#39 „Marebito“ (2004)

Wann verliert man den Verstand? Wie weit muss man gehen um verrückt zu werden?

Masuoka ist fasziniert von diesen Fragen. Systematisch versucht er sich durch Schock – Videos in den Wahnsinn zu treiben. Aber erst als der Kameramann, der seine Umwelt fast nur noch durch die Videokamera wahrnimmt, Zeuge eines skurrilen Suizids wird, öffnet sich für ihn eine Welt der Angst.

Masuoka begibt sich, stets bewaffnet mit seiner Digitalkamera, auf Spurensuche in die Tunnelsysteme unterhalb Tokyos. Er trifft dort auf Seltsames und Unerklärliches. Aus dieser Unterwelt bring er etwas mit an die Oberfläche und nimmt es bei sich auf, ohne zu wissen, was es wirklich ist.

Im Schatten von Ju-On und dem im Westen weitaus bekannterem Remake The Grudge , schaffte es Marebito zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung nicht auf das Radar vieler Horrorfans. Trotzdem merkt man, dass hier der selbe Regisseur am Werk sein muss. Takashi Shimizu liebt die Digitale Kameratechnik und nutzt die körnige Bildästhetik in fast all seinen Filmen.

In Marebito beobachtet man den Beobachter. Masuokas Wohnung ist eine Überwachungszentrale. Dort überspielt und sichtet er sein gedrehtes Material. Aber mit der Zeit beginnen die Bilder Kontrolle über ihn zu gewinnen und sich zu verselbstständigen. Der Terror, den Masuoka mit eigenen Augen sehen will, holt ihn ein.

Bei der Besetzung der Hauptrolle gelingt Shimizu ein Coup. Masuoka wird gespielt von Shin´ya Tsukamoto, seines Zeichens Regisseur von Cyberpunk – Klassikern wie Tetsuo und Bullet Ballet. Tsukamoto schafft es mit seinem leeren Gesichtsausdruck einen Menschen zu spielen, der innerlich abgestumpft und völlig emotionslos wirkt. Umso stärker ist der Eindruck der Angst, der sich beginnt über sein ausdrucksloses Gesicht zu legen.

 

Trailer:

 

 

 

 

#38 „Terasu nite“ (2016)

„Terasu nite“

aka

„At the Terrace“.

Eine Party in einer Villa in Tokyo. Was im Inneren passiert bleibt dem Zuschauer verborgen.  Eine Terrasse als Bühne. Ein Kammerspiel, ohne Kammer.

Die Protagonisten, alle beruflich oder familiär miteinander verbunden, führen auf der Terrasse zunächst harmlosen Small-Talk, liefern sich dann aber immer provokantere Wortgefechte. Ein Missverständnis führt zum nächsten und schließlich fallen alle Hemmungen.

Regisseur Kenji Yamauchi verfilmt hier sein eigenes Theaterstück von 2015, in dem die japanische Etiquette und die Masken der Partygäste nach und nach zerbröckeln. Dabei geling es ihm durch Dialoge und Kamera dem einzelnen Raum eine Dynamik zu geben, die sich durch die Handlungen der Gäste aufschaukelt. Es stellt sich die Frage: Wie gut glaubt man die Menschen zu kennen, die einem Nahe stehen? Und es zeigt sich, dass unter der Fassade nichts so zu sein scheint wie es wirkt.

Mit viel schwarzem Humor, Satire und Wortwitz arbeitet der Film sich immer weiter vor in die Probleme der Lebensentwürfe des Ensembles. Die Stärke des Films liegt eindeutig bei den schauspielerischen Leistungen, die bei dem nüchternen Setting besonders im Vordergrund stehen. Bei einem solchen Film steht und fällt alles mit den Dialogen und wie sie rübergebracht werden. In diesem Fall überzeugt durchweg der gesamte Cast und ergänzt sich perfekt.

Ein überaus intelligenter und scharfsinniger Film, der für sich selbst spricht und zu keinem Zeitpunkt Gefahr läuft sein Tempo zu verlieren.

 

 

 

 

#37 „Karera ga honki de amu toki wa,“ (2017)

„Karera ga honki de amu toki wa,“

aka

„Close – Knit“.

Die 11 – jährige Tomo wird regelmäßig von ihrer Mutter alleingelassen und zieht deshalb zu ihrem Onkel Makio, der mit dem Transsexuellen Rinko zusammenlebt.

Während ihre Mutter mit fremden Männern durch das Land reist, findet Tomo in dieser ungewöhnlichen Familie ein neues zu Hause.

Als sich ihre Lebenssituation herumspricht, gerät sie in der Schule schnell in eine Außenseiterposition und findet den einzigen Rückhalt bei ihrem Schulkameraden Kai, der gerade seine Homosexualität entdeckt und praktisch die jüngere Version von Rinko verkörpert.

Im Gegensatz zu Rinkos Mutter, die ihren transsexuellen Sohn wie eine Löwin verteidigt, versucht Kais Mutter die „merkwürdigen“ Tendenzen die ihr Sohn zeigt einzudämmen, indem sie ihm den Umgang mit Tomo verbietet. Sie wendet sich auch an Tomo und versucht sie aus diesem „schädlichen“ Umfeld herauszuholen. Sie will sie „retten“. Doch ihr Verhalten führt zu einem großen Drama.

Das Außergewöhnliche, neben der Thematik der Transsexualität, ist der Umgang der Erwachsenen mit den Kindern. Rinko und Makio behandeln Tomo wie eine Erwachsene und sprechen mit ihr ganz offen über Themen wie Sexualität und Rinkos Geschlechtsumwandlung. Tomo ist davon anfangs genauso irritiert wie der Zuschauer. Aber mit der Zeit erscheint dieser offene Zugang zu der Thematik der einzig richtige. Der Film vermittelt dies mit Tomos Entwicklung. Von Anfang an wird ihr bestehendes Mistrauen gegenüber dem „was“ Rinko eigentlich sei von Rinko selbst angesprochen und mit klaren, verständlichen Worten erklärt.

So entsteht relativ bald ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Dreien, indem sich Rinko, neben ihrem Job als Altenpflegerin, zusätzlich als liebevolle und verantwortungsbewusste Mutter beweist.

Regisseurin Naoko Ogigami schreibt mit diesem Film ein neues Kapitel. Zum einen hat sie den ersten japanischen Spielfilm gedreht, der Transsexualität in den Mittelpunkt stellt. Bislang fand sich die Thematik nur als Randthema in Filmen wie Strange Circus  oder der ausländischen Dokumentation Shinjuku Boys . Zum anderen bewegt sie sich persönlich weg von ihren romantisch verklärten Melodramen der Vergangenheit (z.B. Kamome Diner). Die Art und Weise wie Tomo der neuen Familie gegenübersteht und sehr schnell Gefallen an dem ungewöhnlichen Leben findet erinnert an die Figurenkonstellationen der Romane von Banana Yoshimoto (z.B. Kitchen).

Der Film fällt mit einem Zeitpunkt in der japanischen Gesellschaft zusammen in der Homosexuelle und Transsexuelle beginnen mehr Rechte zu bekommen. Seit 2015 stellen einige Bezirke Tokyos und anderer Städte Heiratszertifikate aus, die der einer heterosexuellen Ehe gleichgestellt sind. Mit diesem Vorgang sind auch Veränderungen im japanischen Familienstammbuch, dem Koseki , und dem Adoptionsrecht verbunden, die in Japan derzeit noch zur Debatte stehen. Ogigamis Film gibt zu dieser Debatte ein klares Statement ab und spricht sich für ein Adoptionsrecht und für die gleichgeschlechtliche Ehe aus.

Ein wichtiger Film, der die Transsexualität mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, die bisher in Japan fehlte. Zwar sind transsexuelle und homosexuelle Personen in der Film- und Musikbranche allgegenwärtig und als Teil des Medienapparates seit Jahrzehnten akzeptiert (siehe Akihiro Miwa , Ataru Nakamura oder Masaki Sumitani ), aber die gesellschaftliche Akzeptanz im Alltag, vor allem durch das Gesetz, ist dem noch nicht angepasst.

Mit den Figuren von Rinko und Kai zeigt der Film die unterschiedlichen Probleme zu den verschiedensten Lebensabschnitten mit denen speziell die Personen, die nicht heterosexuell veranlagt sind, konfrontiert sind und versucht so ein klein wenig mehr Normalität und Verständnis für diese Personen zu erzeugen.