#21 „Sayonara Kabukichô“ (2014)

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„Kabukichô Love Hotel“.

24 Stunden in einem japanischen Stundenhotel. Ein Blick hinter die Kulissen. Nicht nur hinter die Organisation eines sogenannten „Love Hotels“, sondern auch hinter die Kulissen seiner Besucher.

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Saya und Toru

TORU ist Manager des Love Hotels „Atlas“ im Tokyoter Rotlichtbezirk Kabukichô. Hier arbeitet er unter anderem mit der Putzfrau SATOMI zusammen, die sich dort unter einer falschen Identität vor der Polizei versteckt.

Toru`s Freundin SAYA ist Sängerin und steht kurz vor einem großen Plattenvertrag. Sie weiß nichts von Torus Job und denkt er sei immer noch Rezeptionist in einem renommierten Sterne-Hotel. Denn Toru hat Schulden bei Saya und traut sich deshalb nicht ihr zu gestehen, dass er den Posten beim Sterne-Hotel verloren hat.

Daneben gibt es noch ein koreanisches Pärchen, dessen Beziehung kurz vor dem Ende steht. LEE HE-NA arbeitet, ebenfalls ohne das Wissen ihres Freundes Chonsu, als Callgirl und geht mit ihren Kunden regelmäßig ins Love Hotel. Sie hat aber just an diesem Tag ihren letzten Arbeitstag, und will mit dem verdienten Geld zurück nach Korea und ein Geschäft mit ihrer Mutter eröffnen.

Als dritten Handlungsstrang erzählt der Film die Geschichte des von zu Hause weggelaufenen Mädchens HINAKO. Sie wird von dem jungen Schönling MASAYA aufgegabelt und ins Love Hotel geschleppt. Dieser ist „Talent“-Scout für Prostituierte und sieht in ihr neues Material. Aber bei ihr ist es anders. Er verliebt sich in sie und lässt sie gehen, was ihm viel Ärger mit seinem Chef einbringt.

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Chonsu & Lee He-Na

In der Hauptrolle des Toru brilliert Schauspieler Shota Sometani, der gerade mit Filmen wie Tokyo TribeParasyte oder Sion Sono´s Himizu auf dem besten Weg ist das neue Gesicht des modernen japanischen Mainstream – Kinos zu werden. Ähnlich wie in Tokyo Tribe ist sein Charakter das verbindende Element zwischen den einzelnen Stories.

Überraschend ist die Zusammenarbeit mit der koreanischen Schauspielerin Lee Eun-Woo, die zuvor nur in südkoreanischen Dramen mitspielte (z.B. Moebiuseu). Dies war ihr erster japanischer Film und sie sprach zu Beginn der Dreharbeit nur sehr wenig Japanisch.

Regisseur Ryuichi Hiroko verbindet mit dem Film seine beiden Wurzeln. Das Independent Kino und das Pinku Eiga. Das Love Hotel wird dabei zu einem Ort an dem die Dinge zusammenlaufen, eine neue Richtung finden. Für alle Charaktere ändert sich ihr Leben nach diesen 24 Stunden. Es geht um schicksalhafte Begegnungen, Neuanfänge, und Flucht. Vor allem aber um Liebe und die Erkenntnis, dass im Leben nichts endgültig ist.

 

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Moebius

 

Quellen:

http://39.hkiff.org.hk/eng/film/detail/39103-kabukicho-love-hotel.html

http://www.filmbiz.asia/reviews/kabukicho-love-hotel

 

#20 „Narayama bushikô“ (1958)

Narayama bushikô“

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„The Ballad of Narayama“

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„Die Ballade von Narayama“.

Ein kleines japanisches Dorf hat die Tradition ihre älteren Bewohner auf dem Berg Narayama auszusetzen.

Wenn ein Bewohner des Dorfes das 70. Lebensjahr erreicht hat, ist es die Pflicht des Sohnes ihn auf den Berg zum Sterben zu tragen.

Die inzwischen 72-Jährige ORIN kann es kaum erwarten endlich die Reise zum Narayama anzutreten. Doch solange ihr verwitweter Sohn, TATSUHEI, keine neue Frau gefunden hat, fühlt sie sich noch verpflichtet für ihn zu sorgen.

Als dieser schließlich eine neue Frau aus dem Nachbardorf heiratet, kann sie endlich gehen. Für TATSUHEI fällt diese Entscheidung des Abschieds jedoch schwer und er kämpft mit seiner sozialen Verpflichtung dem Dorf gegenüber und seinen Gefühlen für seine Mutter.

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Die Geschichte behandelt den Mythos des „Ubasute“, nach dem im feudalen Japan ältere Menschen in der Wildnis ausgesetzt wurden. Der Mythos des Ubasute war meist Gegenstand von Gedichten und japanischer Folklore. Historische Quellen, die eine solche Praktik wirklich belegen, sind aber so gut wie keine bekannt.

Der Film adaptiert eine solches Drama von Autor Shichirô Fukazawa, welches zwei Jahre zuvor erschien und vermischt Film- und Theaterelemente.

Regisseur Keisuke Kinoshita bedient sich für seinen Film bei der japanischen Theaterform Kabuki. Ein Beispiel ist der Erzähler, der zwischen den einzelnen Szenen oder auch parallel zu ihnen die Handlung singend kommentiert und dabei von einem traditionellen Orchester, bestehend aus Samisen und Klanghölzern begleitet wird.

Hinzu kommt eine künstlich wirkende Kulisse, die sofort den Theaterzusammenhang erkennen lässt. Kinoshita legt hier bewusst keinen Wert darauf einen realistischen Film zu inszenieren, sondern mehr eine Art filmisches Theater zu schaffen. Die Kamera bewegt sich in Kamerafahrten durch die Kulissen und die Übergänge von einem Schauplatz zum nächsten gehen mit einer geschickten Trickmontage ineinander über.

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Inhaltlich ist NARAYAMA BUSHIKÔ die traurige Geschichte eines Sohnes, der nicht Abschied nehmen will von seiner Mutter, der es offensichtlich gesundheitlich noch ganz gut geht. Es ist kaum zu verstehen wieso sie die Familie verlassen will. Doch für sie ist es die Tradition und sie schämt sich sogar noch all ihre Zähne zu haben bevor die Reise beginnt. Um dieser „Schmach“ zu entgehen, schlägt sie sich einige Zähne selber aus, um als „alte“ Frau, vom Leben gezeichnet, die Reise anzutreten.

Im Kontrast dazu zeigt der Film das Schicksal des Nachbar-Opas, MATA. Er will um jeden Preis dem langsamen Hungerstod auf dem Narayama entkommen und weigert sich auf den Berg getragen zu werden. Dies ist eine Schande für seine Familie und schließlich wird auch er gefesselt auf den Berg getragen.

Eine Erklärung für das Verhalten von ORIN könnte die Zeit in der der Film gedreht wurde liefern. 1958, in der schweren Zeit nach der Niederlage des 2. Weltkriegs, sollte ORIN Vorbild sein für eine Generation von Japanern, die dem harten Schicksal mit einem Lächeln im Gesicht entgegentreten und keine Angst vor der Pflichterfüllung haben. Letztendlich fügt sich ja auch ihr Sohn TATSUHEI und erfüllt seine Rolle in der Dorfgemeinschaft, wenn auch unter sehr großem Leid.

 

 

 

Quellen:

http://koreanfilm.org/Q/?m=201401

http://www.divxclasico.com/foro/viewtopic.php?t=43849

 

#19 „Jigoku no banken: Akai megane“ (1987)

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„The Red Spectacles“.

Koichi Todome ist Teil der Spezialeinheit „Kerberos“, die inzwischen, wegen exzessiver Gewaltanwendung, staatlich verboten und verfolgt wird. Zusammen mit MIDORI und SOICHIRO weigert er sich die Waffen niederzulegen. Auf ihrer Flucht lässt KOICHI die beiden verletzt zurück und flieht aus dem Land.

Drei Jahre nach den Ereignissen kehrt KOICHI in die alte Heimat zurück. Vor Ort weiß er nicht, ob er den alten Freunden trauen kann und gerät in eine Spirale aus Verrat und Misstrauen.

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v.l.n.r. Koichi, Midori, Soichiro

Der Film beginnt wie ein klassischer Action-Film. Drei Flüchtige schießen sich ihren Weg in die Freiheit. Doch nach fünf Minuten nimmt der Film eine überraschende, andere Richtung.

Narrativ und filmisch entwickelt sich THE RED SPECTACLES zu einer Noir-Thriller-Komödie. Eine Mischung aus David Lynch und „Dick und Doof“. Gleichzeitig hüllen sich die Bilder in ein sepia/schwarz-weißes Licht, wirken farblos. Obwohl der Film in der „Zukunft“, 1998 spielt, wirkt die Inszenierung wie aus den 50er-Jahren.

Slapstick-Elemente aus übertriebenen Gesten und Sound-Effekten nehmen gewissen Actionszenen die Ernsthaftigkeit. Allerdings lassen sich viele Dinge mittels einem simplen Erklärungsansatzes erklären, der an dieser Stelle nicht genannt werden soll, um die Spannung nicht zu nehmen.

Man kann soviel sagen, dass am Ende des Films einige Hinweise auf KOICHI´s Bewusstseinszustand gemacht werden, der die gezeigten Bilder im Film eventuell beeinflusst haben könnte.

Regisseur Mamoru Oshii setzt mit diesem Film den ersten filmischen Startpunkt seiner Kerberos Saga, zu der später noch weitere Spielfilme und der wahrscheinlich bekannteste Teil der Saga, der Anime Jin-Roh, hinzukamen. Ausgangspunkt der Saga war ein japanisches Radiohörspiel mit dem Titel While Waiting for the Red Spectacles. Das Setting der Saga erzählt einen alternativen, fiktiven Geschichtsverlauf, der stark an Philip K. Dicks The Man in the High Castle erinnert.

THE RED SPECTACLES ist ein absurder Film und lässt ein wenig die Erwartungen, die man beim Anblick der Kampfmonturen der Protagonisten bekommt, ins Leere laufen. Stattdessen bekommt man ein Verwirrspiel serviert, welches die Grenzen von Realität und Traum zusammenfallen lässt.

Wer Oshii bereits durch Animes wie Ghost in the Shell kennt, sieht hier eine neue Seite seines Werks. Es gibt viele Referenzen zur Literatur (Shakespeare, Pushkin), zur griechischen Mythologie und der Film thematisiert Gedankenspiele zum Thema Freier Wille und Vorbestimmung. Alles sehr tiefgründige Ansätze, die aber nicht bis zum Erbrechen durchgekaut werden und den Film vor aufkommender Langeweile bewahren. Ergänzend dazu kommt noch ein hervorragender Soundtrack von Kenji Kawai.

 

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The Red Spectacles

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Quellen:

http://arazatu.blog48.fc2.com/blog-entry-3512.html

The Red Spectacles (1987)

#18 „Soredemo boku wa yattenai“ (2006)

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„I Just didn´t do it“.

Der 26 – Jährige TEPPEI KANEKO ist mit dem Zug auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch. In dem vollgepackten Zug beschuldigt ihn eine 15 – Jährige Schülerin, er habe ihr vorsätzlich an den Po gefasst.

Es beginnt ein Prozess um die Wahrheit. Zumindest könnte man das meinen.

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Denn ist KANEKO unschuldig. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Was der Film dann in einem fast schon dokumentarischen Stil zeigt, ist das Versagen des japanischen Rechtssystems. Man erfährt, dass 99,9% aller Angeklagten in solchen Fällen schuldig gesprochen werden. Grund ist die Reputation des Richters. Je schneller er ein Verfahren abschließt und je mehr Verurteilungen er erfolgreich durchführt, desto schneller winkt ihm eine Beförderung.

KANEKO bekommt deshalb den Ratschlag auf schuldig zu plädieren. Er käme dann mit einer kleinen Geldstrafe davon. Doch KANEKO besteht auf die Wahrheit und findet Unterstützung in einem Anwalt und einem Aktivisten, der sich speziell für unschuldig angeklagte Sexualtäter einsetzt.

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Das letzte Drittel des Films zeigt die Gerichtssitzungen. Sie sind mitfiebernd und man hält quasi vor jedem Satz den Atem an. Denn trotz des korrupten Systems, in dem die Wahrheit scheinbar keinen Platz hat, bekommt KANEKO einen milden Richter, der den Ausführungen der Verteidigung positiv gestimmt ist. Doch mitten im Prozess wechselt der Richter und der Wind dreht sich wieder. So geht es weiter auf der emotionalen Achterbahn.

Der Film ist sehr dialoglastig, aber nicht langatmig, wie man es bei vielen anderen Gerichtsfilmen sieht. Die Spannung wird gehalten und die Verhandlung gibt authentischen Einblick in ein fremdes Rechtssystem. Allein diese Abläufe zu beobachten ist sehr interessant. Wie wird mit dem Opfer umgegangen, welche Verfahrenswege gibt es und wie sieht der Alltag in japanischen Gefängnissen aus?

In Kombination mit der hervorragenden schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers könnte man meinen, dass hier gerade eine wahre Geschichte gezeigt wird.

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Regisseur Masayuki Suo hat nach 11 – jähriger Pause einen Aufschrei gegen das japanische Rechtssystem ausgelöst. Hatte er 1996 noch mit Shall we dance? eine locker, leichte Komödie geschaffen, die später ein amerikanisches Remake mit Richard Gere und Jennifer Lopez bekam, so schlägt er jetzt in SOREDEMO BOKU WA YATTENAI kritischere Töne an.

Hauptcharakter KANEKO steht dabei symbolisch für eine Generation von jungen Japanern, die sich nicht sicher sind, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Als sogenannter „Freeter“, ein Mensch, der nicht in festen Arbeitsverhältnissen lebt, stolpert er durchs Leben und gerät unglücklicherweise in diese Lage.

Der gesellschaftliche Aspekt des Films und die Aktualität dieses Problems in Japan geben Zündstoff für Diskussionen.

 

Quellen:

https://goninmovieblog.wordpress.com/tag/bokuzo-masana/

http://eigarebyu.blogspot.co.at/2013/01/soredemo-boku-wa-yattenai-2007.html

 

#17 „Yume to kyôki no ôkoku“ (2013)

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„The Kingdom of Dreams and Madness“.

Die Dokumentarfilmerin Mami Sunada begleitet die letzten Tage des Animationsstudios Studio Ghibli und seinem Mastermind Hayao Miyazaki.

Während der Produktionsphase von Kaze tachinu und Kaguyahime no monogatari schaut der Film den Zeichnern über die Schulter und gibt private Einblicke in Hayao Miyazakis Leben.

Anders als in anderen Dokumentation über das Studio Ghibli ( wie z.B. Der Tempel der tausend Träume) geht es hier weniger um die einzelnen Filme als Stationen in Miyazakis Leben. Vielmehr versucht der Film dem Privatmensch Hayao Miyazaki näher zu kommen.

Natürlich ist sein Leben untrennbar mit den Animationsfilmen seines Studios verbunden. Die persönlichen Beziehungen und teilweise auch Streitigkeiten mit Kollegen und Mitarbeitern stehen im Vordergrund. Gleichzeit wird man Zeuge des Entstehungsprozesses von gleich zwei Filmproduktionen.

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Der Film ist für alle Fans von Studio Ghibli Filmen unbedingt zu empfehlen. Auch wenn man die Filme nicht kennt, so ist dies bei diesem Film kein größeres Problem. Zwar gibt die Dokumentation keine Übersicht aller Ghibli – Filme, aber sie erzählt die Geschichte eines von Perfektion getriebenen Mannes und einer Persönlichkeit, die sichtlich gebrochen ist.

Überraschenderweise ist Hayao Miyazaki nämlich ein manisch – depressiver Mensch. Er ist Pessimist und kann ohne Schlaftabletten gar nicht mehr einschlafen. Eine Tatsache, die man angesichts der herzergreifenden Animes, gar nicht glauben kann. Doch YUME TO KYÔKI NO ÔKOKU zeigt unter wie viel Druck der Zeichner steht.

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So hört man beispielsweise Aussagen wie „Ich bin nie wirklich glücklich in meinem Leben gewesen“ oder „Filmemachen ist Leiden“. Für den Zuschauer wirkt Studio Ghibli als „Kingdom of Dreams“. Für Miyazaki selber ist es wohl eher ein „Kingdom of Madness“.

Die Dokumentation hinterlässt daher ein trauriges Gefühl, zumal man weiß, dass es in Zukunft keine Filme mehr aus dieser Traumfabrik des Studio Ghibli geben wird. Im September 2016 erscheint mit The Red Turtle der letzte Film des Studios in Japan.

Zum Abschluss noch eine kleine Chronologie von Hayao Miyazaki`s Werken, für alle die, die nicht genau wissen, was er gemacht hat:

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The Kingdom Of Dreams And Madness [Import anglais]

 

#16 „Aoi haru“ (2001)

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„Blue Spring“.

Das „Klatsch-Spiel“ macht KUJO zum Anführer einer Schülergang an einer Tokioter High School. Am Geländer des Schuldaches festklammernd muss man möglichst oft in die Hände klatschen und sich danach wieder am Geländer festhalten. KUJO klatscht sieben Mal, so oft wie keiner zuvor und wird zum Anführer ernannt.

Mit seinem einzigen Freund AOKI gerät er in einen Streit. AOKI distanziert sich daraufhin von KUJO und der Konflikt gipfelt in einem dramatischen Selbstmord.

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AOI HARU, dessen Geschichte sich ausschließlich auf dem heruntergekommenen Schulgelände abspielt, erzählt von der Parallelgesellschaft der Schülergang, in der die Lehrer nichts zu sagen haben.

Die Schüler befinden sich in einem Zustand der Apathie. Sie haben keine Pläne und vertreiben sich die Zeit mit sinnloser Gewalt und Nervenkitzel.

Dieses Motiv kommt einem bekannt vor, wenn man Toshiaki Toyoda´s Erstlingswerk Poruno Sûta kennt. AOI HARU ist sein zweiter fiktionaler Film und tritt stimmungsmäßig in die Fußstapfen von PORUNO SÛTA.

Ein geheimnisvoller Hauptcharakter, sinnlose Gewalt und eine etwas ziellose Erzählstruktur bilden den Rahmen des Films, der von der schroffen Musik der japanischen Punkband Thee Michelle Gun Elephant untermalt wird.

Das eigentliche Thema der Erzählung ist aber die Freundschaft zwischen KUJO und AOKI, die gegen Ende des Films scheitert. KUJO ist soziopathisch veranlagt, eher still und hat Spaß an Gewalt. AOKI hat zwar auch kein Problem mit Gewalt, ist aber positiver eingestellt. Im Vergleich zu allen anderen in der Schule hat er feste Pläne für seine Zukunft. Er will Pilot werden.

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Das Setting der heruntergekommenen Schule als Ort der Anarchie. Beschmierte Wände, keine Disziplin, keine Zukunft. All das transportiert der Film fast bis zum Schluss. Doch in der letzten Sequenz, quasi in letzter Minute, zerbricht diese Fassade aus Coolness bei den Jugendlichen und ihr wahrer Charakter kommt zum Vorschein. Für manche leider zu spät.

#15 „Ningen no jôken“ (Teil 3) (1961)

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„The Human Condition III: A Soldier´s Prayer“

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„Barfuß durch die Hölle: …und dann kam das Ende“.

Nachdem er den russischen Angriff überlebt hat, versucht KAJI mit einigen anderen Überleben hinter den feindlichen Linien Schutz zu finden.

Mit dem Ziel seine geliebte Frau MICHIKO noch einmal wieder zu sehen durchsteht er alle erdenklichen Gefahren bis er schließlich doch in russische Gefangenschaft gerät.

Dort trifft er alte Feinde und merkt zudem, dass seine kommunistischen Ideale in der Realität von den Russen nicht gelebt werden. Desillusioniert beschließt KAJI auszubrechen, mit der Konsequenz, dass er in der Kälte Sibiriens erfriert.

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Der dritte und letzte Teil der Filmreihe ist zugleich der Düsterste. Sowohl was die äußere, als auch die innere Gewalt anbelangt. KAJI mordet und ist mit großem Leid konfrontiert. Es wird wenig gescherzt, wie es in den bisherigen Teilen üblich war. Das große Finale stellt KAJI als gebrochenen Charakter dar.

Die ganze moralische Kraft von NINGEN NO JÔKEN wirkt in diesem Teil am stärksten und wird kinematographisch, sowie narrativ in epischer Weise umgesetzt.

Man sieht das Leid, das die Japaner den Chinesen antun. Man sieht was die Russen und die Chinesen den Japanern antun. Jeder leidet. Es gibt keinen Gewinner, niemand profitiert vom Krieg.

Wörter wie Freiheit, Demokratie oder Sozialismus, Wörter, an deren Werte KAJI fest glaubt, werden nur ausgenutzt. Sie erscheinen hohl und geben nur ein Versprechen, welches nicht gehalten wird. Es sind die großen Ideen, die in der Theorie gut klingen, aber unter denen das Individuum leidet. Was der Film zeigt ist, dass die Ideen selbst nicht schlecht sind. Das Problem ist der Mensch, der sie nicht richtig umsetzt. Der Mensch ist halt nur ein Mensch. Am Schluss ist es KAJI leid und er will Nichts mehr von irgendwelchen Ideologien wissen. Was ihn antreibt ist seine Liebe zu MICHIKO, deren endgültiges Schicksal allerdings unerzählt bleibt.

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Erzählerisch schließt sich mit dem dritten Teil eine Symmetrie.

KAJI beginnt in Teil 1 als Aufseher eines Gefangenenlagers und endet über einige Umwege selbst als Gefangener in einem Lager.

Als Fazit kann man sagen, dass es sich bei dieser Trilogie nicht um ein Spektakel handelt, wie man es vielleicht von anderen Trilogien oder von anderen (Anti-) Kriegsfilmen kennt. Man sieht keine riesigen Schlachten und der Protagonist ist auch kein Rambo, der mit seinem Gewehr alles und jeden niedermäht.

Da der Film dazu auffordert sich mit großen Themen auseinander zu setzen, ist der Zugang erst einmal schwieriger. Hinzu kommt natürlich auch die Gesamtlänge von fast 10 Stunden. Aber wenn man es wirklich geschafft hat und sich die Zeit genommen hat und mit KAJI den ganzen Weg mitgegangen ist, dann bleibt nach den drei Filmen ein ganz trauriger, bitterer Nachgeschmack, der nach der Sinnlosigkeit des Krieges schmeckt.

 

 

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#14 „Ningen no jôken“ (Teil 2) (1959)

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„The Human Condition II: Road to Eternity“

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„Barfuß durch die Hölle – Die Straße zur Ewigkeit“.

KAJI ist Rekrut in der japanischen Kwantung-Armee. Die Solidarität der Rekruten untereinander ist groß, doch KAJI steht auf Grund seiner Vorgeschichte unter Verdacht mit den Chinesen zu sympathisieren und wird zusammen mit einigen anderen Rekruten ausgegrenzt und tyrannisiert.

SHINJO und OBARA zählen zu seinen Leidensgenossen. Shinjo ist schon drei Jahre in der Armee, wird aber nicht befördert, weil sein Bruder Kommunist war. OBARA ist der Schwächste der ganzen Kompanie und hat daher oft mit den Ausbildern zu kämpfen. Zusammen versuchen sie die Zeit im Ausbildungslager zu überstehen.

Doch der strenge Private YOSHIDA bestraft OBARA einmal zu viel und treibt ihn damit in den Selbstmord. SHINJO gelingt während eines Brandes die Flucht aus der Kaserne über die Grenze nach China/Russland. Bei dem Versuch ihn wieder einzufangen stirbt Private YOSHIDA.

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KAJI, der YOSHIDA gefolgt war, wird ebenfalls schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Nach seiner Kur kehrt er als ausgebildeter Private der 1. Klasse zur Artillerie zurück, wo er die Aufgabe des assistierenden Ausbilders übernimmt.

Mit dieser neuen Position inne, bemüht er sich die Ausbildungszeit für seine Rekruten erträglicher  zu gestalten als sie es seiner Zeit noch war. Er pflegt einen lockeren Umgangston, was ihm schnell Missmut bei den älteren Ausbildern einbringt, die ihn auf Grund seiner Stellung beneiden. Sie empfinden sein Verhalten gegenüber ihnen beleidigend.

Wiedermal führt KAJI`s Verhalten zu Unruhe. Es kommt zum Streit zwischen den Ausbildern und den Rekruten, worauf der Lieutenant ihn und seine Rekruten an die Front zum Stacheldraht befestigen, in der Süd-Mandschurei, schickt.

Dort kommt es zur ersten kriegerischen Auseinandersetzung für KAJI und seine Soldaten. Russische Truppen fallen in die Mandschurei ein und überrennen die japanischen Verteidigungslinien. Im Kampf ist KAJI zum ersten Mal gezwungen einen Menschen zu töten. Er überlebt den Angriff, bleibt aber als Einer von wenigen Überleben, verstört zurück. Der Krieg hat ihn zum Monster gemacht.

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Der zweite Teil der Trilogie beginnt als „Boot“-Camp Film, in dem sich die Konflikte aus Teil Eins wiederholen. KAJI ist als Rekrut zwar exzellent, aber mental ist er gegen den Krieg und will seine humanistischen Grundsätze mit der harten Disziplin des Krieges vereinbaren.

KAJI wechselt von der Rolle des Aufsehers in die Rolle des Gefangenen. Zwar ist er nicht wirklich Gefangener, wird aber von den Ausbildern wie einer behandelt. Er spielt mit dem Gedanken zu fliehen, will aber seine Frau nicht zurücklassen, die zu Hause auf ihn wartet bis er von der Front heimkehrt. Hier zeigen sich Parallelen zum chinesischen Strafarbeiter KAO aus Teil Eins. Auch für KAO kam eine Flucht aus dem Arbeitslager nicht in Frage, da dies die Trennung von seiner Frau bedeutet hätte.

Entscheidender Handlungspunkt ist der Selbstmord von OBARA. Im Vorfeld machte ihm ein Streit zwischen seiner Mutter und seiner Frau, die ihm in Briefen darüber berichtete, zu schaffen. OBARA haderte wessen Position er ergreifen solle. Hinzu kam OBARA´s Zusammenbruch beim letzten Ausbildungsmarsch, vor dem ihn selbst KAJI nicht retten konnte. Auf Grund dieses Zusammenbruches war er der Strafe von Private YOSHIDA ausgesetzt. Letztendlich führte diese Demütigung zu der Verzweiflungstat, dem Selbstmord.

In gewisser Weise lässt sich eine Verbindung zu Stanley Kubrick´s Anti-Kriegsfilm Full Metal Jacket ziehen. Das Verhältnis zwischen Ausbilder und Rekrut, sowie der daraus resultierende Suizid kommen in ziemlich der selben Form knapp 30 Jahre später in Kubrick`s Film vor.

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Thematisiert wird auch die Moral der Soldaten. Als die Rekruten vom Fall Okinawas erfahren zeigen sich viele demoralisiert. Die Soldaten fragen sich nach dem Sinn des Krieges und nach dem Sinn des Todes. Für wen kämpft man? Für das Heimatland? Für die Familie? Der Zwiespalt und die Motivation der einzelnen Soldaten machen die schwierige Lage, in der sich die Männer befinden, deutlich.

Die Rolle des KAJI wird im zweiten Teil noch mehr gefordert. Er sticht hervor als Patriot, aber zugleich auch als größter Zweifler des Krieges. Noch immer sieht er sich gefangen in der Maschinerie des Krieges, die seiner Denkweise entgegensteht. Als Ausbilder versucht er seine Rekruten lebendig durch den Krieg zu bringen, scheitert aber am Ende jämmerlich und muss sich sein Versagen eingestehen.

 

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#13 „Ningen no jôken“ (Teil 1) (1959)

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„The Human Condition I: No Greater Love“

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„Barfuß durch die Hölle – 1. Teil“.

Der 2. Weltkrieg in Japan. KAJI ist Pazifist und verliebt in MICHIKO. Doch sie wollen nicht heiraten, da KAJI jederzeit zum Kriegsdienst eingezogen werden könnte. Da kommt die Erlösung: Sein Arbeitgeber schickt ihn in, die von Japan besetzte, Mandschurei, um dort chinesische Strafarbeiter einer Kohlemine zu beaufsichtigen. Dies hat gleich zwei Vorteile für KAJI.

Zum einen bewahrt ihn die Versetzung vor dem Kriegsdienst und er zieht mit MICHIKO nach der Hochzeit zusammen nach China.

Zum anderen sieht KAJI darin auch die Chance, die Arbeitsbedingungen der Arbeiter vor Ort zu verbessern und somit die Produktivität der Mine zu erhöhen.

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Trotz der gesteigerten Produktivität, kommen seine humanistischen Ideen bei den Kollegen und Vorgesetzen in der Kohlemine nicht gut an und die brutale Realität des imperialistischen Arbeitslagers lassen KAJI`s Pläne zu Grunde gehen.

Sein Kollege FURUYA schmiedet einen Plan gegen KAJI, um ihn als Sympathisanten der chinesischen Strafarbeiter darzustellen und schon bald muss sich KAJI vor der Militärpolizei KEMPEITAI verantworten. Bevor ihm jedoch Schlimmeres passiert, entlässt ihn sein Arbeitgeber und KAJI wird letztendlich doch zum Militärdienst einberufen.

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Der erste Teil einer Trilogie von Regisseur Masaki Kobayashi (Harakiri, Kwaidan) bildet den Auftakt der Monumentalfilmreihe über KAJI und seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Vorlage für den Epos ist der gleichnahmige Roman von Gomikawa Jumpei.

Der Film macht deutlich, dass in Krisenzeiten sowohl das Gute als auch das Böse im Menschen zum Vorschein kommen und nicht viel besser hätte man dies filmisch festhalten können.

Kobayashi will keine Verherrlichung des Krieges. Erstmals werden hier im Nachkriegs-Japan tabuisierte Themen wie die Zwangsprostitution von Frauen in der kolonialisierten Mandschurei oder die willkürlichen Exekutionen von Strafarbeitern angesprochen. Dazu passt es, dass Masaki Kobayashi während des Zweiten Weltkrieges selbst in der Mandschurei stationiert war und dort jegliche Beteiligung an militärischen Handlungen verweigerte.

KAJI agiert nicht als makelloser Held in der Geschichte. Er kämpft selbst mit dem System und erlebt, dass auch er seine Funktion in der Befehlskette zu befolgen hat- was bei ihm nicht ohne Gewissenskonflikte bleibt.

Mit der Rolle des KAJI feiert Tatsuya Nakadai (Ran, Sanjuro, Sword of Doom ) praktisch über Nacht seinen Durchbruch und spielte seitdem in über 150 Filmen mit. Seine Beliebtheit ist so groß, dass man 1997 sogar einen Asteroiden nach ihm benannte.

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Der erste Teil der Trilogie macht klar, dass im Krieg jeder seiner Unschuld beraubt wird. Keiner kann sich davor schützen und jeder kann zum Mittäter werden.

Die porträtierte Gewalt von japanischen Soldaten im besetzten Teil Chinas ist zudem ein mutiger Beitrag die Verbrechen des Krieges auf zu arbeiten und war für die Zeit einmalig.

 

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#12 „Kûchû Teien“ (2005)

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„Hanging Garden“.

Familie Kyobashi hat eine Devisie: Keine Geheimnisse voreinander haben.

Mutter ERIKO versucht mit dieser Regel eine glückliche Familie zu schaffen und ein besseres Zusammenleben zu haben als mit ihrer Mutter, bei der sie sich als Teenager nie geborgen gefühlt hat.

Aber die Lüge ist oft einfacher als die Wahrheit. Das muss auch ERIKO bald feststellen.

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Im Mittelpunkt des Films steht der Konflikt zwischen Mutter ERIKO und ihrer, inzwischen kranken, Mutter SACCHIN.

Ihr Kindheitstrauma hat sie größtenteils SACCHIN zu verdanken, die sie vor Anfeindungen anderer Schülerinnen nie verteidigt hat und ihr sagt, dass sie ein nicht gewolltes Kind sei.

Mit dieser Vorgeschichte versucht sich ERIKO ihre eigene, kleine Idylle in Form einer eigenen Familie zu schaffen. Zusammen mit Ehemann TAKASHI zieht sie in einen neuen, sonnendurchfluteten Apartmentblock in Osaka und richtet sich einen hübschen Garten auf der Terrasse ein. Sie bekommen zwei Kinder, MANA und KO.

Nach den Kindern kehrt allerdings Routine ein und das Lächeln von ERIKO wird zunehmend zur Fassade. Ihr Mann geht fremd, ihre Tochter schmeißt die Schule und ihr Sohn klaut im Supermarkt. Doch ERIKO ist so besessen von der Idee einer glücklichen Familie, dass sie es nicht zulassen will diese Tatsachen zu akzeptieren. Ihr Lächeln, so sagt sie, ist ein Gebet, um die Familie zu schützen.

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Schließlich kocht der Konflikt mit ihrer Mutter wieder hoch und es scheint als käme jetzt die große Abrechnung und das Ende der Familienidylle. Doch am Ende kommt es anders als man denkt.

Mit KÛCHÛ TEIEN wagt Regisseur Toshiaki Toyoda einen Schritt in ein neues Terrain. Das Familiendrama. Damit startet er 2005 einen Trend, dem auch andere Regisseure mit Filmen wie Tôkyô Sonata (2008) oder Still Walking (ebenfalls 2008) folgen. Befasste sich Toyoda zuvor noch mit dem Kampf junger Männer gegen die Gesellschaft, wie in meinem bereits besprochenen Film Poruno Sutâ, so stellt er hier erstmals die „normale“ Durchschnittsfamilie in den Vordergrund und zeigt, dass sie gar nicht so normal ist. Nicht verwunderlich das KÛCHU TEIEN bis dato sein erfolgreichster Film in Japan ist.

Der Filmtitel, der übersetzt so viel wie „Hängende Gärten“ heißt, erklärt sich daher, dass hängende Pflanzen keinen festen Boden haben, in den sie ihre Wurzeln schlagen können. Ähnlich wie ERIKO, die nicht geerdet wurde und keine feste Wurzeln aus ihrer Kindheit übernimmt. Ebenso bezeichnet Regisseur Toyoda die fehlenden Wurzeln der Gesellschaft als ein allgemein japanisches Problem.

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Die Kameraarbeit orientiert sich auch an den hängenden Gärten. Sie schwebt über der Familie, dreht sich teilweise um 360° und hat keinen festen Stand.

In diesem Familiendrama kommt Alles zusammen, was sich in Toshiaki Toyoda´s vorherigen Filmen schon angedeutet hatte. Tiefgehende Charaktere, innovative Kameratechniken und ein Ende, das doch zumindest ein wenig Hoffnung erkennen lässt.