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#98 "Shura" (1971)

"Shura"

aka

"Demons"

Toshio Matsumoto beginnt seine Karriere als Teil von Jikken Kobo, einem Künstlerkollektiv, das experimentelle Industriedokumentationen Mitte der 50er-Jahre produziert. Aus dem Genre der Dokumentation kommend und bekannt für avantgardistische Kurzfilme, wagt sich Matsumoto 1969 mit "Funeral Parade of Roses" erstmal in die Welt des Spielfilms.

Das Werk des Regisseurs umfasst 34 Kurzfilme und lediglich vier Langfilme. "Shura" erscheint 1971 und ist ein Beispiel menschlicher Abgründe und stringenter Regiearbeit. Wesentlich aufgeräumter als der experimentelle Debutfilm erzählt Matsumoto ein in seiner Struktur klassisches Drama nach der Theatervorlage von Nanboku Tsuruya IV. Angesiedelt im Genre des Historiendramas (Jidai-geki) driftet die Dreiecksbeziehung um den Samurai Gengobe, seiner Geliebten Koman und deren Ehemann Sango in blutige Gefilde ab.

Beginnend in der rotglühenden Abendsonne, taucht der Film für die darauffolgenden zweieinhalb Stunden in eine Schwarz-Weiß Optik ab, die Matsumoto für das perfekte Zusammenspiel von Licht und Schatten nutzt. Inhalt und Form bilden eine Einheit, die den Zuschauer in eine eskalierende Spirale der Gewalt zieht. Auftritt und Mimik der Schauspieler lassen den Bezug zur theatralen Vorlage erkennen. Die Kamera, geführt von Tatsuo Suzuki ("Pastoral" 1974, "Himiko" 1984), schlängelt sich durch die Kulissen und verbindet sich mit der aus Matsumotos Kurzfilmen bekannten exzessiven Wiederholungsmontage. Szenen werden mehrmals aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt und führen zu einem Verfremdungseffekt. Subjektive Einstellungen, eliptische Erzählweisen in Form von Visionen mischen sich mit mythologischen Geistermotiven und buddhistischen Mantras.

Ironischerweise wird die perfekte Inszenierung des Dramas immer wieder in Form von Aufsichten, Zwischentiteln und theatraler Künstlichkeit durchbrochen. Darin äußert sich Matsumotos grundlegende Auseinandersetzung mit der manipulativen Wirkung des Mediums Film. Als Präsident der Japan Society of Image Arts and Sciences und Direktor der Kunstuniversität Kyoto trägt er insbesondere außerhalb der Leinwand zum wissenschaftlichen Filmdiskurs in Japan bei. "Shura" erscheint wie eine dunkle Vision von Yuzo Kawashima ("A Sun-Tribe Myth from the Bakumatsu Era" 1957), dessen Regiearbeit eine ähnliche Verschmitztheit auszeichnet.


Die von Identitätskrisen und Lügen geprägte Geschichte wirft die für Matsumoto typischen Fragen auf: Wer bin ich? Woher komme ich? Die Lösung dieser Fragen mündet in der Regel in einer massiven Eruption aus Blut und Chaos. Emotional und körperlich arbeitet sich Hauptdarsteller Katsuo Nakamura ("Kwaidan" 1964) an der Rolle des Gengobe ab. Sowie alle Charaktere in "Shura", erscheint er zugleich verachtens- als auch bemitleidenswert. Das Ableben selbiger inszeniert Matsumoto bewusst äußerst explizit. Mittels Zeitlupe sieht man jeden Spritzer Blut, aber auch die Gesichtsausdrücke der Täter und Opfer. So entsteht für das Publikum die Möglichkeit der Analyse, Handlungen zu hinterfragen und die fatalen Folgen bestimmter Entscheidungen an Hand von Minen nachzuvollziehen. Eine tiefere Ebene der Realität, eine Hyperrealität wird geschaffen.

Anders als andere bekannte Samurai-Dramen wie etwa Kobayashis "Harakiri" (1962) stützt sich "Shura" auf eine pessimistische und halluzinatorische Herangehensweise. In der Dunkelheit des Films entwickeln sich Klaustrophobie und Hysterie, die dem Horror Genre sehr nahekommen. Matsumoto schafft damit einen der letzten sogenannten "Zankoku Jidai-geki". Anti-Helden, Nihilismus, der vom Unglück verfolgte Protagonist als Vehikel zur Gesellschaftskritik, sowie realistische Gewalt zeichnen diese Art von Filmen aus. Oft als Pendant zum Film Noir genannt, verweigern die Zankoku Jidai-geki das Konzept des Happy Ends und erzählen im ernsten Schwarz-Weiß tragische Geschichten.

Die Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden fällt bei der straffen Narration kaum auf. Raffinierte Kameraarbeit und Plottwists halten die Spannung. Trotz ihrer, auf den ersten Blick, großen Unterschiede in Setting, Produktionsweise und Thematik, sind ausnahmslos alle vier von Matsumotos Spielfilmen zu empfehlen. "Shura" ist dabei sein zugänglichstes Werk und kombiniert Experimentelles mit Gewohntem. Formal beinhaltet "Shura" zudem ein letztes Durchblitzen von der zügellosen Anarchie aus "Funeral Parade of Roses" bevor die Nachfolger "War of Sixteen" (1976) und "Dogra Magra" (1988) einen vergleichsweise biederen Filmstil präsentieren.

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