#37 „Karera ga honki de amu toki wa,“ (2017)

„Karera ga honki de amu toki wa,“

aka

„Close – Knit“.

Die 11 – jährige Tomo wird regelmäßig von ihrer Mutter alleingelassen und zieht deshalb zu ihrem Onkel Makio, der mit dem Transsexuellen Rinko zusammenlebt.

Während ihre Mutter mit fremden Männern durch das Land reist, findet Tomo in dieser ungewöhnlichen Familie ein neues zu Hause.

Als sich ihre Lebenssituation herumspricht, gerät sie in der Schule schnell in eine Außenseiterposition und findet den einzigen Rückhalt bei ihrem Schulkameraden Kai, der gerade seine Homosexualität entdeckt und praktisch die jüngere Version von Rinko verkörpert.

Im Gegensatz zu Rinkos Mutter, die ihren transsexuellen Sohn wie eine Löwin verteidigt, versucht Kais Mutter die „merkwürdigen“ Tendenzen die ihr Sohn zeigt einzudämmen, indem sie ihm den Umgang mit Tomo verbietet. Sie wendet sich auch an Tomo und versucht sie aus diesem „schädlichen“ Umfeld herauszuholen. Sie will sie „retten“. Doch ihr Verhalten führt zu einem großen Drama.

Das Außergewöhnliche, neben der Thematik der Transsexualität, ist der Umgang der Erwachsenen mit den Kindern. Rinko und Makio behandeln Tomo wie eine Erwachsene und sprechen mit ihr ganz offen über Themen wie Sexualität und Rinkos Geschlechtsumwandlung. Tomo ist davon anfangs genauso irritiert wie der Zuschauer. Aber mit der Zeit erscheint dieser offene Zugang zu der Thematik der einzig richtige. Der Film vermittelt dies mit Tomos Entwicklung. Von Anfang an wird ihr bestehendes Mistrauen gegenüber dem „was“ Rinko eigentlich sei von Rinko selbst angesprochen und mit klaren, verständlichen Worten erklärt.

So entsteht relativ bald ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Dreien, indem sich Rinko, neben ihrem Job als Altenpflegerin, zusätzlich als liebevolle und verantwortungsbewusste Mutter beweist.

Regisseurin Naoko Ogigami schreibt mit diesem Film ein neues Kapitel. Zum einen hat sie den ersten japanischen Spielfilm gedreht, der Transsexualität in den Mittelpunkt stellt. Bislang fand sich die Thematik nur als Randthema in Filmen wie Strange Circus  oder der ausländischen Dokumentation Shinjuku Boys . Zum anderen bewegt sie sich persönlich weg von ihren romantisch verklärten Melodramen der Vergangenheit (z.B. Kamome Diner). Die Art und Weise wie Tomo der neuen Familie gegenübersteht und sehr schnell Gefallen an dem ungewöhnlichen Leben findet erinnert an die Figurenkonstellationen der Romane von Banana Yoshimoto (z.B. Kitchen).

Der Film fällt mit einem Zeitpunkt in der japanischen Gesellschaft zusammen in der Homosexuelle und Transsexuelle beginnen mehr Rechte zu bekommen. Seit 2015 stellen einige Bezirke Tokyos und anderer Städte Heiratszertifikate aus, die der einer heterosexuellen Ehe gleichgestellt sind. Mit diesem Vorgang sind auch Veränderungen im japanischen Familienstammbuch, dem Koseki , und dem Adoptionsrecht verbunden, die in Japan derzeit noch zur Debatte stehen. Ogigamis Film gibt zu dieser Debatte ein klares Statement ab und spricht sich für ein Adoptionsrecht und für die gleichgeschlechtliche Ehe aus.

Ein wichtiger Film, der die Transsexualität mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, die bisher in Japan fehlte. Zwar sind transsexuelle und homosexuelle Personen in der Film- und Musikbranche allgegenwärtig und als Teil des Medienapparates seit Jahrzehnten akzeptiert (siehe Akihiro Miwa , Ataru Nakamura oder Masaki Sumitani ), aber die gesellschaftliche Akzeptanz im Alltag, vor allem durch das Gesetz, ist dem noch nicht angepasst.

Mit den Figuren von Rinko und Kai zeigt der Film die unterschiedlichen Probleme zu den verschiedensten Lebensabschnitten mit denen speziell die Personen, die nicht heterosexuell veranlagt sind, konfrontiert sind und versucht so ein klein wenig mehr Normalität und Verständnis für diese Personen zu erzeugen.

 

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