas anderem entgegenstreben.

Das Erstlingswerk von SABU (Hiroyuki Tanaka) macht den Anfang einer ganzen Reihe von Filmen, die sich mit dem Thema der Bewegung auseinandersetzen und in denen Shin’ichi Tsutsumi (Postman Blues, Unlucky MonkeyMondayDrive) jeweils immer die Hauptrolle spielt.

SABU ist Meister des Zufalls und erdenkt Handlungsstränge, die bei anderen Filmemacher plump oder unausgefeilscht wirken würden. Doch mit den Mitteln der Komik öffnet er eine Hintertür, die den Absurditäten einen wahrscheinlichen Charakter verleihen. Nichts wirkt übertrieben, alles gerade so als ob es auch im wahren Leben (mit sehr viel Pech) passieren könnte. Das SABU den einfachen, kleinen Mann in den Mittelpunkt stellt und ihn zum Spielball des Schicksals macht, verstärkt den Effekt. Seine Filme bleiben dadurch realistisch, driften nicht in fiktive Action-Welten ab wie beispielsweise bei den Werken von Takashi Miike.

Bestimmt ebenfalls kein Zufall sind die Parallelen zu Lola Rennt. SABU`s Film feierte 1997 auf der Berlinale in Berlin einen großen Erfolg. Ein Jahr später rannte Franka Potente als Lola über die Leinwand.