#7 „Als die Sonne vom Himmel fiel“ (2015)

„Als die Sonne vom Himmel fiel“

aka

„The Day the Sun fell“.

Eine Filmemacherin auf den Spuren ihres Großvaters, der während des  Atombombenabwurfs im Zweiten Weltkrieg Arzt in Hiroshima war.

Aya Domenig hat eine Japanische Mutter und einen Schweizer Vater. Sie besucht ihre Großmutter in Hiroshima, um über die Vergangenheit, das Leben ihres Großvaters zu recherchieren.

Über Hirsoshima zu berichten, bedeutet auch immer über persönliche Schicksale zu berichten, die untrennbar mit der Katastrophe verbunden sind. Der Film beginnt daher mit intimen Einblicken und erzählt von der aufopfernden Arbeit der Krankenschwestern und Ärzte. Er versetzt uns in die Denkmuster einer Generation, für die der Kriegszustand normal war und die bereit war, alles für ihr Heimatland zu opfern.

aufm01_span-12

Genau in der Mitte des Films kommt es zu einem unvorhergesehenen Wendepunkt, der in die Aufnahmen des Films hineinplatzt- die Fukushima Katastrophe.

Ziemlich beeindruckend gelingt es Aya Domening in den Interviews mit den Überlebenden von Hiroshima eine Parallele zu Fukushima herzustellen. Schnell zeigt sich, dass Japan die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges noch nicht aufgearbeitet hat. Die Leute wollten lieber vergessen anstatt sich zu erinnern, hatten Angst vor der Wahrheit. Mit Fukushima erlebt das Land ein Déjà-Vu und zeigt in seiner Reaktion die selben Fehler wie damals. Die Lügen der Regierung über Strahlung, viel Gerede und wenig Handeln.

Das Resultat ist ein Plädoyer für Meinungsfreiheit und eine Anklage der Überlebenden von Hiroshima, verbunden mit einer Aufforderung an die Regierung endlich Verantwortung zu übernehmen.

„Als die Sonne vom Himmel fiel“ demonstriert ein authentisches Stück Zeitgeschichte und zeigt den Kampf der Kriegsgeneration Japans für eine bessere Zukunft ihrer Enkel und Urenkel, auch wenn sie wissen, dass es momentan sehr dunkel aussieht.

 

#4 „Jiro dreams of Sushi“ (2012)

Jiro Dreams of Sushi“

aka

Jiro und das beste Sushi der Welt“

Jiro Ono ist 85 Jahre alt und Sushi Koch in Tokyo. Im Keller eines Bürogebäudes führt er ein Restaurant, in dem knapp 10 Gäste Platz finden. Zu seinen Gästen gehörten bereits Barack Obama und Japans Premierminister Shinzô Abe.

Die Dokumentation blickt in die Küche des besten Sushi Restaurants der Welt und erforscht den Mann hinter dem Tresen.

Doch so gut Jiro Ono auch sein mag, er wird nicht ewig Sushi machen können. Was passiert mit seinem Wissen und Restaurant nach seinem Ableben?

Zwei Söhne versuchen sich an dieser schweren Aufgabe. Der Erstgeborene, Yoshikatzu, wird das Restaurant des Vaters weiterführen und arbeitet ihm seit 40 Jahren zu. Inzwischen darf er auch selber Sushi zubereiten, wird aber noch bei jedem Handgriff vom Vater getadelt und verbessert. In Fakt war er aber derjenige, der für die Restaurantkritiker des Guide Michelin gekocht und 3 Sterne von ihnen bekommen hat (laut Definition bedeuten 3 Sterne im Michelin Guide, dass es sich alleine für dieses Lokal lohn ein Land zu besuchen!). Jiro´s Können wird in der Dokumentation als uneinholbar beschrieben, welches dem Fakt zu Grunde liegt, dass er sein gesamtes Leben dem Sushi verschrieben hat. Der zweite Sohn, Takashi, hat sich selbstständig gemacht und ein eigenes Sushi Restaurant eröffnet.

Die Söhne erzählen von ihrer Kindheit und von dem fremden Mann, der ab und zu auf der Couch schlief – ihr Vater Jiro. Er war für sie quasi nicht existent, da er Tag und Nacht im Restaurant arbeitete und sich auch nie frei nahm.

Der Fokus liegt aber auf der Beziehung zwischen Jiro und dem älteren Sohn Yoshikatzu, und seinem Bestreben den Ansprüchen des Vaters gerecht zu werden. Die Aufgabe ist aber letztendlich unmöglich, da Jiro noch nicht einmal seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird.

Der amerikanische Regisseur David Gelb porträtiert mit „Jiro Dreams of Sushi“ einen Besessen.  Jiro hat aus dem Nichts ein Lebenswerk aufgebaut und tat dies nicht für Ruhm oder die 3 Sterne im Michelin Guide. Im Japanischen gibt es den Begriff des Ikigai, welcher sich als Lebenssinn übersetzen lässt. Diesem, inzwischen veralteten, Prinzip fühlt sich Jiro verpflichtet. Er beschloss, dass Sushi sein Lebensinhalt sein werden würde und widmete sich dieser Entscheidung. Wie lässt sich dieses Prinzip auf die nächste Generation übertragen? Yoshikatzu scheint sich dieser Aufgabe ohne Zweifel zu stellen und lernt selber jüngere „Anwärter“ an.

Die nachdenkliche Dokumentation geht weit über bloße Zubereitungstechniken von Sushi hinaus und thematisiert den Konflikt von Tradition und Moderne. Jiro Ono wird zu einer fast unmenschlichen, gottgleichen Person stilisiert. Ein alter, weiser Mann, dessen Künste unerreichbar erscheinen. Gleichzeitig kündigt der Film das Ende seiner Ära an und spricht von einem Geist, der nie ganz aus dem Restaurant verschwinden wird.

Außerdem schneidet er kurz das aktuelle Thema der Überfischung an, welches Jiro bereits selber erkannt hat und auch kritisiert.

Zusammenfassend: ein wichtiger Film über Respekt, Tradition und verdammt teures Sushi.

#1 „Yuki Yukite Shingun“ (1987)

Yuki Yukite Shingun“

aka

Vorwärts, Armee Gottes!“

aka

The Emperor´s Naked Army Marches On“.

Kenzo Okuzaki, 62, ist erklärter Gegner von Kaiser Hirohito und macht keinen Hehl daraus wegen Mordes und einem Angriff auf den kaiserlichen Palast im Gefängnis gewesen zu sein.

Die Dokumentation fokussiert seine Suche nach den Schuldigen einer Exekution, die sich während seiner Kriegszeit auf Neuguinea ereignet hat.

Kenzo Okuzaki konfrontiert seine ehemaligen Vorgesetzten und stellt sie zur Rede.

vlcsnap-2010-07-22-00h12m09s212

In der Suche nach Wahrheit sieht Kenzo Okuzaki die Chance für ein filmisches Manifest gegen den Krieg und gegen den politisch Verantwortlichen Kaiser Hirohito. Die Aussagen der Überleben sollen dies für die Welt sichtbar machen.

Dieser Zweck heiligt die Mittel. Um die Aussagen zu bekommen sind alle Mittel recht. Er muss die Wahrheit über die Exekution ans Licht bringen. Zum einen, um die Seelen der gefallenen japanischen Soldaten zu ehren, zum anderen, um Buße für seine eigenen Taten im Krieg zu tun. Vor laufender Kamera kommt es zu Anfeindungen und Prügeleien. Kenzo Okuzaki sieht sich dabei als Teil einer Armee Gottes, eines göttlichen Auftrages.

Der deutsche Filmtitel „Vorwärts, Armee Gottes!“ birgt das moralische Dilemma. Kenzo Okuzaki diente im Zweiten Weltkrieg als junger Soldat bereits schon einmal einer göttlichen Armee, mit göttlichem Auftrag von Kaiser Hirohito, der zu dieser Zeit als Gott verehrt wurde.

Nach der Niederlage des Krieges, der Auflösung der göttlichen Armee und der  Entthronung des Kaisers, machte Kenzo Okuzaki Kaiser Hirohito, seinen ehemaligen Gott, für alle Gräueltaten des Krieges verantwortlich und dies zu beweisen wurde sein Lebensinhalt.

Das Androhung von Gewalt unter Berufung auf einen göttlichen Auftrag für ihn trotzdem nicht moralisch verwerflich ist, zeigt die geistige Verwirrtheit von Kenzo Okuzaki, die möglicherweise eine Folge der schrecklichen Kriegserlebnisse sein könnte. Der Film erlaubt sich darüber aber kein Urteil abzugeben und ergreift keine Partei.

Regisseur Kazuo Hara, der bereits zuvor zwei kontroverse Dokumentationen zum Thema Sexualität und Behinderung drehte, lässt bei den Konfrontationen die Kamera einfach laufen, greift in heiklen Situationen nicht ein und ändert in der Postproduktion wenig in puncto Schnitt oder Ton. Keine Musik, Nichts was vom eigentlich Filmbild ablenken könnte. Abgesehen von einem Mikrofon, welches oft viel zu tief im Bild hängt und den Eindruck eines Low-Budget-Films (etwas über 220.000 $) verstärkt. Den Trend der Low-Budget Ästhetik in Japan setzen später Regissseure  wie Yutaka Tsuchiya (God´s New Army) oder Tatsuya Mori (AA2) mit ihren Dokumentarfilmen fort.

Die Rohheit des Films und die konsequente Unnachgiebigkeit des ambivalenten Wahrheitssuchende Kenzo Okuzaki machen den Film zu dem was er ist. Nämlich äußerst sehenswert!

Stream (OmU)

https://archive.org/details/The.Emperors.Naked.Army.Marches.On.Kazuo.Hara.1987

P.S.: „Kenzo Okuzaki died on June 16, 2005 at a Kobe hospital. The local news coverage was next to nil. But according to a foreign correspondent, his last word was „バカヤロー“ (Fuck you!).“ (Quelle)