#75 „Dotsuitarunen“ (1989)

Dotsuitarunen

aka

Knockout

Die testosterongeladenen Filme von Junji Sakamoto haben den aus Osaka stammenden Regisseur Ende der 80er-Jahre bekannt gemacht. Dabei ging Sakamoto nicht den normalen Weg des japanischen Studiosystems – vom Kabelträger, zum Assistent und schließlich zum Regisseur -, sondern fand sein ganz eigenes Erfolgsrezept.

In seinem Debutfilm „Dotsuitarunen“ aus dem Jahr 1989 geht es um den gefallen Boxer Adachi, der nach einer schweren Kampfverletzung wieder ein Comeback wagt. Als sein Gegner meldet sich Kiyota, ein  junger und ambitionierter Sprößling aus Adachi’s ehemaligem Boxstall. Ein Kampf der Generationen.

Die japanische Version von Rocky, gedreht in Sakamoto’s Heimatstadt, war ein großer Erfolg. Neben dem Blue Ribbon Award als bester Film, gewann „Dotsuitarunen“ quasi alles was es in diesem Jahr zu gewinnen gab. Das zweistündige Boxerdrama präsentiert uns aber eine undurchsichtige Heldenkonstellation, die eine Identifikation mit den Figuren schwierig macht.

Adachi, der ein Comeback erst wagt nachdem er als Trainer gescheitert ist, ist keiner mit dem man sympathisiert. Gewalt und Egoismus zeichnen ihn aus. Harte Schale, harter Kern. Sein Herausforderer Kiyota hingegen tritt relativ unbescholten in den Ring. Da der Film sich aber mehr auf Adachi konzentriert bleibt sein Charakter eher außen vor. Damit verbleibt Adachi als unbeliebter Anti-Held übrig.

Sakamoto besetzte zwei Boxer für die Rollen. Im Falle von Kiyota, den aus der Takashi Miike Reihe, „Bodyguard Kiba“, bekannten Takeshi Yamato und für Adachi wählte man Hidekazu Akai aus, dessen schauspielerisches Talent der Rolle angemessen ist. Bis auf ein paar wenige Zeilen, bleibt Yamato nämlich stumm, was, wenn man seine späteren Filme betrachtet, auch besser so ist.

„Dotsuitarunen“ platziert die schroffe Hauptfigur in eine elegant inszenierte Umgebung. Osaka fungiert dabei als ein Labyrinth aus Straßen und Hügeln, in denen sich der Boxer bewegt und auch mit seinen Ängsten konfrontiert wird. Gerne hätte ich mehr von den Großaufnahmen der Straßenzüge gesehen, denn Kameramann Norimichi Kasamatsu („The Unforgiven“ und „Poruno Sutâ“) zeigt hier wieder einmal sein ganzes Können.

Neben den Hauptdarstellern überzeugen auch Yoshio Harada („Still Walking“ und  „Onibi“), der sein Talent für böse Buben über 60 Jahre lang auf der Leinwand zeigte, sowie Akaji Maro („Kill Bill“ „Kikujiro’s Sommer“) als der schusselige Trainer. Der weibliche Part wird gespielt von der Idol-Sängerin Haruko Sagara, die auch eine ordentliche Leistung als starkes Mädchen, in der von Männern geprägten Welt, abliefert. Sakomoto beweist mit der Auswahl der Schauspieler und der restlichen Crew ein gutes Gespür. So holt er sich beispielsweise Toyouki Maruo als Art Director mit ins Boot. 1989 noch ganz frisch im Geschäft – erst sein zweiter Film – war Maruo später bei Klassikern wie „Tokyo Sonata“ oder Kurosawa’s Gruselschockern „Cure“ und „Kairo“ federführend.

Ohne sich jetzt zu sehr mit den Personalia aufzuhalten, muss man aber verstehen, welches Talent, sowohl vor als auch hinter der Kamera, in diesem Film zusammenkommt. Dadurch verzeiht man auch gerne die ein oder andere Macke, die das Skript beinhaltet. Und schon deswegen, lohnt es sich „Dotsuitarunen“ eine Chance zu geben.

Ganzer Film:

#62 „Inuyashiki“ (2018)

Ist es ein Flugzeug? Ist es ein Vogel? Nein. Es ist ein Salaryman!

Shinsuke Sato (I am Hero) verfilmt in „Inuyashiki“ den Manga Last Action Hero Inuyashiki von Hiroya Oku. Ein Teenager und ein Familienvater kommen in Kontakt mit einer außerirdischen Lebensform, die ihnen Superkräfte verleiht. Doch die beiden nutzen ihre neuen Fähigkeiten mit unterschiedlichen Absichten.

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Der 58-Jährige Familienvater, ICHIRO, sieht darin die Chance dem Leben einen Sinn zu geben, seiner Familie zu beweisen, dass er doch kein Loser ist und die Menschheit zu beschützen. Aber vor wem beschützen? Wie in jedem Superhelden Movie gibt es auch in „Inuyashiki“ einen bösen Gegenspieler. HIRO, ein High School Schüler, entwickelt auf Grund seiner übernatürlichen Kräfte einen Gottkomplex, mit dem er Japan kurz vor die Vernichtung treibt.

Bildergebnis für inuyashiki 2018

Das Konzept heißt: Halb Mensch, halb Maschine. In guter alter Body-Horror Manier mutieren Körperteile zu Waffen und Antriebssystemen. Ichiro erinnert stark an die Hauptfigur aus Shinya Tsukmoto’s Tetsuro und auch die Anleihen beim  Sci-fi Actionstreifen Gantz, dessen Manga eine ähnliche Verwertungskette durchlaufen hat und ebenfalls von Sato verfilmt wurde, sind offensichtlich. Aber das Shinsuke Sato mit seinem neuesten Spielfilm das Rad nicht neu erfindet ist keine Schande. Er macht es nämlich auch nicht schlechter als seine Vorgänger. Zwar fehlen der ersten Hälfte des Films doch einige Actionszenen und die Handlung entwickelt sich etwas zu sehr in Richtung Familiendrama, dafür kommt man gegen Ende des Films umso mehr auf seine Kosten. Explodierende Stadtviertel, Massenmorde und Raketenschlachten im Weltraum setzen „Inuyashiki“ ein furioses Finale auf.

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Wichtiger Grundpfeiler ist das Schauspiel von Noritake Kinashi. Ichiro ist seine erste Hauptrolle und er spielt sie genial. Noritakes Background als Comedian führt zu lustigen Einlagen und geben der ganzen Handlung eine Lockerheit, die den Film zusammenhält. Dabei schafft er es aber auch die Tragik seiner Figur glaubhaft zu vermitteln. Ansonsten sind die schauspielerischen Leistungen eher schwach. Besonders Takeru Satoh in der Rolle des Hiro kann trotz seiner weitreichenden Serien- und Spielfilmerfahrung (The Emporer’s Cook, Rurouni Kenshin, Bakuman.) mit  immer gleichem Gesichtsausdruck nicht überzeugen.

„Inuyashiki“ bleibt knapp über dem Mittelmaß. Die Unterschiede zu ähnlichen Filmen finden sich im Detail.  Eingestreute Medien- und Gesellschaftskritik sollen dem Ganze eine tiefere Note verleihen. Oberflächlich betrachtet, liefert Shinsuke Sato ein unterhaltsames Action-Drama ab mit Ausflügen in das Body-Horror Kino von David Cronenberg und Co.

„Inuyashiki“ lief im Rahmen des /slash Filmfestivals, welches noch bis zum 30.09 einen bunten Mix aus Allerlei Derbem und Komischem im Programm hat. Für alle Wiener und Wien Besucher eine  besondere Empfehlung!

 

 

 

#43 „964 Pinocchio“ (1991)

Tokyo im Jahr 2064. Eine Firma verwandelt Menschen in willenlose Sex-Roboter ohne Gedächtnis und vermietet sie illegal an ihr Klientel. Eine unbefriedigte Kundin schmeißt Pinocchio 964 aus ihrer Wohnung heraus, ohne ihn bei der Firma zu reklamieren. Pinocchio irrt orientierungslos durch die Stadt bis er auf Himiko trifft, die ihn aufnimmt und ihn vor den Schergen der Firma bei sich versteckt.

Himiko

Sie versucht ihm wieder beizubringen wer er ist und ihn in den Alltag zu integrieren. Aber je menschlicher Pinocchio wird desto unmenschlicher wird Himiko. Als Pinocchio wieder sein Bewusstsein erlangt ist es bereits zu spät. Himiko hat sich in eine sadistische Kreatur verwandelt, die ihn sogleich zu ihrem Sklaven macht.

Himiko kontaktiert die Firma, um Pinocchio auszuliefern. Doch bei der Übergabe entkommt Pinocchio und er begibt sich zum Firmensitz, um Rache zu nehmen.

964 PINOCCHIO ist harte Kost. Zusammen mit Filmen wie Tetsuo , Burst City und Death Powder bildet er die Speerspitze des japanischen Cyberpunk. Das Individuum gegen seine, meist übertechnologisierte, Umwelt. Anarchie, Chaos und Zerstörung sind Grundbausteine der Handlung und des filmisches Konzepts. Inhaltlich äußert sich dies im übermäßigen Gebrauch von Fäkalien und expliziten Sexdarstellungen. So enthält der Film eine Kotz-Szene, die über 5 Minuten dauert.

Die Bilder sind ein Zerrspiegel und sie entwerfen eine surreale Parallelwelt. Kameraeinstellungen wie von Überwachungskameras, extreme Nahaufnahmen, und wacklige Handkamerabewegungen werfen den Blick des Zuschauers durch den Raum. Alles vermischt sich miteinander.

Die Schauspieler performen mehr mit ihrem Körper als mit Worten. Pinocchio, der sowieso kaum redet, läuft meist stöhnend und ächzend durch den Film. Dialoge sind dabei eher rar und beschränken sich meist auf wiederholende Wortblöcke.

Pinocchio unterwegs in Tokyo

Tragischer Höhepunkt des Films ist der Verrat von Himiko. Pinocchios einziger Kontakt zu einer Welt, die er nicht versteht, hintergeht ihn. Alleingelassen, frustriert und auf der Suche nach Zuneigung rennt er in einer beeindruckenden Sequenz durch die vollen Straßen Tokyos. Sein Ziel ist die Firma, in der er umgepolt wurde. Dort angekommen findet er endlich das wonach er sich die ganze Zeit gesehnt hat. Die Vereinigung mit Himiko gelingt – zumindest teilweise.

#41 „Koruto wa ore no pasupooto“ (1967)

„Koruto wa ore no pasupooto“

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„A Colt is my Passport“.

Kamimura ist Auftragskiller. Nach dem Mord an einem Yakuza-Boss muss er das Land verlassen. Aber sein Auftraggeber verrät ihn und die sichere Flucht verwandelt sich in eine tödliche Verfolgsjagd.

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Kamimura

An Kamimuras Seite steht Shiozaki. Die beiden sind ein eingespieltes Team und wissen wie sie ihren Job zu erledigen haben. Als Shiozaki in die Hände der Yakuza fällt, sieht sich Kamimura gezwungen einen Deal einzugehen.

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Shiozaki u. Kamimura

Die Kellnerin Mina komplettiert das Trio. Auf ihrer Flucht von Tokyo nach Yokohama hilft sie den beiden, indem sie ihnen Unterschlupf bietet. Doch die Femme Fatale kann Kamimura letztendlich auch nicht retten und muss ihn vor dem Showdown mit den Yakuza allein zurücklassen.

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Mina

In der Hauptrolle spielt Joe Shishido . 1954 wurde er exklusiv vom Filmstudio Nikkatsu unter Vertrag genommen und spielte in 170 Filmen des Studios mit. Die Figur des Kamimura ist stellvertretend für seine Paraderolle – dem Anti-Hero. In den meisten Filmen (z.B. Branded to KillYouth of the Beast ) spielt er den liebenswerten Bösewicht, der mit moralischer Überlegenheit, die „wahren“ Bösewichte besiegt. Im Japanischen gibt es für den Ehrenkodex des Anti-Helden ein eigenes Wort – „Jingi“.

truefoes: “ A Colt is My Passport (dir. Takashi Nomura — 1967) ”

Der Film prägt das Genre des Nikkatsu-Noir.  Damit sind Filme des Studio Nikkatsu gemeint, die sich bei Elementen der französischen Nouvelle Vague und dem amerikanischen Film Noir bedienen. Diese Filmen hatten ihre größte Popularität in den 1960er- und 1970er-Jahren.

A COLT IS MY PASSPORT startet als ein Großstadt-Western und verlagert dann die Handlung in die Hafenstadt Yokohama. In einem kuriosen Endkampf sieht sich Kamimura mit einer Übermacht an Yakuza konfrontiert.

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Im Verlauf des Films lassen sich viele Stereotype späterer Filme erkennen. Die Figurenkonstellation bestehend aus (Anti-)Held, Helfer und Femme Fatale durchziehen unzählige Klassiker des Yakuza-Genre. Besonders in den Filmen von Suzuki Seijun . Auch die Anleihen am Spaghetti-Western machen sich im Soundtrack und der Bildkomposition hör-und sichtbar. Die Handlung erzählt sich daher an vielen Stellen allein durch Kameraeinstellungen und vermeidet lange Dialoge.

Wer einen Einstieg in die Welt des Yakuza-Films sucht, ist mit A COLT IS MY PASSPORT bestens bedient. Die stylish knackigen 84 Minuten lassen keine Langeweile aufkommen und machen Lust auf mehr.

Trailer:

 

 

 

#28 „Ryuji“ (1983)

RYUJI ist ein Gangster der Santokai Gang im westlichen Tokyoter Stadtteil Shinjuku. Geld, Frauen, Drogen, Macht – All das gibt es im Überfluss. Doch ihn begleitet der Schatten des Todes. Die Angst im nächsten Moment getötet zu werden ist omnipräsent.

Ryuji ist verheiratet mit MARIKO. Zusammen haben sie eine Tochter namens AYA. Mariko´s Eltern sind streng gegen die Ehe. Ein Yakuza ist kein Umgang für ihre Tochter.

Als Ryuji im Gefängnis landet stellen sie ihre Tochter vor die Wahl. Entweder sie bleibt bei ihm oder sie verlässt ihn und die Eltern zahlen dafür Ryuji´s Kaution, so dass er wieder auf freien Fuß kommt. Aus Liebe zu Ryuji wählt sie die Scheidung und fährt zu ihren Eltern nach Kyushu.

Ohne die geliebte Familie und mit der ständigen Angst zu sterben steht nun auch Ryuji vor einer Entscheidung. Er muss aus dem Yakuza Leben aussteigen. Mit Hilfe eines alten Bekannten schafft er den Ausstieg und bekommt einen Job als Getränkezulieferer. Mit der dunklen Vergangenheit abgeschlossen findet Ryuji auch wieder Zugang zur Familie und wird herzlich von den Schwiegereltern in Kyushu aufgenommen.

Doch der neu gefundene, gerade Weg ist nicht immer der Leichteste. Als Familienvater scheint er zunächst glücklich. Nach der Arbeit kommt er abends an einen gedeckten Tisch, spielt mit seiner Tochter und schaut mit Mariko fern. Im Job leistet er gute Arbeit und steigt schnell auf.

Im Inneren hat er sich mit der Entscheidung ein normales Leben zu führen aber noch nicht abgefunden. In einer letzten, wortlosen Szene steht Ryuji seiner Frau und Tochter auf der Straße gegenüber. Er schaut sie an, kehrt sich von ihnen ab und geht die Straße hinunter. Als Moriko zu Aya sagt, dass sie wieder zu ihren Großeltern ziehen, weiß man als Zuschauer für welches Leben sich Ryuji entschieden hat.

Im Genre des Yakuza – Films steht RYUJI zwischen den Stühlen. Dazu ein kleiner Exkurs in die japanische Filmgeschichte. Im japanischen Gangsterfilm haben sich im Laufe der Zeit zwei Untergattungen herausgebildet:

NINKYO EIGA, in denen die Gangster als ehrenhafte Gesetzlose im Sinne eines Robin Hood dargestellt werden und immer einen inneren Kampf zwischen Pflicht (Giri) und Verlangen (Ninjo) austragen. Oft lehnt sich der kriminelle Held gegen einen anderen, böseren Kriminelle auf und wird am Ende Opfer seines Gerechtigkeitssinnes (Tod oder Gefängnis). Angesiedelt im Kino der 60er – Jahre. Bekannteste Vertreter des Subgenres sind die Werke von Regisseur SEIJIN SUZUKI (z.B. Tokyo Drifter,Branded to Kill).

JITSUROKU EIGA, porträtierten den Yakuza als einen rücksichtslosen Straßengangster. Gewalttätig und ohne Gewissensbisse verfolgt der Anti – Held seine eigenen Interessen und geht dafür über Leichen. Er unterdrückt den innere Konflikt zwischen Giri und Ninjo für eine Gier nach Macht, Frauen und Geld. Sicherlich auch eine Kritik an dem, aus dem Westen übernommenen Kapitalismus, der sich in den 70er – Jahren in Japan etabliert. Meilenstein des Genres ist Battles without Honor or Humanity, der sich, wie viele andere Jitsuroku Eiga, an wahren Kriminalfällen orientiert. Stilistisch sind die Filme deshalb oft im dokumentarischen Stil gehalten, an Original Drehorten und mit wackeligen Handkameras gedreht.

RYUJI ist keins von beiden. In der ersten Hälfte des Films begleitet man Ryuji auf seinem Streifzug durch die Unterwelt. Schutzgeld eintreiben, Glücksspiel, Rotlicht – Milieu. Man bekommt einen Eindruck des Umfelds, der Regeln und der Loyalität der Yakuza. Natürlich spielt Gewalt eine große Rolle, aber Ryuji und die anderen werden nie als  besonders gewalttätige Figuren dargestellt. Was in diesem Teil des Films zudem deutlich wird ist die gesellschaftliche Ächtung mit der man als Yakuza von Leuten außerhalb der Organisation konfrontiert ist. Es treten die familiären, finanziellen und moralischen Probleme, sowie die damit verbundene Einsamkeit in den Vordergrund.

Im zweiten Teil des Films bricht Ryuji mit dem harten Gangster. Er wird Familienvater und der Film zeigt intime Momente im Kreise seiner Familie. Ein untypischer Wandel und ungewöhnliche Szenen, die hinter die Kulisse der Figur blicken lassen.

Trotzdem bleibt die Figur des Ryuji und die Rolle, die der Zuschauer mit ihr verbindet ambivalent. Es entsteht keine Identifizierung, keine Empathie oder Sympathie für sie. Wie das Filmposter schon andeutet vermischen sich im Protagonisten die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Hell und Dunkel, Gut und Böse. Am Ende bleibt ein Anti – Held, der in das alte Leben des Gangster zurückkehrt. Wie sein Leben von dort an aussieht bleibt offen.

Zurück bleibt ein ehrlicher Film, der sich nicht auf ein Image festlegen will. Der Zuschauer erlebt beide Lebenswelten und der Film behält sich ein kritisches Urteil vor.

Stilistisch und narrativ steht Ryuji zwischen den beiden alten Untergattungen des Yakuza – Films aus den 60er-/70er- Jahren und einer neuen Welle von Filmemachern, die Ende der 1980er mit Filmen wie Violent Cop, eine neue Ära des japanischen Gangster – Films einläuten. Viele Kameraeinstellungen, wie etwa die „Street Level Shots“ lassen sich später so eins zu eins in Filmen von Takeshi Kitano wiederfinden. Beweis dafür wie groß der spätere Einfluss dieses Filmes war, der zunächst nur mäßigen Erfolg an den Kinokassen hatte.

Street Level Shot aus Kitano, Takeshi, „Violent Cop“, Japan 1989

Ein Teil des Mythos, welcher sich um den Film rankt steht im direkten Zusammenhang mit dem frühen Tod seines Hauptdarstellers, Shoji Kaneko. Dieser war gleichzeitig auch Drehbuchautor für den Film und verstarb nur wenige Tage nach der Veröffentlichung an Krebs. Als Schauspieler war er lange Zeit erfolglos und spielte in Ryuji seine erste und einzige Hauptrolle. Der frühe Tod und der Schatten der Krankheit begleiten den Film auf eine unheimliche Weise. Schließlich spielt er auf der Leinwand eine Figur, die den Tod ständig vor Augen hat und versucht aus dieser Situation zu entkommen. Die Parallelen zwischen Fiktion und Realität bekommen dadurch eine neue Dimension und machen den Film Jahre später zum Kult.

 

 

 

#19 „Jigoku no banken: Akai megane“ (1987)

Jigoku no banken: Akai megane“

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„The Red Spectacles“.

Koichi Todome ist Teil der Spezialeinheit „Kerberos“, die inzwischen, wegen exzessiver Gewaltanwendung, staatlich verboten und verfolgt wird. Zusammen mit MIDORI und SOICHIRO weigert er sich die Waffen niederzulegen. Auf ihrer Flucht lässt KOICHI die beiden verletzt zurück und flieht aus dem Land.

Drei Jahre nach den Ereignissen kehrt KOICHI in die alte Heimat zurück. Vor Ort weiß er nicht, ob er den alten Freunden trauen kann und gerät in eine Spirale aus Verrat und Misstrauen.

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v.l.n.r. Koichi, Midori, Soichiro

Der Film beginnt wie ein klassischer Action-Film. Drei Flüchtige schießen sich ihren Weg in die Freiheit. Doch nach fünf Minuten nimmt der Film eine überraschende, andere Richtung.

Narrativ und filmisch entwickelt sich THE RED SPECTACLES zu einer Noir-Thriller-Komödie. Eine Mischung aus David Lynch und „Dick und Doof“. Gleichzeitig hüllen sich die Bilder in ein sepia/schwarz-weißes Licht, wirken farblos. Obwohl der Film in der „Zukunft“, 1998 spielt, wirkt die Inszenierung wie aus den 50er-Jahren.

Slapstick-Elemente aus übertriebenen Gesten und Sound-Effekten nehmen gewissen Actionszenen die Ernsthaftigkeit. Allerdings lassen sich viele Dinge mittels einem simplen Erklärungsansatzes erklären, der an dieser Stelle nicht genannt werden soll, um die Spannung nicht zu nehmen.

Man kann soviel sagen, dass am Ende des Films einige Hinweise auf KOICHI´s Bewusstseinszustand gemacht werden, der die gezeigten Bilder im Film eventuell beeinflusst haben könnte.

Regisseur Mamoru Oshii setzt mit diesem Film den ersten filmischen Startpunkt seiner Kerberos Saga, zu der später noch weitere Spielfilme und der wahrscheinlich bekannteste Teil der Saga, der Anime Jin-Roh, hinzukamen. Ausgangspunkt der Saga war ein japanisches Radiohörspiel mit dem Titel While Waiting for the Red Spectacles. Das Setting der Saga erzählt einen alternativen, fiktiven Geschichtsverlauf, der stark an Philip K. Dicks The Man in the High Castle erinnert.

THE RED SPECTACLES ist ein absurder Film und lässt ein wenig die Erwartungen, die man beim Anblick der Kampfmonturen der Protagonisten bekommt, ins Leere laufen. Stattdessen bekommt man ein Verwirrspiel serviert, welches die Grenzen von Realität und Traum zusammenfallen lässt.

Wer Oshii bereits durch Animes wie Ghost in the Shell kennt, sieht hier eine neue Seite seines Werks. Es gibt viele Referenzen zur Literatur (Shakespeare, Pushkin), zur griechischen Mythologie und der Film thematisiert Gedankenspiele zum Thema Freier Wille und Vorbestimmung. Alles sehr tiefgründige Ansätze, die aber nicht bis zum Erbrechen durchgekaut werden und den Film vor aufkommender Langeweile bewahren. Ergänzend dazu kommt noch ein hervorragender Soundtrack von Kenji Kawai.

 

Amazon-Links:

The Red Spectacles

Jin-Roh [Blu-ray]

Ghost in the Shell [25 Jahre Jubiläums-Edition] (Mediabook) [Blu-ray]

 

Quellen:

http://arazatu.blog48.fc2.com/blog-entry-3512.html

The Red Spectacles (1987)

#9 „Samehada otoko to momojiri onna“ (1998)

Samehada otoko to momojiri onna

aka

Shark Skin Man and Peach Hip Girl“.

Toshiko wird Zeugin eines Banküberfalls. Samehada ist der Bankräuber.

Zwei Jahre nach dem Überfall ist Samehada mit dem Geld eines Yakuza-Clans auf der Flucht und wird durch Toshiko per Zufall vor den Gangstern gerettet.

Bis vor Kurzem hatte Toshiko

noch im Hotel ihres Onkels gearbeitet. Da dieser sie sexuell belästigt, beschließt sie weg zu laufen und das Schicksal bringt sie mit Samehada zusammen.

Ihr Onkel will Toshiko zurückholen und setzt einen Killer auf Samehada an. Es beginnt eine Wettstreit zwischen den Yakuza-Gangstern und dem Killer.

Wer findet die beiden zuerst?

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Basierend auf dem Manga „Daisharin“ von Minetarō Mochizuki ist dieser Film das Erstlingswerk von Regisseur Katsuhito Ishii.

Der Comic Ursprung lebt in den überzeichneten Charakteren und dem schwarzen Humor weiter. So diskutieren die Gangster in kurzen Zwischenszenen banale Themen des Alltags und man merkt, dass der Film diese Bösewicht nicht ganz ernst nimmt. Darin liegt unter anderem die Stärke des Films.

Dazu passt die Rolle des Anti-Helden Samehada und seiner „Bonny“ Toshiko. Gespielt von Tadanobu Asano, der später in Ichi the Killer auch einer breiten Masse außerhalb von Japan bekannt wurde, ist die Rolle des Hauptdarsteller sehr gut besetzt.

Generell ist die Auswahl der Schauspieler sehr hochkarätig für einen Debutfilm. Susumi Terajima (Hana-bi, Postman Blues) spielt einen Yakuza, der die Seiten wechselt. Ittoku Kishibe (Survive Style 5+, Violent Cop) in der Rolle des Bosses, mit einem Fabel für Messer.

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Regisseur Ishii schafft es damit Schauspieler für seinen Film zu gewinnen, die sowohl davor als auch danach genau für solche Rollen beim Publikum bekannt (geworden) sind.

Davon profitiert der Film natürlich und der Mix aus Action und Comedy wirkt an den wenigsten Stellen unausgeglichen.

 

 

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Shark Skin Man & Peach Hip Girl

 

#5 „Poruno Sutâ“ (1998)

Poruna Sutâ“

aka

Tokyo Rampage“.

Ein Teenager und eine Tasche voller Messer. Eine Gruppe Kleinkrimineller und ein Mädchen.

Arano trifft Kamijo, der von einem alternden Yakuza-Boss einen Mordauftrag bekommt. Arano schließt sich Kamijo´s Bande an und übernimmt den Mordauftrag.

Dann richtet er sich gegen Kamijo und will sich mit seiner Freundin Alice und einem Haufen Drogen nach Fiji absetzen.

Der Debutfilm von Toshiaki Toyoda beginnt mit Zeitlupen und verzerrten Gitarrenriffs der japanischen Psychedelic Rock Band Dip. Schauplatz der Handlung ist das Viertel Shibuya in Tokyo. Ein Mikrokosmus der Party-Jugendkultur in Japan. Eine lebendige Kameraführung und subjektive Einstellungen bestimmen den ersten Teil des Films. Im Verlauf des Films wird es aber ruhiger und das Tempo geht etwas zurück.

Der mysteriöse Hauptcharakter Arano handelt ohne wirkliche Motive. Niemand weiß, wo er herkommt und was sein Ziel ist. Er ist gefühlskalt und hat nicht viel Respekt vor dem Leben anderer. Der Film stellt ihn weder als Helden, noch als Anti-Helden dar. In diesem Punkt ist der Film genauso unmotiviert wie sein Hauptcharakter.

Arano redet zudem nicht wirklich. Er scheint aber einen besonderen Hass gegenüber den Yakuza zu haben und sagt ihnen ständig, dass sie nutzlos seien. Über diesen Satz geht sein Vokabular aber selten hinaus. Und spätestens als er den gesuchten Yakuza-Boss mit gefühlten 100 Messerstichen kommentarlos niederstreckt, merkt man, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Arano kann man stellvertretend für eine Jugend ohne Ziel verstehen, muss man aber nicht. Er weigert sich mit seiner Außenwelt zu kommunizieren. Wobei Gewalt eine Ausnahme darstellt.

 

Sein Gegenpart, Kamijo, hat zu Beginn des Films gerade seinen Vater verloren, was ihn in eine schwere Krise versetzt hat. Kann er sein Leben als Krimineller weiterführen und trotzdem seinen Vater stolz machen? Im Gegensatz zu Arano zeigt Kamijo starke Gefühle von Trauer und Angst. Paradox, da doch eigentlich er den Gangster-Part übernehmen soll. Aber auch er ist kein typischer Held. Seine Rolle als junger Kleinkrimineller zerbricht schlicht und einfach an der Brutalität und Abgeklärtheit die ihm mit Arano entgegenschlägt. Am Ende zerbrechen jedoch beide daran und Alice bleibt als einsames Skater-Girl  im Dschungel von Shibuya zurück.

#2 „Dangan Ranna“ (1996)

Dangan Ranna

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Wie eine Kugel im Lauf

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Non-Stop„.

Ein missglückter Banküberfall wird zum Marathon. Drei Männer laufen einen Tag durch Tokyo.

Yasuda`s Vorhaben eine Bank zu überfallen findet ein schnelles Ende als er bemerkt, dass er keine Maske hat und im nächstgelegenen Supermarkt den Verkäufer, Aizawa, anschießt, der ihn beim Klau einer Atemmaske erwischt. Er verliert seine Pistole und flieht.

Aizawa nimmt bewaffnet die Verfolgung auf. Dabei läuft er den Yakuza Takeda über den Haufen, bei dem er wegen seiner Drogensucht Schulden hat und der Yasuda die Waffe für den Banküberfall besorgt hat.

Takeda ist verzweifelt, da er den Tod seines Bosses zu verantworten hat, der in der Nacht zuvor ermordet wurde. Kopflos taumelt er durch die Straßen als ein Mann auf ihn zurennt. Er verkennt Aizawa als den Attentäter, der seinen Boss ermordet hat und stellt sich ihm in den Weg. Diesmal will er nicht zur Seite springen. Doch der Zusammenprall löst einen Schuss aus der Pistole und trifft eine Passantin – der Startschuss für Takeda.

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Takeda

Der filmische Dauerlauf erzählt mit viel schwarzem Humor und schnellen Schnitten eine brilliante Geschichte. Er schafft es die Fäden der persönlichen Hintergrundgeschichten  um die Verfolgung herum zu spinnen und Stück für Stück zusammenlaufen zu lassen. Man taucht immer tiefer in den Strudel ein, wird überrascht und fiebert mit. Dabei bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Die Kamera ist viel in Bewegung, kaum eine ruhige Minute. Praktisch im Vorbeilaufen erfährt man die Motive der Charaktere. Warum laufen sie nach mehreren Stunden immer noch? Was treibt sie an? War der Lauf zu Anfang noch purer Reflex, so wird er gegen Ende hin zu etwas Höherem, etwas Symbolischem. Realität und Vision verschmelzen miteinander. Laufen als epiphanische Erfahrung, in der die Läufer ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlieren und etwas anderem entgegenstreben.

Das Erstlingswerk von SABU (Hiroyuki Tanaka) macht den Anfang einer ganzen Reihe von Filmen, die sich mit dem Thema der Bewegung auseinandersetzen und in denen Shin’ichi Tsutsumi (Postman Blues, Unlucky MonkeyMondayDrive) jeweils immer die Hauptrolle spielt.

SABU ist Meister des Zufalls und erdenkt Handlungsstränge, die bei anderen Filmemacher plump oder unausgefeilscht wirken würden. Doch mit den Mitteln der Komik öffnet er eine Hintertür, die den Absurditäten einen wahrscheinlichen Charakter verleihen. Nichts wirkt übertrieben, alles gerade so als ob es auch im wahren Leben (mit sehr viel Pech) passieren könnte. Das SABU den einfachen, kleinen Mann in den Mittelpunkt stellt und ihn zum Spielball des Schicksals macht, verstärkt den Effekt. Seine Filme bleiben dadurch realistisch, driften nicht in fiktive Action-Welten ab wie beispielsweise bei den Werken von Takashi Miike.

Bestimmt ebenfalls kein Zufall sind die Parallelen zu Lola Rennt. SABU`s Film feierte 1997 auf der Berlinale in Berlin einen großen Erfolg. Ein Jahr später rannte Franka Potente als Lola über die Leinwand.