#44 „Kôshikei“ (1968)

„Kôshikei“

aka

„Death by Hanging“

aka

„Tod durch Erhängen“.

R ist wegen zweifachem Mordes und Vergewaltigung zum Tode verurteilt. Wie in Japan heute noch üblich, wird er zum Tod durch Erhängen verurteilt. Aber die Exekution will nicht gelingen. R stirbt nicht.

Nach kurzem Koma erwacht R in einen apathischen Zustand und kann sich an nichts mehr Erinnern. Die Beamten können ihn nicht ein zweites Mal hinrichten, solange er nicht bei vollem Schuldbewusstsein ist. Der Film zeigt die Versuche, die unternommen werden, um R wieder klar zu machen, dass er R ist. Dazu inszenieren die anwesenden Wärter, Beamten, Ärzte und Priester ein Rollenspiel, welches Rs Leben und seine Taten nachstellt. Die Todeszelle wird zur Bühne und der Film beginnt immer surrealistischer zu werden.

Als Regisseur der Japanese New Wave gelingt es Nagisa Oshima den Dunstkreis des japanischen Kinos zu verlassen und international Aufmerksamkeit zu erregen. Damit gehört er zu einem kleinen Kreis von Auserwählten, die es schafften den japanischen Film weltweit bekannt zu machen. Neben den großen Meistern wie Ozu, Kurosawa und Mizoguchi, die der goldenen Zeit des intakten Studiosystems angehörten, drängt Oshima als junger Wilder in die Hall – of – Fame der japanischen Filmemacher.

Mit provokanten Themen über die Abgehängten einer boomenden Wirtschaftsnation und die Auseinandersetzung mit dem verlorenen Zweiten Weltkrieg schlägt er einen anderen Ton an. Weniger sentimental, weniger verklärend. Mehr aufrüttelnd und provokant.

In DEATH BY HANGING greift er den Staat gleich an zwei Fronten an. Kritik an der Todesstrafe und Kritik an dem Umgang der Gesellschaft mit der koreanischen Minderheit im Land. Denn seine Hauptfigur R ist inspiriert von den realen Ereignissen rund um zwei Mordfälle, in denen Koreaner zum Tode verurteilt wurden. Diese Mordfälle wurden medial genutzt, um das Stereotyp des kriminellen Ausländer in Japan zu stärken.

Dementsprechend groß sind die Themen, die im Film ausdiskutiert werden. Identität, Moral, Staat und Religion. Doch Oshima nutzt nicht den erhobenen Zeigefinger, sondern spricht mit dem Mittel der Ironie und behandelt die Themen als Komödie. Das Rollenspiel der Wärter in der Gefängniszelle entlarvt die Vorurteile der Gesellschaft.

Auf filmischer Ebene beginnt der Film als Dokumentation und ändert dann aber ganz schnell die Richtung. Nach der misslungenen Exekution und dem paradoxen Handlungswechsel fließen immer mehr Verfremdungseffekte in den Film mit hinein. Die filmische Illusion bricht auf. Zwischentitel teilen den Film in Unterkapitel ein und das Spiel im Spiel verweist auf die Künstlichkeit des Films an sich. Ein Sprecher auf dem Off adressiert den Zuschauer direkt, spricht ihn an und schließlich auch ins Gewissen. Damit entsteht eine aufklärerische Absicht, die den Zuschauer zu einem Umdenken bewegen soll. Auch der Vergleich zu Brechts Verfremdungseffekt liegt da nahe.

Oshima, selber fasziniert von den politischen Zusammenhängen zwischen Japan und Korea und Teil einer neu gegründeten Theater Gruppe, wollte diesen Film als Happening inszenieren. Bezugnehmend auf aktuelle Ereignisse und die stattfindende Studentenrevolution der 68er-Generation stellte er die Machtverhältnisse in Frage. Seine Vorbilder waren dabei ganz klar im französischen Kino verortet. Die Filmemacher der Nouvelle Vague, die namensgebend für die JAPANESE NEW WAVE waren, hatten ähnliche Ziele in Frankreich. Obwohl man immer betonen sollte, dass beide Filmströmungen parallel stattgefunden haben, so dass man die Japanese New Wave nicht als „Kopie“ der Franzosen sehen darf.

Die gemeinsamen Absichten im filmischen Schaffen waren auch der Grund für den großen Erfolg des Films im Ausland. Filmkritiker lobten den Film und sahen ihn in direkter Tradition mit einheimischen Regisseuren. Was viele allerdings übersahen war die ethnische Spezifität des Filmes, die mit dem verurteilten Koreaner R einen weiteren Konflikt thematisierte. Oshima kritisierte hier nicht nur die Japaner, sondern auch die Koreaner in Japan, die sich einer Integration verweigerten und den Kampf gegen den Staat ausriefen. Damit denkt der Film einen Schritt weiter und weist nicht nur mit bloßer Kritik am System auf, sondern nimmt auch den Unterdrückten in die Pflicht.

 

 

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