#91 „Kiru“ (1962)

„Kiru“

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„Destiny’s Son“

Geschrieben von Kaneto Shindo, einem Regisseur der Geschichten ohne Dialog erzählen kann („The Naked Island“ 1960), stützt sich „Destiny’s Son“  aus dem Jahr 1962 auf abstrakt poetische Effekte. Der Schüler von Teinosuke Kinugasa („A Page of Madness“ 1926), Kenji Misumi erschafft durch Montage ein impressionistisches Samurai-Drama das als ein prominenter Vertreter des Chambara Genres gesehen wird.

Der Film dreht sich um Shingo, Produkt einer skandalösen Affäre zwischen einem Henker und der Frau, die er ermorden soll. Nichts wissend über seine Abstammung, wird Shingo von einer Samurai-Familie adoptiert und erfährt die Wahrheit erst am Sterbebett seines Stiefvaters. Ohne Vater und Herrn, findet der Ronin Anstellung bei Lord Matsudaira. Seine Treue zu ihm wird auf die Probe gestellt, als seine Vergangenheit ihn einholt..

Der Film beginnt mit einem stilistischen und narrativen Knall. Kamera, Sets und Schnitt stellen hohe Ambitionen und beinhalten die für Misumi typischen Merkmale: Elliptische Erzählung, Gespür für temporeiche Schwertkämpfe, künstliche Kulissen und eine übertriebene Gewalt, die Misumi später in der Filmreihe „Lone Wolf and Cub“ (1970) noch verfeinerte. Thematisch stellt „Destiny’s Son“ als einer der ersten Chambaras die Psysche des Samurai in der Vordergrund und lässt psychoanalytische Analysen zu. Viele bezeichnen Misumi deshalb auch als den Hitchcock des Samuraifilms.

Die künstlichen Sets erinnern an viele andere Schwertkampffilme von Daiei und legen besonderen Fokus auf die Außenbereiche. Beim Skript bediente sich Kaneto Shindo bei einem Roman von Renzaburo Shibata. Misumi, der selbst als Kind von seinen Eltern ausgesetzt wurde, konnte sich mit der Figur des Shingo identifizieren und beschloss in dem Jahr, in dem er bereits „The Tale of Zatoichi“ (1962) drehte, diesen, oft im Schatten von Zatoichi vergessen Film, zu machen.

Mit Raizo Ichikawa in der Rolle des Shingo, besetzte er einen Schauspieler, der bereits von Beginn seiner Karriere an ein gefeiert Star war. Eindrucksvoll verkörpert er eine Figur, die den ehrenhaften Code der Samurai repräsentiert und trotz all seiner Kraft und Gutmütigkeit alles verliert.

Das Spektakel hat es aber leider sehr eilig und so wirkt der Film mit knapp 70 Minuten etwas wie ein Schnelldurchlauf, indem Charaktere plötzlich auftauchen und schnell wieder verschwinden. Es entsteht keine Beziehung zwischen Zuschauer und den etlichen Nebendarstellern. Die übertrieben dramatische, und stellenweise wirklich nervende Musik, ist ein weiterer Schwachpunkt von „Destiny’s Son“. Inhaltlich hätte sich Misumi hier ausnahmsweise mal etwas Zeit lassen können, um den vielen Filmtoden mehr Bedeutung zu geben.

Was über bleibt ist ein stilistisches Feuerwerk ohne tiefe Charaktere und einer lediglich schemenhaften Andeutung von prinzipientreuen Samurai, die von inneren Konflikte angetrieben werden.

#90 „Hakuoki“ (1959)

„Hakuoki“

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„Samurai Vendetta“

Der japanische Schwertkampffilm, auch „Chambara“ genannt, erfreute sich in den 50er- und 60er-Jahren enormer Beliebtheit. An der Spitze des Hypes stand das japanische Studio Daiei. 1959 wurde Kazuo Mori („Return of Daimajin“ 1966) von Daiei mit dem Projekt „Samurai Vendetta“ beauftragt. Auf den ersten Blick nur ein unter vielen, versammeln sich in diesem Historienfilm („Jidai-geki“) bekannte Gesichter, und die die es im folgenden noch werden sollten.

Die Geschichte behandelt die frühen Jahre des Samurais Horibe Yasubei, der einer der 47 Ronin war. Im Jahr 1701 befinden sich die 47 Samurai auf dem Weg zu ihrem Erzfeind Kira, der ihren Herrn, Fürst Asano durch eine List getötet hatte. Als herrenlose Söldner sahen sich die Samurai in der Pflicht den Tod Asanos zu rächen und beschlossen ein Selbstmordkommando. Das ist der grobe Rahmen, indem sich „Samurai Vendetta“ abspielt. Der Film steigt ohne Erklärung dieser Vorgeschichte ein, weshalb es sich empfiehlt den Film im Vorfeld zu schauen. Horibe wandert also mit seinen 46 anderen Samuraikollegen durch den Schnee und erinnert sich zurück an seine folgenschwere Begegnung mit Tange Tenzen, seines Zeichens Ronin. Durch eine Reihe von schicksalhaften Ereignissen landen die beiden Samurai in verfeindeten Lagern und sind durch eine gemeinsame Geliebte miteinander verbunden. Das Liebesdreieck, etliche Schwerkämpfe, und der Niedergang von Tange Tenzen bilden die Eckpfeiler der Erzählung.

Der 28-Jährige Shintaro Katsu als Hirobe feiert hier den Durchbruch als Hauptdarsteller. „Samurai Vendetta“ markiert den Wendepunkt seiner Karriere vom Nebendarsteller zum gefeierten Underdog, der als Zatoichi in der gleichnamigen Serie zu Weltruhm gelangte. Die Rolle von Tange Tenzen verkörpert Raizo Ichikawa, der zu diesem Zeitpunkt schon das bekannteste Gesicht in den Chambara Film von Daiei war. Leider schon mit 37 Jahren verstorben, wurde Ichikawa durch zahlreiche Historienfilme wie „An Actors Revenge“ (1963) zur tragischen Filmlegende. Für den eher unbekannten Katsu war die Zusammenarbeit mit Ichikawa die große Chance dem Studios seine Qualitäten zu beweisen. Die archaischen Charaktere vermitteln eine starke Emotionalität und entfalten sich entlang einer typisch melodramatischen Richtlinie. Der übertriebene Pathos der Handlung wird durch die starke körperliche Präsenz der Schauspieler gut ausgeglichen. Hier bestechen auch die wundervoll choreographierten Kampfszenen.

Wie bereits erwähnt bettet sich der Film in die wahren Ereignisse der 47 Ronin, eine durchaus typische Vorgehensweise von vielen Jidai-gekis. Die Figur des Tange Tenzen ist im Gegensatz zu Hirobe nicht historisch belegt und hat seinen Ursprung in den Romanen von Kosuke Gomi und erinnert an den einäugigen Schwerkämpfer Tange Sazen.

Das komplexe Skript aus unerwiderter Liebe und blutiger Rache stammt von Daisuke Ito („Jirokichi the Rat“ 1935) und beansprucht die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers. Die Verbindung von Fiktion und historischen Ereignissen ist für das westliche Publikum schwer zu verstehen und setzt einen gewissen Grad an Vorwissen voraus. Die Kameraarbeit von Shozo Honda („The Tale of Zatoichi Continues“ 1962) ist hervorragend. Zwei große Kampfszenen, eine auf der Brücke und eine im Schnee bleiben besonders in Erinnerung. Dies könnte sogar die erste Schwerkampfszene im Schnee sein. Die Kulissen haben auch ihren eigenen Charm. Fast schon psychedelisch wirken die Settings und betonen eine Künstlichkeit, die mit der hochstilisierten Rachegeschichte gut zusammenpassen.

„Samurai Vendetta“ ist ein wichtiges Zeitdokument für alle die, die sich mit dem japanischen Schwertfilm und seinen Stars näher beschäftigen wollen. Nicht unbedingt ein Klassiker oder Must-See für alle anderen.

#89 „Kaze no Uta o Kike“ (1981)

„Kaze no Uta o Kike“

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„Hear The Wind Sing“

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„Wenn der Wind singt“

Haruki Murakami zählt zu den beliebtesten und einflussreichsten Buchautoren seiner Generation. 1979 erscheint Murakamis erster Roman „Hear the Wind Sing“ über einen Studenten, der in den Semesterferien aus Tokyo zurück nach Kobe kommt, und dort einen alten Schulfreund namens Ratte und ein mysteriöses Mädchen trifft. Kazuki Omori verfilmt 1981 den Stoff mit Kaoru Kobayashi („Midnight Diner“ 2014) in der Rolle des namenlosen Ich-Erzählers, Masato Furuoya („All Under the Moon“ 1993) als Ratte und Kimie Shingyoji („Eureka“ 2000) als weibliche Hauptdarstellerin.

Regisseur Omori, später verantwortlich  für die Godzilla-Filme „Godzilla vs. Biollante“ (1989) und „Godzilla – Duell der Megasaurier“ (1991) ließ den Film von der berüchtigten Theatre Art Guild produzierten. Eine Produktionsfirma, die besonders in den 60er- und 70er-Jahren mit Filmen wie Oshimas „Death by Hanging“ (1968) und Matsumotos „Funeral Parade of Roses“ (1969) einige der wichtigsten Filme des japanischen Kinos hervorgebracht hat.

Murakami distanzierte sich lange Zeit von seinem Erstlingswerk und verhinderte Publikationen in anderen Ländern bis es schließlich 2015 auch in Deutschland erschien. Der Film übernimmt in Teilen die Schwächen des Buches. Omori kann man das aber nicht zum Vorwurf machen, da die Vorlage schon sehr schwierig zu verfilmen ist. „Hear the Wind Sing“ beinhaltet wenig dramaturgische Spannung. Die beiden Jugendfreunde ziehen durch die Stadt, besuchen ihre Lieblingsbar und fahren mit dem Auto umher. Auch das Auftauchen des Mädchen sorgt nicht wirklich für einen Anstieg des Tempos.

Wie auch in anderen Erzählungen von Murakami geht es viel zum die Vermittlung einer bestimmten Gefühlslage. Das ist oft schwer greifbar und Omori übernimmt die popkulturellen Verweise aus dem Roman, insbesondere die Musik, um das erwünschte Gefühl eines verträumten Sommers zu vermitteln. Beach Boys, Cabrios, schummrige Bars, und ein ulkiger Radio DJ sind dabei die wichtigsten Eckpfeiler. Leider kommt die Stimmung nicht ganz rüber.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist „Hear the Wind Sing“ stilistisch unentschlossen. Zeitgenössische Elemente des Mainstreamkinos und der Popkultur mischen sich mit den typischen, teilweise veraltet wirkenden, Methoden der Theatre Art Guild. Damit ist der Verfremdungseffekt den der Schnitt durch das Einspielen von Fotos und Zwischentitel einführt, gemeint. Das reicht nur für ein paar coole Effekte, die aber nicht besonders in Erinnerung bleiben und der Handlung mehr schaden als dass sie sie unterstützen.

Zum anderen zeigt der Film nur Momentaufnahmen und schafft es nicht ein harmonisches Ganzes zu bilden. Das liegt am Fehlen einer Kernhandlung. Die Charaktere schweifen umher, lenken sich vom Alltag  ab, verfolgen kein festes Ziel. Das mag zwar realistisch sein, für den Zuschauer hat dies aber wenig Unterhaltungswert. Anders als in den späteren Werken Murakamis fehlen in dieser Erzählung auch die übernatürlichen Elemente, die den Alltag durchkreuzen. Dies ist aber wiederum eine Schwäche der Romanvorlage und nicht dem Film zu verschulden, der sich eng am Originalmaterial orientiert.

Im letzten Drittel zerfällt die Handlung. Ich hätte mir hier einen stärkeren Fokus auf die Nebencharaktere, insbesondere Ratte, gewünscht. Ansonsten verbindet Omori die Themen des Films, Isolation, Zynismus, Unbestimmtheit und Entfremdung mit einem spritzigen Jazz-Soundtrack. Einer der wenigen Lichtblicke von „Hear the Wind Sing“.

Die angedeutete Handlung und fragmentierten Erzähltechniken erinnern an die beiden anderen Murakami-Verfilmungen der 80er-Jahre. Die Kurzfilme von Naoto Yamakawa, „Attack on a Bakery“ (1982) und „On Seeing the 100 Percent Perfect Girl“ (1983), funktionieren auf Grund ihrer Kürze auch um einiges besser. Damit bleibt „Hear the Wind Sing“ leider nur der Versuch ein ohnehin schon schlechtes Buch für die Kinoleinwand aufzuplustern.

#88 „Seishin“ (2008)

„Seishin“

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„Mental“

Regisseur Kazuhiro Soda arbeitete in einer Filmproduktionsfirma in New York und drehte dort mehr als 50 Beiträge für den staatlichen Fernsehsender Japans NHK. Inspiriert von den Dokumentarfilmen eines Frederick Wiseman, entwickelt er seinen eigenen „Observation“- Style. Soda, der es von seinem alten Job gewohnt war nach festen Skripten und Drehplänen zu arbeiten, entschied sich für ein freieres Konzept. Keine Skripte, keine Recherchen, nur die Kamera und die Realität.

2005 kehrte er aus den USA nach Japan zurück mit der Absicht einen Film über geistige Erkrankungen zu drehen. Das Projekt verschob sich aber, da Soda per Zufall einen alten Schulfreund traf, der für den Stadtrat in Kawasaki kandidierte. Er nutzte die Gelegenheit und produzierte „Campaign“ (2007). Mit einem Jahr „Verspätung“ konnte sich der Filmemacher nun der ursprünglich geplanten Dokumentation „Mental“ (2008) widmen.

Der alternative Titel im Vorspann, „Observational Film #2“, verweist schon darauf, dass Soda an dem Dogma, welches er sich selbst seit seinem ersten Film auferlegt hat, festhält. Selbstfinanziert, selbstgedreht, Fokus auf Randgruppen oder Randgebiete, keine Musik, und lange Einstellungen bilden Sodas 10 Gebote nach denen er bis dato acht Dokumentationen herausgebracht hat.

In „Mental“ bekommen wir einen Einblick in die Choral Okayama Clinic, die vom pensionierten Psychiater Dr. Masatomo Yamamoto und einem kleinen Team von Helfern geführt wird. Die Einrichtung fungiert als Tagesklinik und bietet Kurzzeit Apartments für Patienten an. Masatomo fungiert als „Held“ des Films. Man lernt viel über die Arbeit des Doktors, die organisatorischen Hindernisse und das einfaches Zuhören schon viel helfen kann. „Mental“ zeigt sowohl Menschen mit psychischer Erkrankung als auch als die Helfer. In den Therapiesitzungen wird deutlich, dass der Doktor als Heiler nur Tipps geben kann, Denkanstöße, die der Patient selbst umsetzen muss. Die Szenen sind ungeschnitten, und Soda versucht sich und seine Kamera möglichst unsichtbar zu machen.

In privaten Momenten stellt er Fragen. Die Interviews bringen teilweise erschütternde Biographien hervor, und auch Unerwartetes. Genie und Wahnsinn liegen oft nah beinander. Soda gelingt es dabei die Verzweiflung, die Angst und Hilflosigkeit ebenso darzustellen wie die Notwendigkeit einer Therapie in solchen Fällen. „Mental“ entwickelt sich zu einem Plädoyer für die Förderungen solcher Einrichtungen und  klagt das staatliche System an. Ähnlich wie in Filmen von Kazuo Hara („Goodybe CP“ 1972) gibt er den Schwachen der Gesellschaft einen Raum sich auszudrücken. Dabei kommt es zu skurillen, lustigen und traurigen Momenten.

Die knapp zweistündige Dokumentation spielt sich ausschließlich innerhalb der Klinik ab. Trotzdem beibt der Film abwechslungsreich. Ein paar Szenen der Patienten wie sie mit ihrer Erkrankung im Alltag zurecht kommen wären dennoch interessant gewesen.

#87 „Waga Jinsei Saiaku No Toki“ (1994)

„Waga Jinsei Saiaku No Toki“

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„The Most Terrible Time in My Life“

Kaizô Hayashis „The Most Terrible Time in My Life“ ist der erste Teil einer Trilogie, die als  Hommage an die japanischen Gangsterfilme der 60er-Jahre angelegt ist.

Hama Maiku, gespielt von Masatoshi Nagase („Radiance“ 2017), ist Privatdetektiv in Yokohama. Yang Hai Tin bittet ihn nach seinem verloren Bruder zu suchen. Er selbst stammt aus Taiwan und arbeitet, seitdem er illegal nach Japan gekommen ist, als Kellner. Seine Recherchen führen Maiku direkt in einen Krieg der Gangsterbanden.

„The Most Terrible Time in My Life“ begleitet den Hard-Boild Detektive auf seiner Reise in die chaotische Unterwelt, verfolgt von korrupten Polizisten und brutalen Gangstern. Der Film macht dabei eine Menge Anleihen bei zum Beispiel dem Amerikanischen Expressionismus der 40er-Jahre, der French New Wave, und dem japanischen Krimifilm der 60er. Ein sehr offensichtliches Zitat ist schon der Name des Hauptcharakters, Hama Maiku. Dieser bezieht sich auf Mickey Spillanes Romanreihe über den Privatdetektiv Mike Hammer. Die Groschenromane, die im Späteren verfilmt wurden, bringen einen besonderen B-Movie Charme mit sich, der hier auch deutlich wird.

Regisseur Kaizô Hayashi („Zipang“ 1990) zelebriert den coolen Film-Noir Style in Schwarz-Weiß. Es bleibt aber nicht bei der reinen Kopie bzw. Parodie der Elemente, sondern er nimmt den alten Style und setzt ihn in einen modernen Kontext, indem er die Handlung im modernen Yokohama spielen lässt. Dadurch entsteht eine Refiguration des Bekannten. Generische Elemente der Erzählung und Präsentation finden so im Pastiche eine neue Bedeutung. Die Hybridität, des mit Zitaten vollgepackten Films, verbindet auch zwei Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Background.

Nicht ohne Grund war die Taiwanesische Regierung bei der Produktion beteiligt und viele Szenen des Films wurden sogar in Taiwan gedreht. Denn die gezeigte transnationale Freundschaft zwischen Maiku Hamma und Yang versteht sich als politische Allegorie zwischen Japan und der ehemals japanischen Kolonie Taiwan. Die chinesischen Gangster im Film versuchen diese Beziehung zu verstören, ebenso wie die japanischen Polizisten. Umgemünzt auf die politische Situation der 90er-Jahre, die Zeit zu der der Film in die Kinos kam, spiegelt sich hier die wachsende Einflussnahme Chinas auf Taiwan und die Ablehnung der japanischen Nationalisten gegenüber dem asiatischen Nachbarland wieder.

Gleichzeitig wird Japan von seiner, oftmals verdrängten, kolonialen Vergangenheit nun im eigenen Land heimgesucht. Die kriminellen koreanischen, chinesischen und taiwanesischen Gruppierungen tragen den Konflikt nach Japan als eine Art Sichtbarmachung der Kämpfe, die im 2. Weltkrieg in ihren Heimatländern von Japan angezettelt wurden.

Der Subplot bettet sich in die Kinematographie von Yuichi Nagata. Nicht so ausgereift wie in seinen späteren Arbeiten wie zum Beispiel „Give it All“ (1998), experimentiert er hier noch etwas mehr mit Kamerabewegungen und springt zwischen Point-of-View shots und langen Kamerafahrten. Auch bei den beiden Sequels, „The Stairway to a Distant Past“ (1995) und „The Trap“ (1996), machte er die Kameraarbeit.

Ähnlich wie andere Vertreter des Neo-Noir wie John Woo („Bullet in the Head“ 1990) oder Quentin Tarantino, revitalisiert Hayashi einige alte Schauspieler aus der Zeit, die ihn inspiriert hat und nutzt sie um alte Referenzen mit der heutigen Zeit zu kombinieren. So besetzte er Jo Shishido („Youth of the Beast“ 1963), der in den 1960er Jahren durch seine Rollen in den Filmen von Suzuki Seijun Kultstatus erreichte. Sogar aus der Crew von Regisseur Seijun bediente sich Hayashi und konnte Takeo Kimura dafür gewinnen das Production Design für den Film zu machen. Kimura ist ein enger Mitarbeiter von Seijun gewesen und für den Look seiner Werke maßgeblich verantwortlich. Zu den Bekanntesten zählen „Tokyo Drifter“ (1966) und „Gate of Flesh“ (1964). Daran sieht man, dass sich Hayashi wirklich Mühe gegeben hat authentische Personen aus der zitierten Zeit sowohl vor als auch hinter der Kamera  in seinen Film mit einzubeziehen.

Ein weiteres Zitat findet sich im Filmtitel und bezieht sich auf William Wylers Film aus dem Jahr 1946 „The Best Years of Our Lives„. Hayashi dreht die Bedeutung mit seinem Filmtitel „The Most Terrible Time in My Life“ ins Negative und stellt dem boomenden Amerika der Nachkriegszeit aus Wylers Original ein von Rezession geplagtes Japan gegenüber, welches sich im identitären Selbstzweifel befindet.

Zusammengefasst bietet der Film eine Reihe an liebevoll durchdachten Details, die beim ersten Betrachten nicht alle ins Auge fallen. Der postkoloniale Deutungsansatz ist sicherlich beabsichtig und trägt zur Aktualität des Stoffes bei. 1995 gewann der Film auf dem Yokohama Film Festival zu Recht den Spezial Preis der Jury. Ein nicht ganz leicht zu entziffernder Film, der aber ganz klar darauf abzielt als Kultfilm wahrgenommen zu werden. Ob er es dann im Endeffekt auch wirklich ist, liegt im Auge des Betrachters. Die kulturell spezifischen Marker sind nämlich sehr auf das japanische Publikum abgestimmt.

#86 „Ganbatte ikimasshoi“ (1998)

„Ganbatte ikimasshoi“

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„Give it All“

In der Festivalsaison des Jahres 1998 gewann „Give it All“ unglaubliche 25 Auszeichnungen. Produziert von Masayuki Suo („Shall We Dansu?“ 1998) handelt es sich bei dem Film um ein High School Sport Drama (siehe „Oppai Volleyball“ 2009) welches mit nostalgischen Elementen die Geschichte eines Frauen-Ruderteams im Jahre 1976 erzählt.

Shikoku, im Westen Japans. Etsuko, ein Teenager im Schatten ihrer erfolgreichen älteren Schwester, von den Eltern ignoriert und in der Schule die Zielscheibe der Lehrer, nimmt die Herausforderungen des Lebens voll an. Ihr starker Wille, durch den sie ein erfolgreiches Frauen-Ruderteam zusammenstellt und trotz plötzlich auftretender Krankheit den Siegeswillen nicht verliert, ist Mittelpunkt dieses Big-Budget Films.

Regisseur Itsumichi Isomura begann als Regieassistent bei Sai Yoichis „Mosquito on the Fifth Floor“ (1983). Kurz darauf gründet er zusammen mit vier anderen Regiekollegen das Team „Unit 5“, eine Künstlergruppe der auch Masayuki Suo angehört. 1993 entsteht Altamira Pictures. Suo, Isomura, Shoji Masui und der Produzent Yuji Ogata („Doing Time“ 2002) sind Teilhaber der Firma und bringen 1998 den Film „Give it All“ als Co-Produktion mit Fuji TV in die Kinos.

Die erst 17-Jährige Rena Tanaka („Dear Etranger“ 2017) verkörpert die unschuldige, aber zielstrebige Etsuko. Obwohl sie zuvor noch nie vor der Kamera stand, setzte sie sich im Casting gegen die über 200 Mitbewerberinnen durch. Sie zog 1000 Kilometer von ihrer Heimatstadt Kurume im Süden Japans nach Tokyo, um sich zwei Monate intensiv auf die Dreharbeiten vorzubereiten, inklusive Rudertraining. Der Einsatz machte sich bezahlt. Für ihre erste Hauptrolle bekam Tanaka insgesamt 11 Auszeichnungen unter anderem den Japanese Academy Award als Beste Newcomerin des Jahres 1999.

Nicht einfach neben einer solchen Leistung zu bestehen. Aoi Wakana („Assassination Classrom“ 2015) als Ri gibt sich alle Mühe. Ebenso wie Nakajima Tomoko („Tsugumi“ 1990) in der Rolle der erfahrenen Trainerin. Ein bekannteres Gesicht findet man in Ren Osugi, der sowohl in Masayuki Suos „Shall We Dansu?“ (1998) als auch in Kurosawas packendem „Cure“ (1997) mit kleinen Auftritten brillierte. Überraschend ist der Auftritt von Kirina Mano, die hier als süße Schülerin ganz untypisch besetzt ist und gar nicht wiederzuerkennen ist im Vergleich zu ihren düsteren Rollen in „Bullet Ballet“ (1998) oder „Adrenaline Drive“ (1999). Zwar sind diese Charaktere nicht so im Fokus wie der von Etsuko, dennoch durchlaufen alle eine Entwicklung und wecken Sympathien.

Die schauspielerische Leistung tritt aber schon fast in den Hintergrund, im Vergleich zu den starken Bildern von Kameramann Yuichi Nagata. Bekannt durch seine Arbeiten mit Kaizo Hayashi und den Komödien von Shinobu Yaguchi und Masayuki Suo, setzt er Statements. Allein in den ersten 5 Minuten des Films erscheint es so als ob jedes Bild eine Geschichte für sich erzähle. Ruhige Bewegungen und klar konzipiertes Framing setzen auf mehreren Bildebenen die Erzählung so fort, dass die Schauspieler oftmals nur zur Kulisse des gezeigten Bildes werden. Kamera und Schnitt verbinden ein melancholische Thema mit der Sehnsucht der Hauptdarstellerin. Wunderschöne Küstenaufnahmen machen Lust auf Urlaub. Untermalt wird das Ganze durch einen zurückhaltenden Soundtrack der koreanischen Sängerin Lee Tzsche.

„Independence, Cooperation, Motivation“, so nennt im Film der Schulleiter das Motto des neuen Schuljahres, welches auch auf die Themen des Films hindeuten. Die etwas simple Story erinnert an Girl Power Filme a la „Swing Girls“ (2004) oder „Linda Linda Linda“ (2005). Mutige Mädels und eine etwas simple Story. Der lebendige Film kommt zwar etwas harmlos daher – kein großes Drama oder Hindernisse in den ersten 60 Minuten – und auch die Sportart spricht sicherlich nicht jeden an, aber „Give it All“ funktioniert als ein motivierender Film, der zeigt wie man mit Verlusten und Triumphen richtig umgeht.

#85 „Jarinko Chie“ (1981)

„Jarinko Chie“

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„Chie the Brat“

Es kommt selten vor, dass ein Anime das reale Leben so unprätentiös darstellt. Isao Takahatas obskure prä-Ghibli Zelebrierung des einfachen Lebens in Osakas Arbeiter Milieu stellt einen Gegenpol zu all den Superhelden des Genre dar.

Chie, das „unglücklichste Mädchen Japans“, steht im Mittelpunkt des Slice-of-Life Films. Sie ist eine burschikose Schülerin, die die Bar ihres Vaters Tetsu führt, der währenddessen die Einnahmen beim Glückspiel auf den Kopf haut. Aus mehreren Kurzgeschichten, die direkt aus der Mangavorlage von Haruki Etsumi entnommen sind, knüpft Takahata eine lose zusammenhängende Geschichte über die liebenswerten Bewohner des Viertels.

Nachdem er die Produktion von „Anne mit den roten Haaren“ (1979)  beendet hatte wollte sich Isao Takahata eigentlich einen wohlverdienten Urlaub gönnen. Doch daraus wurde nichts, als der Animator Yasuo Otsuka („Das Schloss des Cagliostro“ 1979) anrief, um ihn von „Chie the Brat“ zu erzählen. Anfangs wenig begeistert, kehrte Takahata dem Projekt zuerst den Rücken bevor er dann doch einwilligte. Neben Otsuka und Takahata gesellte sich noch Yoichi Kotabe hinzu. Später leitender Illustrator für Nintendos Super Mario und den ersten Pokemon Film. Die Drei kannten sich bereits durch die Arbeit an „Die Abenteuer des kleinen Panda“ (1972). Das Team fand später bei „Nausicaaä  aus dem Tal der Winde“ (1984) im Studio Ghibli abermals zusammen.

„Chie the Brat“ verbleibt zeichnerisch nah an der Originalvorlage. Der robuste Zeichenstil des Mangas findet sich im Film fast 1:1 wieder. Die Charaktere haben Ecken und Kanten, fluchen, und pflegen dynamische Beziehungen zueinander. Dabei kommt durch Takahatas Regie jeder Figur, sei es Rentnerin oder Gangster, der selbe Respekt entgegen, wodurch eine kindliche Wohlfühlatmosphäre geschaffen wird, die das Böse gänzlich Außen vor lässt. Chie, die als Scheidungskind bei ihrem Vater wohnt, hat aber noch regen Kontakt zu ihrer Mutter. Im Verlauf des Films versucht Chie die beiden wieder zusammenzuführen, aber Tetsus Wesen verhindert ein Happy End. Die Szenen zwischen Chie und ihrer Mutter bilden die ernsten Momente des Films.

Zeitgleich zum Film entstand auch eine Animationsserie fürs Fernsehen. Für beide sprach der bekannte Komiker Norio Nishikawa („Hanezu“ 2011) die Rolle von Chies Vater. Sein derber Humor fand bei den TV-Produzenten nur mäßig Anklang, wurde aber auch nicht geändert. Vielmehr passte sich die billig produzierte Fernsehproduktion an die Qualität des Films an und überarbeitete die Zeichnungen, auch aus dem Grund, um Szenen aus dem Film mit reinschneiden zu können.

Thematisch kann man den Film Takahatas „Meine Nachbarn die Yamadas“ (1999) zuordnen. In beiden finden sich die episodenhafte Erzählung und die für Studio Ghibli typischen starken Frauenfiguren. Anders als bei Hayao Miyazaki („Prinzessin Mononoke“ 1997) werden hier keine fantastischen Welten inszeniert, sondern realistische Alltagssituationen. Eine aberwitzige Fehde zwischen Katzen über einen abgetrennten Hoden lockert den Realismus auf, und auch generell bleibt der Humor nicht auf der Strecke. Die Einbeziehung und Vermenschlichung von Tieren, sowie deren Obsession mit Genitalien erinnert an den 1994 erschienenen „Pom Poko„. Allerdings nimmt die Nebenerzählung der beiden Katzen besonders am Ende zu viel Bedeutung ein.

Bis auf dieses kleine Manko bietet „Chie the Brat“ eine universell amüsante Unterhaltung mit schrulligen Figuren, die man durchaus als Basis für Takahatas spätere Arbeit bei Studio Ghibli verstehen kann.

 

#84 „Suzumiya Haruhi no Shoushitsu“ (2010)

„Suzumiya Haruhi no Shoushitsu“

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„Das Verschwinden von Suzumiya Haruhi“

Das Verschwinden von Suzumiya Haruhi“ basiert auf dem gleichnamigen vierten Roman der Serie „Die Melancholie der Suzumiya Haruhi„, der als Light Novel 2003 von Nagaru Tanigawa publiziert wurde. Kyoto Animation („A Silent Voice“ 2016) produzierte 2006 eine Anime Serie und 2010 schließlich diesen zweieinhalb stündigen Kinofilm. Obwohl ihn in Japan nur 24 Kinos zeigten, spielte der Film 100 Millionen Yen ein und erreichte Platz 7 der heimischen Kinocharts. Die Franchise ist inzwischen weltweit bekannt und hat Kultstatus erreicht. Die Figuren der Serie, insbesondere Haruhi, sind in Werbespots zu sehen und haben Cameos in anderen Animes wie zum Beispiel „Lucky Star“ (2007).

Eine Gruppe von Schülern, alle auf ihre Art mit besonderen, teilweise übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet, treffen sich jeden Tag im Clubraum ihrer Schule als sogenannte SOS Brigade. Mitglieder des Clubs sind Yuki Nagato, Mikuru Asahina, Itsuki Koizumi, Haruhi Suzumiya und Kyon, aus dessen Sicht die Ereignisse erzählt werden. Haruhi, ist besonders gut darin alle zu nerven und mit großer Klappe auf ihnen herumzuhacken. Plötzlich verschwindet diese Person, die als Gründerin des Clubs eine zentrale Rolle einnimmt und in der Lage ist die Welt nach ihren Gedanken zu verändern. Allen anderen, bis auf Kyon, fällt das aber nicht auf, und die Gemeinschaft scheint nie existiert zu haben. Nicht wissend in welche alternativen Zeitlinie er geraten ist, versucht Kyon wieder in seine Welt zurückzukommen.

In einer Art Anime-Version von „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) realisiert der Erzähler welchen Wert Freundschaft hat und das man Dinge manchmal erst zu schätzen weiß, wenn sie weg sind. Dabei besticht besonders die trockene Art von Kyon’s Schilderungen, die sich zwischen Zynismus und Existenzialismus bewegen und uns von Anfang mit seinem Charakter verbinden. Wichtig zu erwähnen ist, dass es schon sinnvoll ist sich die Serie im Vorfeld anzusehen. Für sich gesehen funktioniert der Film nämlich nur zur Hälfte, in dem er Gefühle und Atmosphäre vermittelt, eine vollständige Erfassung der Handlung ist aber ohne Vorkenntnisse aus der Serie schwer möglich.

Die Qualität der Animation ist beeindruckend. Natürliche Bewegungen und eine ausgewaschene Kolorierung unterstützen die unaufgeregte Erzählung. Musikalisch hält sich der Anime im Hintergrund. Bis auf das immer wieder auftauchende Thema von Erik Satie’s Gymnopedie No.1 verlässt sich der Film mehr auf optische als auf musikalische Stilmittel.

Eine abschließende Bewertung fällt mir auf Grund dem fehlenden Wissen über die Serie allerdings schwer. Der Film hängt daher etwas in der Luft und lässt sich schwer einordnen. Was bleibt ist ein charmanter Anime passend zur Weihnachtszeit, der Lust macht sich noch ausführlicher mit der Franchise zu befassen.

#83 „Oppai Volleyball“ (2009)

Manche Filme kann es nur in Japan geben. Besser gesagt, manche Genre kann es nur in Japan geben. Neben den Gourmet Filmen, die sich zu großen Teilen nur ums Essen drehen („Tampopo“ 1985, „Kirschblüten und rote Bohnen“ 2015), hat sich parallel seit den 1980er-Jahren das High School Sport Genre etabliert. Die gewohnte Aufteilung der Charaktere in Held und Bösewicht, die Verfolgung eines klaren Zieles und die Katharsis durch die Überwindung einer scheinbar unlösbaren Aufgabe treten in diesen Filmen in den Hintergrund. Die Handlung besteht oftmals aus einer Aneinanderreihung von Witzen innerhalb einer Gruppe, die einfach eine gute Zeit hat, gemeinsam isst oder Sport treibt.

Man sollte daher seine Ansprüche an „Oppai Volleyball“ nicht zu hoch stellen. Aber immerhin gewann die Produktion von Nippon Television dank der Hauptdarstellerin Haruka Ayase („Cyborg She“ 2008) sowohl den Blue Ribbon Award und den Japan Academy Prize in den Kategorien „Beste Hauptdarstellerin“ und „Beliebteste Hauptdarstellerin des Jahres 2010“.

In „Oppai Volleyball“ spielt Ayase die Lehrerin Mikako. Als enthusiastischer Neuling an der Schule wird sie mit der Aufgabe betraut, das erfolglose Jungen Volleyballteam zu trainieren. Das Sextett, bestehend aus Vorzeige Nerds, die noch nie einen Volleyball in der Hand hatten, nutzte die Zeit im Volleyballclub bislang mehr, um ihre pubertären Triebe zu befriedigen als sportlichen Ambitionen nachzugehen.

Wie kann Mikako eine solche Truppe motivieren? Mit Brüsten. Wenn die Jungs es wirklichen schaffen sollten ein Spiel zu gewinnen, bekommen sie Mikako’s Brüste zu sehen. Von nun an ist die Schicksalsgemeinschaft wie ausgewechselt und hängt sich voll rein. Das erste Spiel gegen das Team der Mädchen geht zwar noch verloren, aber mit vollem Fokus auf das versprochene Ziel wächst das Team über seine Grenzen hinaus.

Die Beschreibung des Filminhalts klingt definitiv perverser als er eigentlich ist. Den schlüpfrigen Teenager Humor transportiert der Film überraschend unschuldig herüber. Im Vordergrund steht die gute Laune, Freundschaft und der Glaube an sich selbst. Die männlichen Charaktere wirken keinesfalls sexistisch, sondern sind allesamt sehr sympathische Figuren. Das liegt auch daran, dass der Film sich selbst nicht zu ernst nimmt. Versaute Witze werden selbstreflexiv eingestreut und begleiten den generischen Erzählstrang über die sportliche Weiterentwicklung der Gruppe. Die fehlende Ernsthaftigkeit macht „Oppai Volleyball“ zu einem seichten Coming-of-Age Vergnügen.

Die Nähe zu anderen filmischen Vertretern des Genre ist dem Film deutlich anzumerken. Regisseur Eiichiro Hasumi macht bei seinem albernen Humor Anleihen beim  Kollegen Yaguchi Shinobu, der mit Komödien wie „Waterboys“ (2001) einen ähnlichen Ton anschlägt. Shinobu besetzte auch schon Haruka Ayase ein Jahr zuvor in „Happy Flight“ (2008).  Eiichiro Hasumi begann als Regieassistent bei der Polizei-Erfolgsserie „Bayside Shakedown“ (1997) und hatte danach eine durchwachsene Karriere als Regisseur von eher schwächeren Mangaadaptionen wie „Umizaru“ (2004) und besseren wie „Antique“ (2001). Zusammen mit Drehbuchautor Okada Yoshikazu („Be With You„, 2004) entwickelt Hasumi eine typische Struktur des Genres: Ein vielversprechender Anfang, ein dramatischer Ausblick in der Mitte des Films, und schließlich ein Ende vollgepackt mit Lebensweisheiten. All das um einiges zurückhaltender erzählt als in Hasumi’s vorangegangenem Sportfilm „The All-Out Nine“ (2005). Leider verliert die Unkonventionalität mit der „Oppai Volleyball“ beginnt sehr schnell an Schärfe und ordnet sich ein, in die Reihe unzähliger belangloser Teenager Komödien.

Interessant ist allerdings das Setting des Films. Angesiedelt im Jahr 1979 in der Großstadt Kitakyushu, vermittelt „Oppai Volleyball“ durch Soundtrack und Outfits ein authentisches Lebensgefühl der Zeit. Gerade hier merkt man, dass japanische Regisseure immer stärker geprägt sind von einem nostalgischen Blick in die (eigene) Vergangenheit. Leider verspielt der Film auch einen Trumpf, da sich die meisten Szenen innerhalb von Gebäuden abspielen. Hier hätte man mit aufwendigen Setdesigns und Kulissen viel mehr machen können.

Im Mittelpunkt steht vielmehr Ex-Idol Haruka Ayase’s Schauspielleistung. Ihr Charakter Mikako ist im Vergleich zu den Jugendlichen tiefgründiger und bringt eine Vorgeschichte aus ihrer vorherigen Schule mit in den Film, die teilweise droht die eigentliche Erzählung zu überdecken. Der Film ist sich stellenweise nicht einig auf welchen Aspekt er sich konzentrieren soll. Die ungelösten Probleme ihrer Vergangenheit oder die Bemühungen ihrer Schüler. Die Absicht hinter der Backstory von Mikako soll sie vielschichtiger machen, führt aber zu einer unstimmigen und unnötig dramatisierten Dramaturgie. Da hilft auch nicht der Cameo-artige Auftritt von Toru Nakamura („K20„, 2009).  Wer Haruka Ayase in einer ernsten Rolle sehen möchte, dem sei „Unsere kleine Schwester“ (2015) von Hirokazu Koreeda zu empfehlen.  Die Gruppe der jugendlichen Hauptdarsteller harmoniert dafür sehr gut untereinander. Munetaka Aoki („The World of Kanoko“ 2015, „Hara-Kiri“ 2011), als Teil des Jungenteams und Ken Mitsuishi („Audition“ 1999, „13 Assassins“ 2010) als Coach des gegnerischen Teams sind die bekannteren Gesichter des Cast. Die Kameraführung übernahm Hiromitsu Nishimura, der ebenfalls die beiden Boxfilme von Masaharu Take, „100 Yen Love“ (2014) und „Ringside Story“ (2017) mit der Kamera begleitete.

Das Fazit zu „Oppai Volleyball“ fällt so aus, wie ich es mir von Anfang an gedacht habe. Ein Film, der mit seinem aufreizenden Titel anlockt und mehr Skurilität verspricht als er eigentlich beinhaltet. Eine harmlose Underdog Geschichte wie sie davor und danach schon hundertfach erzählt wurde und bis auf ein paar wenige pointierte Witze nicht viel bieten kann.

#82 „Ginga Tetsudo 999“ (1979)

„Ginga Tetsudo 999“

aka

Galaxy Express 999″

„Galaxy Express 999“ ist ein Film von Regisseur Rintaro, der als  Mitbegründer des Animationsstudio Madhouse („Ninja Scroll“ 1993, „Perfect Blue“ 1997, „Death Note“ 2006, „One Punch Man“ 2015) eine Legende der Popkultur ist. Seit den 60ern, beginnend bei der Kultserie „Astro Boy“, bestechen Rintaros Vefilmungen von Mangas („Harmagedon“ 1983, „Take the X Train“ 1987) durch ihre Nähe zum ursprünglichen Stoff. Von den zahlreichen TV-Serien, OVAs und sonstigen Filmen, ist die Verfilmung von Leiji Matsumotos Manga „Galaxy Express 999“ sein Signature Film.

„Galaxy Express 999“ schrumpft die 113-teilige, gleichnamige TV-Serie auf zwei Stunden zusammen und erzählt sie zu Ende. Interessanterweise erschien der Film noch bevor die Serie im Fernsehen zu Ende gelaufen war, und nahm damit das Ende der Serie vorweg. Held ist Junge Tetsuro, der mit dem Galaxy Express 999 zum Planeten Andromeda reisen will. Dort befindet sich eine große Fabrik, in der Menschen zu Robotern umgebaut werden und somit Unsterblichkeit erlangen. Tetsuro, Anführer einer Gruppe von jugendlichen Taschendieben, möchte dorthin um als Cyborg die Mörder seiner Mutter töten. Das unerschwingliche Ticket für den Galaxy Express besorgt ihm die elfenhafte Maetel, die ihn auch vor der Polizei rettet und zufällig wie das Ebenbild seiner Mutter aussieht. Zusammen beginnen beide ihre Reise mit dem intergalaktischen Zug.

Tetsuros Rache muss sich aber zunächst einmal gedulden. Bezugnehmend an der episodenhaften Struktur des Mangas, wird unser Held während einiger Zwischenstopps auf die Probe gestellt. Hier werden zahlreiche Nebenerzählstränge und Charaktere wie zum Beispiel Captain Harlock, Emeraldas oder Tochiro vorgestellt, die teilweise eigene Spin-off Serien bzw. Filme bekommen haben. Ohne dem Zuschauer nennenswerte Informationen über diese Figuren zu geben, versucht sich Rintaro an der Romantisierung des Fremden. Zwar macht Captain Harlock mit seinen Sprüchen und Auftreten einen coolen Eindruck, bleibt aber für diejenigen die die Serie nicht gesehen haben eine Randfigur ohne Tiefe. Eine wirklich große Rolle spielen diese Charaktere daher nicht und ihr Auftreten dient größtenteils als Füllmaterial und verwirrt mehr als das es die eigentliche Geschichte voranbringt.

So sehr sich der Film auf die visuelle Darstellung der fantastischen Welten konzentriert, so sehr verliert er die klassische Erzählstruktur aus den Augen. Der Bösewicht erscheint erst nach circa einer Stunde und dann auch nur für 5 Minuten. Obwohl der Film mit der Konfrontation enden müsste, dreht Rintaro die letzten 20 Minuten nochmal am Weirdness-Faktor und lässt die Story in eine ganz andere Richtung laufen. All das worauf einen der Film bis dahin vorbereitet hatte (bzw. haben sollte), ist innerhalb von wenigen Minuten abgefrühstückt und der Film geht über zu einem ganz anderen Finale. Logikfehler und Plotholes tun dabei ihr übriges.

Gelungenes Charakterdesign und guter Disco Soundtrack tragen zur einer einzigartigen Atmosphäre des Films bei, die aber die metaphysischen Fragen der Serie über die Seele und das Universum nur anschneidet. „Galaxy Express 999“ schafft es nicht das Interesse des Zuschauers am Hauptcharakter Tetsuro zu wecken. Viel zu schnell und wahllos wird er von einer Situation in die nächste geworfen und seine eigentliche Rache verliert am Ende sogar an Bedeutung. Anders als bei der folgende Generation der Animes der 80er fehlt die Dynamik und der Film nimmt nie wirklich Fahrt auf.

Leiji Matsumotos transhumanistische Vision in der sich die Armen gegen die Reichen erheben, kommt in Rintaros „Galaxy Express 999“ nur bedingt zur Geltung. Der Hybrid aus Melodrama und Sci-Fi bleibt auf jeden Fall in Erinnerung, verspielt aber auf Grund der vorhersehbaren Story und seiner Logikfehler einiges an Potenzial.