#80 „Thunder“ (1982)

Große, düstere Lagerhallen. Bilder jenseits der menschlichen Vorstellungskraft. Takashi Ito, einst Schüler von Toshio Matsumoto, ist einer der bekanntesten Experimentalfilmer des japanischen Kinos. Tausende Fotografien filmt er in Stop-Motion Manier ab, erzeugt so Hochgeschwindigkeits-Kamerafahrten. Wir sausen durch rätselhafte Albträume, verfolgt von Videoinstallationen und Lichtblitzen.

In „Thunder“ wirft uns Ito in eine übernatürliche Illusion. Vertraute Plätze bekommen einen dunklen Schatten. Die Wirkung der Bilder entfaltet sich erst durch die Kombination mit Musik. Manche andere Werke Ito’s wie zum Beispiel „Spacy“ verfehlen diese audiovisuelle Einheit.

„Thunder“ verwirft die gewohnte Raumstruktur. Vertauscht Oben und Unten, spielt mit der Perspektive des Zuschauers und verweist dabei auf die maschinelle Konstruktion des Bildes, indem eine mechanische Bewegung durch den Raum reproduziert wird. In den knapp 10 Minuten des Films baut sich enorme Spannung auf. Das subjektive Gefühl des Unbehagens konzentriert sich durch die Elemente der Inszenierung auf einige wenige Augenblicke. Film in seiner reinsten Form.

#64 „Chōjikū Yōsai Makurosu: Ai, oboete imasu ka“ (1984)

„Chōjikū Yōsai Makurosu: Ai, Oboete Imasu ka“

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„Macross: Do You Remember Love?“.

Als die Serie Macross 1982 über die japanischen Fernsehbildschirme flimmerte, war noch nicht absehbar, dass dies der Beginn einer bis heute anhaltenden Franchise war.

Sieben Serien, vierzehn Romane, sechs OVAs, ein Videospiel und fünf Kinofilme. Dazu eine verlängerte Version der ursprünglichen Serie für den amerikanischen Markt unter den Namen Robotech, die durch das Einfügen der Serien Kikō Sōseiki Mospeada und Super Dimension Cavalry Southern Cross von 36 auf 85 Folgen gedehnt wurde. So gewaltig wie der Umfang, so gewaltig war auch der Einfluss auf das Genre und die japanische Fankultur. Zusammen mit Mobile Suit Gundam und Star Blazers bildet Macross die dritte Säule des Science-Fiction-Animes und wird in einem Atemzug mit Neon Genesis Evangelion genannt, dessen Erfinder, Hideaki Anno , sein Handwerk bei der Arbeit an Macross gelernt hat.

Sieht man sich mit diesem Epos konfrontiert, empfiehlt es sich bei der ersten Veröffentlichung zu beginnen. Die originale Animationsserie stellt alle wichtigen Charaktere und Handlungsstränge vor. Eine komprimierte Zusammenfassung aller 36 Folgen bietet der erste Macross Film, „Macross: Do you remember love?“.

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Entwickelt von Shôji Kawamori (EscaFlowne, Cowboy Bebop, Ghost in the Shell) und Noboru Ishiguro (Megazone 23 und Legend of the Galactic Heroes) wurde „Macross: Do you remember love?“ in den 80ern der erste große Hit für eine neue Generation von Fans. Die Otakus.

Sowohl die original Serie als auch „Macross: Do you remember love?“ behandeln den intergalaktischen Konflikt der Menschheit mit zwei außerirdischen Rassen. Den männlichen Zentraedi und den weiblichen Meltrandi. Die Macross selbst ist ein Raumschiff, welches von den Menschen auf der Erde gefunden wurde. Als die Zentraedi die Erde angreifen, wird der gesamte Planet ausgelöscht und nur einige Zehntausende können an Bord der Macross entkommen. Mit der Hoffnung eines Tages wieder auf die Erde zurückzukehren, irren sie durch den Weltraum.

Bildergebnis für macross do you remember love

Mittelpunkt der Erzählung ist der junge Pilot Hikaru Ichijō. Seine Dreiecksbeziehung mit der Sängerin Lynn Minmay und Kommandantin Misa Hayase bilden den Love Interest der Erzählung. Anders als bei anderen Mecha-Animes zuvor, stehen die Kampfhandlungen nicht so sehr im Vordergrund. Hikaru ist nicht der beste Pilot, sondern ein Hitzkopf, der viele Fehler macht und dadurch sich und Andere in Gefahr bringt. Grundlegendes Motiv ist die Suche nach der Heimat und der Herkunft. Dazu spinnt Macross einen Mythos um die sogenannte „Protoculture“, die in der Menschheit fortbesteht. Die außerirdischen Völker haben diese Kultur verloren und sich zu einer Spezies entwickelt, die sich nur noch über das Kämpfen definiert. Als sie in Kontakt mit der Menschheit kommen, erfahren sie mehr über deren Lebensstil und Bräuche. Männer und Frauen bekämpfen sich nicht, sondern leben zusammen. Liebe, Spaß und Unterhaltung, Dinge, die bislang  für die Zentraedi und Meltrandi fremd waren, verbreiten sich durch Lieder der Sängerin Minmay im ganzen Universum. Die Völker finden dadurch zueinander und können ihre Konflikte beenden.

Musik spielt daher eine entscheidende Rolle. Minmay’s Performances vor großem Publikum werden live übertragen, dienen sogar als Waffe, um den Kampfgeist der Gegner zu schwächen. Was Macross hier darstellt, ist ein Kampf der Kulturen. Die kriegerische, todbringende Kultur der Außerirdischen wird infiltriert mit der friedvollen Kultur der Menschheit („Protoculture“). So gelingt es der Besatzung der Macross auch der feindlichen Übermacht siegreich entgegenzutreten. Wer nicht in den Bann von Minmay’s Stimme gezogen wird, sieht sich sehr bald in der Unterzahl und wird besiegt. Die Mischung aus Liebe, Drama und Krieg gelingt dem Film daher ganz gut und wird durch die Thematik der „Protoculture“ unterfüttert.

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Macross punktet aber vorallem durch seine ideenreiche Animation. Kawamori’s Konzept der „Valkyre“ Kampfroboter ist richtungsweisend für spätere Animes gewesen. Auch die Dimensionen der Weltraumschlachten, bei denen sich mehrere hunderttausend Schiffe bekämpfen, sind gigantisch. Die Qualität der Animation ist bei „Macross: Do you remember love?“ im Vergleich zur Serie auch um einiges besser. Detailliertere Hintergründe, mehr Details bei Fahrzeugen und Charakteren und sauberere Animationsabläufe. Alles wirkt etwas aufpolierter.

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Vermischung von Musik und Animation, innovative Konzept-Designs und eine Story, die nicht unbedingt 0815 ist, machen Macross bis dato zu einem der Kult-Animes, die die nachfolgenden Produktionen der 80er- und 90er-Jahre geprägt haben.

 

Mehr zum verwirrenden Macross / Robotech Release in den USA:

#47 „Blame!“ (2017)

Seit 300 Jahren leben die Elektrofischer in einer Enklave, tief in einem unüberschaubaren Technik-Dschungel. Dort sind sie sicher. Sicher vor wem? Vor den Maschinen, die in den Menschen eine Bedrohung sehen.

Seitdem vor ca. 10.000 Jahren die Maschinen die Kontrolle übernommen haben ist die Jagd auf die menschliche Bevölkerung eröffnet und die Menschen sahen sich gezwungen immer weiter zurückzuziehen. Ihre Schutzzonen verlassen sie nur, um Lebensmittel zu beschaffen. Und die werden auch immer knapper.

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Grund für den Kontrollverlust über die Maschinen ist ein fehlendes Gen in der menschlichen DNA. Das sogenannte Netzwerk-Gen half den Bewohnern der Stadt die Roboter zu steuern und ihnen Aufgaben zu geben. Doch dieses Gen ist nicht mehr vorhanden und so haben sich zwei Arten von Robotern verselbstständigt. Die harmlosen Konstrukteure: Riesige Baumschinen, die die Grenzen der Stadt bis ins Unendliche ausweiten (über 10.000 Ebenen!) und die Schutzwehr, die Jagd auf die letzten verbliebenen Menschen macht.

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Die Grenze zwischen Mensch und Maschine, ihr Konflikt, ist damit klar definiert. Dazwischen taucht aber, als Held der Geschichte, Killy auf. Er selbst behauptet zwar ein Mensch zu sein, aber seine übermenschlichen Fähigkeiten deuten auf etwas anderes hin. Er findet den Weg zum Schutzwall der Elektrofischer und ist seit Jahrhunderten der erste Mensch, der von Außerhalb in die Enklave kommt.

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Killy entdeckt die Robo-Wissenschaftlerin Cibo. Zusammen mit den Elektrofischern versuchen sie die Macht über die Maschinen und die Stadt wieder zu erlangen.

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BLAME! ist eine Verfilmung des Mangas von Tsutomu Nihei und ist nicht der erste Versuch das komplexe Universum des Mangas filmisch abzubilden. Die bisherigen Kurzfilme stellen aber in keinsterweise eine verständliche Handlung vor, sondern dienen lediglich als Ergänzungen zu den Erzählungen des Manga. Daher eignet sich BLAME! als Einstieg in die Materie um einiges besser.

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In den Zeichnungen von Tsutomu Nihei steht die Liebe zur Architektur im Vordergrund. Sie erzeugt Stimmungen und ist fester Bestandteil der wortkargen Erzählung. Das detaillierte Artwork ergänzt so an vielen Stellen die fehlende Story.

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Die Stille des Mangas übernimmt der Anime nicht. Mit dialoglastigen, aber auch langen Kampfszenen bereitet Regisseur Hiroyuki Seshita den Ausgangsstoff neu auf. Auffallend ist hier die Verwendung von 3D-Animationenen, die erst eine kleine Gewöhnungsphase erfordern.

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Was ihm aber gut gelingt ist die epische Dimension der Umgebung wirken zu lassen. Durch geschicktes Weglassen von Informationen und bloßen Andeutungen (wie im Manga) wird die Neugier des Zuschauers über die Entstehung der Mega-City geweckt. Man will mehr darüber erfahren wie dies alles entstanden ist und warum es so gekommen ist.

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BLAME! bedient klassische Elemente des Cyberpunk, wie man sie aus der MATRIX-TRILOGIE oder den Terminator-Filmen kennt. Gerade der Kampf zwischen Menschen und Maschinen in einer düsteren, dystopischen Umgebung und die Jagd der Maschinen auf die Menschen, lassen vermuten, dass sich die Matrix Trilogie sehr stark auf die Mangas von BLAME! bezogen hat. So spielen auch beide Filme mit mehreren Realitätsebenen. Der sogenannten Netzrealität und Basisrealität, die jeweils nur von Menschen bzw. Maschinen betreten werden können. Ein quasi-Modell der Matrix.

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Geldgeber hinter der Verfilmung von BLAME! ist NETFLIX, der damit sein Animeangebot stetig weiter ausbaut. Neben BLAME! erschienen im Hause Netflix dieses Jahr unter anderem auch die Anime-Serie Cyborg 009 und Devilman Crybaby sowie der, ebenfalls von BLAME!-Erfinder Tsutomu Nihei erfundene, Anime Knights of Sidonia.

Wer also noch einen Einstieg in das Anime-Programm von Netflix sucht, dem ist mit BLAME! bestens geholfen.

Trailer

 

#33 „Die Rote Schildkröte“ (2016)

La Tortue Rouge“

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„The Red Turtle“

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„Die Rote Schildkröte“.

Ein schiffbrüchiger Mann strandet auf einer einsamen Insel. Seine Versuche mit einem Floss zu entkommen werden von einer roten Schildkröte verhindert. Bei einem Landgang der Schildkröte auf der Insel überwältigt der Mann sie, in der Hoffnung nun endlich fliehen zu können. Doch über Nacht findet eine wundersame Verwandlung statt, die dazu führt, dass er seine Pläne über Bord wirft.

Die Co-Produktion von Wild Bunch und Studio Ghibli stellt ein Novum dar. Ohne Dialoge, getragen von Zen – gleicher Ruhe und den Geräuschen der Natur, entwickelt der Film ein tieferes Verständnis für die Welt und deren Bewohner. Untermalt von einem orchestralen Soundtrack begleitet man den namenlosen Überlebenskünstler bei der Erkundung der Insel. Stellt sich die Natur dabei auch immer wieder als Feind des Menschen heraus, so geht der Mann im Laufe des Films eine innige Beziehung mit ihr ein.

Als eine Art Fabel erzählt der Film das Schicksal der Hauptfigur, über dessen Vorgeschichte nichts bekannt ist. Er ist herausgelöst aus dem Alltag und erscheint somit zuerst charakterlos. Erst die Interaktion mit seiner Umwelt strukturiert seine Figur, lässt ihn empathisch wirken. Dabei nehmen, wie bei Studio Ghibli Filmen üblich, Tiere und Natur eine eigenständige Rolle als Protagonisten ein und prägen den Film entscheidend mit.

DIE ROTE SCHILDKRÖTE ist der erste Film, den Studio Ghibli im Ausland produziert hat. In Zusammenarbeit mit dem niederländischen Animator und Trickfilmregisseur Michael Dudok de Wit, der 2001 mit Father and Daughter den Oscar für Bester animierter Kurzfilm gewann, entstand ein Hybrid. Ein Werk, dass die Brücke zwischen Ost und West schlägt. Zum einen der europäisch geprägte Zeichenstil. Oft in Supertotalen und mit Anlehnungen an den französischen Künstler Jean Giraud (Möbius). Bilder, die das Individuum in der Landschaft klein und unbedeutend wirken lassen. Zum anderen eine Geschichte, die die beseelte Natur der Tiere wiedergibt. Geprägt vom japanischen Shintoismus legt der Film einen harmonischen Umgang mit der Natur nahe. Dieser Film erinnert uns daran, dass die Natur etwas Größeres ist als unser eigenes Leben, etwas was wir nachfolgenden Generationen hinterlassen.

 

#30 „Kimi no Na wa.“ (2016)

Kimi no Na wa.“

aka

„Your Name.“.

Ein Junge aus Tokyo und ein Mädchen aus einem kleinen Bergdorf tauschen in unregelmäßigen Abständen ihre Körper. Beide wissen nicht wieso dies geschieht, haben sich noch nie getroffen und können sich nur sehr wage an das Erlebte erinnern.

MITSUHA lebt mit ihrer Schwester und Großmutter in dem kleinen Dorf. Sie hält das Leben in der Kleinstadt nicht mehr aus und sehnt sich nach der Großstadt. TAKI lebt in Tokyo mit seinem Vater und geht wie Mitsuha in die Oberstufe.

In Mitsuha´s Dorf bereiten sich alle auf ein großes Fest vor, in dessen Vorfeld sie zusammen mit ihrer Schwester und Großmutter traditionelle Rituale einstudiert. Gleichzeitig blicken alle mit großer Erwartung auf den Vorbeiflug eines Meteoriten, der nur alle 1200 Jahre so nah an die Erde kommt.

Doch seit dem Abend des Festes und des Meteoritenfluges kommt es zu keinen Körperwechseln mehr. In den darauffolgenden Tagen geht Taki der Sache auf den Grund und versucht seine verschwommene Erinnerung an die fremde Identität aufzufrischen. Durch sein zeichnerisches Talent kann er Bilder aus seiner Erinnerung zu Papier bringen und kommt schließlich auf den Ort, an dem Mitsuha lebt.

Der Ort existiert aber seit 3 Jahren nicht mehr…

Der Film spielt mit verschiedenen Zeitebenen und setzt sehr stark auf die Mittel der Montage, um zuerst Spannung und im späteren Verlauf Mitgefühl zu erzeugen. Da KIMI NO NA WA noch ganz neu ist und in Japan erst Ende August erschienen ist, möchte ich nicht zu viel von der Geschichte vorwegnehmen.

Regisseur Makoto Shinkai gelingt es seine beiden Hauptcharaktere dynamisch darzustellen und verbindet intelligentes Storytelling mit viel Emotion und technischem Können. Die Musik trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei. Immer wieder gibt es kleinere Zwischensequenzen, die mit passenden Liedern als Zusammenfassung das Geschehene kommentieren.

Auch der Einfluss von alten Traditionen verbindet Shinkai sehr schön mit modernen, mystischen Themen. Der Gegensatz von Stadt und Land spielt auf allen Ebenen eine Rolle.

Der Anime ist nun seit vier Wochen an der Spitze der japanischen Kinocharts und auf dem Weg der Überraschungsfilm dieses Jahres zu werden. Einige Kritiker sprechen bereits vom schönsten Anime aller Zeiten. Dies kann am Ende aber nur die Zeit genauer sagen. Und zumindest mit dem Thema Zeit geht der Film schon meisterhaft um.

 

 

#27 „Ōritsu Uchūgun: Oneamisu no Tsubasa“ (1987)

Ōritsu Uchūgun: Oneamisu no Tsubasa“

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„Wings of Honneamise“

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„Königliche Weltraumarmee: Die Flügel von Honneamise“.

Im fiktionalen Königreich Honneamise meldet sich ein junger Mann für die halsbrecherische Aufgabe, der erste Mensch im Weltall zu werden. Als Mitglied der ROYAL SPACE FORCE ist er großer Häme ausgesetzt, da das Raumfahrtprogramm etliche Fehlversuche und tödliche Unfälle zu verzeichnen hat. Die Regierung hält aus Prestigegründen an diesem Projekt fest, obwohl es als Sammelbecken für gescheiterte Persönlichkeiten und skurrile Tüftler verschrien ist.

Auch SHIROTSUGH LHADATT, der sich freiwillig für den bemannten Weltraumflug meldet, sieht die Raumfahrt zunächst als Zwischenstation. Eigentlich wollte er zur richtigen Luftwaffe, doch dafür reichten seine Noten nicht aus und in der Raumfahrtakademie sind seine Leistungen eher unterdurchschnittlich.

Die Begegnung mit RIQUINNI NONDERAIKO, die in den Straßen religiöse Schriften verteilt, beendet seine Demotivationsphase. Bei einem ersten Treffen in ihrem Haus in der Wildnis, wo sie mit dem kleinen Mädchen MANNA lebt, ist Riquinni begeistert von Shirotsugh´s Beruf. Sie schwärmt von den Sternen und dem Weltraum als Neuanfang für die Menschheit. Damit ist sie der erste Mensch der dem Beruf des Raumfahrers positiv gegenübertritt und steckt Shirotsugh mit ihrer Begeisterung an.

Mit neuem Elan meldet er sich Hals über Kopf freiwillig für das nächste große Projekt der Royal Space Force. Da er der einzige Freiwillige ist, bleibt den Ausbildern keine große Auswahl und sie nehmen ihn mürrisch in das Programm auf.

WINGS OF HONNEAMISE ist der erste Film des Animationsstudios Gainax. Aus dessen Reihen entstand in den folgenden Jahren auch Neon Genesis Evangelion, der ursprünglich als zweiter Teil zu WINGS OF HONNEAMISE geplant war, dann aber aus finanziellen Gründen zu einer eigenständigen Serie/Film – Reihe ausgearbeitet wurde. Ähnlich wie Neon Genesis Evangelion einige Jahre später behandelt der Film religiöse Themen und bettet sie in den Kontext einer technologisierten Gesellschaft. Das Setting orientiert sich am Steampunk und vermischt viktorianische Elemente mit einer alternativen Umdeutung der Vergangenheit.

Die Parallelen zu dem politischen Geschehen der damaligen Zeit sind unübersehbar. In einer Art Kaltem Krieg stehen sich im Film zwei Nationen gegenüber, die im Geheimen an militärischen Projekten arbeiten, deren Nutzen meist nicht über das reine Prestige hinausgehen. Der Vergleich zu den USA und Russland ist deshalb nicht weit hergeholt und es erinnert an den Wettlauf zum Mond.

Begleitet vom Soundtrack von Ryūichi Sakamoto bleibt vor allem  die Qualität der Animation, die für ihre Zeit überraschend gut ist und den großen Erfolg des Animationsstudios bereits vorausdeutet, in Erinnerung. Die Story ist durchzogen von der politischen Stimmung des Jahres 1987 und schreckt nicht vor der Darstellung eines korrupten Systems zurück. Alles in Allem beinhaltet WINGS OF HONNEAMISE all das, was das Studio in den folgenden Jahren weltweit zu einem der führenden Produktionsstudios machen wird. Neben den Filmen von Studio Ghibli bildet Gainax damit eine zweite Institution für erwachsene Animationsfilme, die es bis dato so auf dem Markt noch nicht gegeben hat.

 

 

#23 „Chirin no Suzu“ (1978)

„Chirin no Suzu“

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„Ringing Bell“.

Ein Wolf tötet die Mutter des kleinen Lamms CHIRIN. Nach der Attacke sucht Chirin nach dem Wolf. Er will genauso stark werden wie er und sich für den Tod seiner Mutter rächen. Der Wolf trainiert Chirin und macht ihn zu einem Kämpfer. Am Ende steht der Kampf zwischen Lehrer und Schüler.

Basierend auf dem Kinderbuch von Takashi Yanase (u.a. Anpanman) produzierte die Firma Sanrio, Erfinder von Hello Kitty, zusammen mit dem Animationsstudio Madhouse (Ninja ScrollVampire Hunter DDeath Note) den Anime CHIRIN NO SUZU.

Regie führte der relativ unbekannte Masami Hata.

Nach seiner Veröffentlichung im Westen bekam der Film einen berüchtigten Ruf als Schocker. Grund dafür ist der abrupte Stimmungswechsel des Films. CHIRIN NO SUZU orientiert sich zunächst am Disneyfilm BAMBI. Doch die anfängliche Idylle der Schaafsfamilie auf der Weide endet im dramatischen Mord der Schaafsmutter durch den Wolf. CHIRIN wird zum Weisen. So weit alles wie bei Disney.

Doch dies ist keineswegs das Ende der Gewalt. CHIRIN entscheidet sich für den Weg der Rache und sucht den Mörder seiner Mutter, lernt von ihm zu töten. Er wendet sich von seiner eigenen Herde ab, will kein schwaches Lamm sein, sondern ein Killer werden, so wie der Wolf. Eine unerwartete Wendung.

Das Image des Kinderfilms verschwindet. Das Opfer, der Held CHIRIN entwickelt sich zu einem Anti-Helden ohne Mitgefühl. Die Handlungsmotive, das Prinzip Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, war Grund für viele Länder den Film zu verbieten.

In Japan selbst wurde der Film gerade wegen der Entwicklung des Hauptcharakter als revolutionär aufgefasst. CHIRIN ist kein „Unschuldslamm“ mehr, stellt sich dem übermächtigen Gegner.

Moralisch ist der Film trotzdem äußerst fragwürdig. Am Ende des Films endet CHIRIN verlassen und allein. Vielleicht dann doch die (gerechte) Moral dieser Geschichte.

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