#63 „Mori no Iru Basho“ (2018)

„Mori no Iru Basho“

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„Mori, The Artist’s Habitat“

Basierend auf dem Leben des Malers Morikazu Kumagai (1880-1977) erzählt Shuichi Okata die Geschichte eines Mannes, der sich dazu entscheidet sein Anwesen 30 Jahre lang nicht zu verlassen.

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1974, im Tokioter Stadtteil Ikebukuro. Ein Haus, ein Garten, ein Mann. Morikazu, gespielt von Tsutomu Yamazaki (Tampopo, Nokan), ist 94 Jahre alt, lebt mit Frau Hideko, Kirin Kiki’s letzte Rolle, in einem naturbelassenen Habit zwischen expandierenden Wohnbauten. Seine tägliche Routine besteht daraus seinen Garten und dessen Bewohner zu erkunden. Er und Hideko bekommen regelmäßig Besuch von Nachbarn und Bewunderern des Künstlers. Sein ungewöhnlicher Lebensstil fasziniert auch den Fotografen Fujita. Verkörpert von Ryo Kase (Soredemo boku wa yattenai, Silence) versucht Fujita das Leben des Meisters zu dokumentieren.

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Der Beobachter wird beobachtet. Und wir als Zuschauer beobachten Fujita. Morikazu, der sich nichts aus seiner Bekanntheit macht, vermeidet tunlichst die Blicke auf sich zu lenken. Er würde am liebsten Eins mit der Natur werden, die ihn umgibt.

Der Mikrokosmos Morikazus wird breit präsentiert. Als fast einziger Spielort der Handlung arbeitet der Film mit vielen Details, um die kleine Fläche auszudehnen. Dazu trägt besonders die feinfühlige Soundkulisse bei. In Kombination mit Großaufnahmen begibt sich „Mori no Iru Basho“ auf eine Ebene, die dem Auge meist verborgen bleiben. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, mit welchem Bein eine Ameise anfängt zu laufen? Diesen Fragen geht Morikazu nach und wir folgen seinem geschulten Blick durch die Flora und Fauna.

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Das Biopic ist aber keine Naturdokumentation. Regisseur Okata steuert den Film in eine komödiantische Richtung, gespickt mit ironischem Slapstick und einem fantastischen Ende. Schließlich sind alle Eindrücke Inspiration für die Fantasie des Malers.

Morikazu, auf seinen Stöcken selbst wie ein Insekt unterwegs, verschmilzt mit der Natur. „Mori no Iru Basho“ entwickelt durch seine audiovisuelle Dichte etwas Organisches und bringt den Zuschauer näher zur Natur. Ein Film der wirklich ein eigenes Leben entwickelt, aber vorallem von der starken Präsenz seiner beiden Hauptdarsteller getragen wird.

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Damit ist „Mori no Iru Basho“ auch schmerzliches Zeugnis für das Ende einer großen Schauspielerin. Kirin Kiki, verstorben im September, spielt hier eine ihrer letzten Rolle.

„Mori, the Artist’s Habitat“ wurde gezeigt beim Japannual | Japanische Filmtage Wien. Bis zum 07. Oktober zeigt das Filmfestival einen bunten Genre-Mix aus modernem und klassischem japanischen Kino.

 

 

 

#62 „Inuyashiki“ (2018)

Ist es ein Flugzeug? Ist es ein Vogel? Nein. Es ist ein Salaryman!

Shinsuke Sato (I am Hero) verfilmt in „Inuyashiki“ den Manga Last Action Hero Inuyashiki von Hiroya Oku. Ein Teenager und ein Familienvater kommen in Kontakt mit einer außerirdischen Lebensform, die ihnen Superkräfte verleiht. Doch die beiden nutzen ihre neuen Fähigkeiten mit unterschiedlichen Absichten.

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Der 58-Jährige Familienvater, ICHIRO, sieht darin die Chance dem Leben einen Sinn zu geben, seiner Familie zu beweisen, dass er doch kein Loser ist und die Menschheit zu beschützen. Aber vor wem beschützen? Wie in jedem Superhelden Movie gibt es auch in „Inuyashiki“ einen bösen Gegenspieler. HIRO, ein High School Schüler, entwickelt auf Grund seiner übernatürlichen Kräfte einen Gottkomplex, mit dem er Japan kurz vor die Vernichtung treibt.

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Das Konzept heißt: Halb Mensch, halb Maschine. In guter alter Body-Horror Manier mutieren Körperteile zu Waffen und Antriebssystemen. Ichiro erinnert stark an die Hauptfigur aus Shinya Tsukmoto’s Tetsuro und auch die Anleihen beim  Sci-fi Actionstreifen Gantz, dessen Manga eine ähnliche Verwertungskette durchlaufen hat und ebenfalls von Sato verfilmt wurde, sind offensichtlich. Aber das Shinsuke Sato mit seinem neuesten Spielfilm das Rad nicht neu erfindet ist keine Schande. Er macht es nämlich auch nicht schlechter als seine Vorgänger. Zwar fehlen der ersten Hälfte des Films doch einige Actionszenen und die Handlung entwickelt sich etwas zu sehr in Richtung Familiendrama, dafür kommt man gegen Ende des Films umso mehr auf seine Kosten. Explodierende Stadtviertel, Massenmorde und Raketenschlachten im Weltraum setzen „Inuyashiki“ ein furioses Finale auf.

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Wichtiger Grundpfeiler ist das Schauspiel von Noritake Kinashi. Ichiro ist seine erste Hauptrolle und er spielt sie genial. Noritakes Background als Comedian führt zu lustigen Einlagen und geben der ganzen Handlung eine Lockerheit, die den Film zusammenhält. Dabei schafft er es aber auch die Tragik seiner Figur glaubhaft zu vermitteln. Ansonsten sind die schauspielerischen Leistungen eher schwach. Besonders Takeru Satoh in der Rolle des Hiro kann trotz seiner weitreichenden Serien- und Spielfilmerfahrung (The Emporer’s Cook, Rurouni Kenshin, Bakuman.) mit  immer gleichem Gesichtsausdruck nicht überzeugen.

„Inuyashiki“ bleibt knapp über dem Mittelmaß. Die Unterschiede zu ähnlichen Filmen finden sich im Detail.  Eingestreute Medien- und Gesellschaftskritik sollen dem Ganze eine tiefere Note verleihen. Oberflächlich betrachtet, liefert Shinsuke Sato ein unterhaltsames Action-Drama ab mit Ausflügen in das Body-Horror Kino von David Cronenberg und Co.

„Inuyashiki“ lief im Rahmen des /slash Filmfestivals, welches noch bis zum 30.09 einen bunten Mix aus Allerlei Derbem und Komischem im Programm hat. Für alle Wiener und Wien Besucher eine  besondere Empfehlung!

 

 

 

#61 „Fune wo Amu“ (2013)

„Fune wo Amu“

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„The Great Passage“.

Das bedingungsloser Arbeitsethos in Japan zum guten Ton gehört ist ja hinlänglich bekannt. Die japanische Filmindustrie trägt ihren Teil dazu bei, indem sie diesen Stereotyp immer wieder reproduziert. FUNE WO AMU handelt von einer Person, die sich  für den Job aufopfert. Beruf und Berufung liegen da nah beieinander.

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Regisseur Yuya Ishii machte zuletzt auf der Berlinale 2017 mit The Tokyo Night Sky is Always the Densest Shade of Blue auf sich aufmerksam. Ishii’s Durchbruch gelang aber schon 2013 als sein Film FUNE WO AMU gleich sechs Japanese Academy Awards gewann. Unter anderem in den Kategorien „Bester Film“, „Bester Regisseur“ und „Bestes Drehbuch“.

In dem hochgelobten Film geht es um den schüchternen MAJIME, dessen Name übersetzt „fleißig“ bedeutet und seinen Charakter bestens beschreibt. Er arbeitet im einem Verlag und wird von der Verkaufsabteilung in die Wörterbuchabteilung versetzt. Dort soll er bei der Erstellung des neuen, allumfassenden Wörterbuches, „Daitokai“ bzw. „The Great Passage“, helfen.

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Die Arbeit in der neuen Abteilung kommt MAJIMES Wesen entgegen. Schnell steigt er auf und seine soziale Inkompetenz, die zunächst als Hook für eine romantische Komödie dient, verschwindet mit dem beruflichen Erfolg.

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Die bisher vom Verlag stiefmütterlich behandelte Abteilung wächst und ist über 15 Jahre mit dem Zusammentragen und dem Definieren von Wörtern beschäftigt. Dabei wechseln die Teammitglieder kontinuierlich und die Entwicklungen geschehen für den Zuschauer etwas zu schnell.

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Dem Wunsch nach einer entschleunigten Erzählweise kam man 2016 mit einer 11-teiligen Animationsserie nach, die vom Studio Zexcs produziert wurde. Die Serie füllt die Zeitsprünge mit mehr Inhalt, so dass Charakterentwicklung und Erzählung sauberer ineinandergehen.

Eine (kleine) Schwäche des Films ist nämlich die fehlende Emotionalität. Da der Film zu viel vermitteln will, gelingt ihm Manches nur in Teilen. Durch eine hohe Frequenz an wechselnden Nebendarstellern fällt es schwer eine tiefere Verbindung aufzubauen.

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Emotionale Höhepunkte wie zum Beispiel der Tod eines Arbeitskollegen oder MAJIMES Liebesbeziehung dringen so nicht hunderprozentig bis zum Zuschauer durch und wirken stellenweise etwas dumpf. Die Absicht eines Ensemblefilms gelingt FUNE WO AMU daher nicht.

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Was dafür umso besser vermittelt wird, ist der Einblick in eine Branche, die zuerst einmal langweilig und trocken wirkt. Die zu Beginn genannte Einstellung der Japaner zur Arbeit, das Prinzip der harten Arbeit und der extremen Geduld, stehen im Vordergrund des gesamten Films.

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Das Büro wird zum zu Hause. Die Charakterdarstellung MAJIMES ist hier wiederum sehr eindringlich und überzeugend. Gespielt von Ryûhei Matsuda, bekannt aus „Blue Spring“, „Nightmare Detective“ und gerade im Kino zu sehen in einer Mini-Sprechrolle in Wes Andersons Isle of Dogs, sieht as Publikum einen kühlen, fokussierten Sonderling.

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FUNE WO AMU ist, trotz einiger Lücken, ein sehr unterhaltsames, typisch japanisches Drama. Das Lob der japanischen Filmkritik ist nicht nur in Hinblick auf die präsentierten Werte nachvollziehbar. Auch stilistisch liefert Yuya Ishii ein tadelloses Werk ab, das den Zuschauer nicht loslässt. Darüberhinaus zeigt der Film eine Lebenseinstellung, die viele Japaner verinnerlicht haben. Für Außenstehende ermöglicht FUNE WO AMU dadurch Einblicke in Teile der japanischen Gesellschaft, die oft mit negativen Vorurteilen belegt sind und zeigt sie von einer anderen Seite.

 

#60 „Bakumatsu taiyôden“ (1957)

„Bakumatsu taiyôden“

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„Sun in the Last Days of the Shogunate“

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„The Sun Legend of the End of the Tokugawa Era“.

Japan im Jahr 1862. Wir befinden uns im Tokyoter Stadtteil Shinagawa, bekannt für seine hohe Dichte an Freudenhäusern. Mittelpunkt der Handlung ist ein Etablissement namens „Sagami Inn“. Dort verkehrt auch SAHEIJI, ein Rumtreiber, der seine Rechnung nicht bezahlen kann. So kommt es, dass er seine Schulden vor Ort als „Mädchen für Alles“ abarbeiten muss. Der einstige Gast ist nun Angestellter. Zunächst als Plage von allen gesehen, mausert er sich mit viel Witz und Gerissenheit, zu einem unersetzbaren Teil der Belegschaft.

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Der Hauptprotagonist wird gespielt von Frankie Sakai, der für seine Rolle mit dem Blue Ribbon Award ausgezeichnet wurde. Sakai gelingt eine fast beispiellose schauspielerische Leistung auf dem Gebiet der Komödie. Seine Figur SAHEIJI ist ein Wirbelwind, der, immer auf den eigenen Vorteil bedacht, die passende Rettung parat hat, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Dieser Stereotyp des liebenswerten Schlitzohrs prägt den gesamten Film.

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Regisseur Yûzô Kawashima spricht zu Beginn des Films ein kleines, aber wichtiges Detail an. Die Stimme des Filmemachers berichtet, zu den Bildern des Viertels Shinagawa aus den 1950er-Jahren, von einem bevorstehenden Prostitutionsverbot. Tatsächlich gab es ein Gesetz, welches 1958 in Kraft trat, nach dem jegliche Anpreisung von sexuellen Diensten und die Führung von Amüsierbetrieben als illegal angesehen wurde. Mit diesem Prolog leitet Kawashima in die 1860er-Jahre über und kommentiert aktuelle Geschehnisse mit einem Blick in die Vergangenheit.

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Diese Art der Kritik deutet voraus und markiert zugleich den Übergang von den Melodramen der 1950er hin zu einer jüngeren Generation von Filmemachern, die sich unter der Japanese New Wave zusammenfinden, um sich kritisch mit aktuellen Problemen auseinanderzusetzen. Nicht verwunderlich also, dass Kawashima großen Einfluss auf New Wave Regisseure wie zum Beispiel Shohei Imamura hatte. Imamura selbst drehte sogar ein Remake von BAKUMATSU TAIYOUDEN, welches er unter dem Titel Eijanakai 1981 veröffentlichte.

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Der Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Ausprägung von universellen Charakterzügen und die Fähigkeit komödiantische Elemente mit tragischen Handlungsverläufen zu verbinden, machen BAKUMATSU TAIYOUDEN zu einem zeitlosen Klassiker des japanischen Kinos. Das renommierteste Filmmagazin Japans, Kinema Junpo, nannte den Film daher völlig zu Recht als einen der fünf besten japanischen Filme aller Zeiten.

Trailer

 

 

 

#59 „Na mo naku mazushiku utsukushiku“ (1961)

„Na mo naku mazushiku utsukushiku“

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„Happiness of us alone“.

Nachdem Zenzo Matsuyama das Drehbuch für die legendäre Ningen no jôken – Trilogie geschrieben hatte, widmete er sich seinem ersten eigenen Filmprojekt. HAPPINESS OF US ALONE stellt ein taubstummes Ehepaar in den Vordergrund und erzählt deren Geschichte beginnend von den Bombenangriffen der Amerikaner im 2. Weltkrieg bis zu den frühen 60er-Jahren.

Die taube Hauptdarstellerin AKIKO wird verkörpert von Hideko Takamine. Im Film ist sie zunächst unglücklich verheiratet. Durch eine schlimme Krankheit stirbt ihr Mann und seine Familie gibt sie daraufhin „frei“. AKIKO kehrt zurück zu ihrer Mutter, wo sie zusammen mit Bruder und Schwester lebt. Auf einem Klassentreffen lernt sie den taubstummen MICHIO kennen, der  im Krieg all seine Angehörigen verloren hat. Kurz nach ihrem ersten Kennenlernen heiraten die beiden und bekommen ein Kind. Eines Nachts fällt das Baby aus dem Fenster in den Schnee. Da die tauben Eltern die Schreie nicht hören, erfriert es. AKIKO kämpft von nun an mit Depressionen, will sich umbringen. MICHIO kann sie davon abhalten und einige Zeit später bringt AKIKO einen Sohn auf die Welt. AKIKOS Mutter zieht zu der Familie und kümmert sich um das Kind, während MICHIO und AKIKO auf der Straße Geld als Schuhputzer verdienen.

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Die Jahre vergehen, aber die Familie lebt immer noch in Armut. Schlechte Wirtschaftslage und Diskriminierung machen ihnen zu schaffen. Der Film endet mit einem positiven und einem tragischen Ereignis und findet 1967 seine Fortsetzung in Haha to ko .

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ZENZO MATSUYAMA thematisiert 1972 in Our Silent Love ein ähnliches Schicksal. Beide Filme zeichnen sich durch einen neuartigen Umgang mit den taubstummen Charakteren aus. Zwar berichten sie, wie andere Filme dieser Zeit auch, von der Ausgrenzung und dem Leid der Unterschicht. Durch die Liebesgeschichte entsteht aber eine Überwindung dieser äußeren Einflüsse. Dadurch, dass sie alles gemeinsam durchleben geben sie sich Kraft.

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In der Darstellung der beiden Hauptcharaktere  drücken sich die Prinzipien des humanistischen Kinos aus. Einer der großen Vertreter dieser Strömung war der Regisseur Keisuke Kinoshita. Er war Förderer von ZENZO MATSUYAMA und fädelte zudem seine Hochzeit mit der Hauptdarstellerin des Film, HIDEKO TAKAMINE, ein. Privat als auch beruflich bestand daher ein sehr enges Verhältnis.

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Der filmische Einfluss Kinoshitas auf Matsuyama zeigt sich in den Themen der Unschuld und Reinheit, die Matsuyama seinen Figuren verleiht. AKIKO und MICHIRO verkörpern diese Eigenschaften und versuchen sich gleichzeitig mit Zielstrebigkeit, familiären Werten und Loyalität aus ihrem Elend zu befreien. Die Strebsamkeit und Reinheit der Hauptcharaktere gegenüber einer aggressiven, kriminellen Umwelt machen den Kontrast des Films aus und etablieren eine Vorbildfunktion für den Zuschauer. Vorgänger solcher Charakterkonstruktionen finden sich in etlichen früheren Filmen von Kinoshita (Hakai, 24 Augen, Nihon no higeki etc.).

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Resultat ist ein emotionales Melodrama, welches mit den gängigen Mitteln erzählt wird. Die Länge von über zwei Stunden und die chronistische Aufdröselung der Handlung über einen Zeitraum von knapp 20 Jahren verleiht dem Werk einen epischen Hauch. Das mag für heutige Verhältnisse langatmig und langweilig wirken. Diese Art des Filmemachens war für die damalige Zeit aber völlig normal und notwendig, um eine inhaltlich universal taugliche Geschichte erzählen zu können. Diese Universalität zeigt sich beim Remake, Koshish, welches 1972 in einem indischen Kontext spielt.

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Die Thematik von Behinderung und Taubheit wurde auch später noch in anderen Formaten, wie zum Beispiel im Fernsehdrama 1 Litre of Tears und Takeshi Kitanos Kinofilm Das Meer war ruhig angesprochen. Zenzo Matsuyamas Erstlingswerk ist sicherlich als Grundstein für diese nachfolgenden Filme zu sehen und sichert sich damit einen Platz in der Filmgeschichte.

 

#58 „Mujô“ (1970)

„Mujô“

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„This Transient Life“.

Eine wohlhabende, vierköpfige Familie in der Nähe von Kyoto. Die Tochter, YURI, drückt sich um die Zwangsheirat, die ihre Eltern mehrfach erfolglos versuchen zu arrangieren. Ihr Bruder, MASAO, weigert sich die Karriere seines Unternehmervaters weiterzuführen und will nicht auf die Universität.

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v.l.n.r. Vater, Masao, Yuri und Mutter

Die beiden Geschwister schlafen miteinander und YURI wird schwanger. Damit die Eltern nichts merken, schieben sie das Kind dem Hausangestellten, IWASHITA, unter, den YURI kurzerhand verführt.

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Iwashita

YURI bleibt nun mit Kind und Mann im Elternhaus. MASAO, der fasziniert ist vom Buddhismus,  zieht nach Kyoto zum Steinmetz MORI, bei dem er die Kunst des religiösen Statuenschnitzens erlernt.

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Der Meister ist in zweiter Ehe mit einer Frau zusammen. Doch da er impotent ist, beginnt sich seine Frau schnell für den jungen MASAO zu interessieren. Mit dem Wissen des Meisters fängt MASAO eine Affäre mit ihr an.

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Als das Kind seiner Schwester geboren wird, kehrt MASAO für einen Besuch ins Elternhaus zurück und schläft prompt wieder mit ihr. Doch dieses Mal werden sie von IWASHITA beobachtet. Erschüttert von dem Gesehehen und der Erkenntnis, dass er nur benutzt wurde, um die inszestiöse Beziehung zu vertuschen, wirft er sich auf die Gleise.

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Als schließlich MORI, dessen Potenz durch den Voyeurismus wieder gestiegen war, beim Sex mit seiner Frau stirbt, macht dessen Sohn, TAKAHIRO, MASAO verantwortlich für den Tod seines Vaters. Bei einem Zweikampf stirbt TAKAHIRO, der zuvor selbst eine  sexuelle Beziehung mit seiner Stiefmutter hatte.

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SEX SELLS. So weit so gut. Die Geschehnisse werden begleitet von dem Mönch OGINO, der mit YURI in einer Klasse war und insgeheim in sie verliebt ist. Er weiß sehr früh von der Geschwisterliebe, behält dies aber für sich und mischt sich erst am Ende in die Handlung ein. Seine Diskussion mit MASAO markiert den Höhepunkt des Films.

THIS TRANSIENT LIFE ist ein Film über das Begehren. Die Rollen lassen sich an Hand ihres Umganges mit den Begehren unterscheiden und kategorisieren. Geben sie ihren Gelüsten nach oder bleiben sie fromm? Die meisten Charaktere verfallen ihren sexuellen Trieben. Der Mönch OGINO sieht darin eine Gefährdung für die Ordnung der Welt. Seine moralischen Grundsätze gründen auf der Vorstellung, dass Regeln eine Gesellschaft zusammenhalten und das Individuum sich diesen zu unterwerfen hat. Wer sich daran hält, auf den wartet das Nirwana. MASAO fehlt im Nirwana aber die Fröhlichkeit. Seiner Meinung nach kann man dort nicht glücklich sein, weil man sein wahres Ich unterdrückt, um dort hinzukommen.

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Die beiden Geschwister rebellieren gegen den moralischen Kodex der Gesellschaft und tun dies zunächst heimlich und schließlich in der Konfrontation mit OGINO sehr entschlossen. Die Beziehung aller Charaktere, außer der der Eltern, ist geprägt von sexuellen Spannungen. Diesen Trieben wird entweder aktiv nachgegangen oder nicht.

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Das „Entweder Oder“drückt sich in der schwarz-weißen Farbgebung des Films aus. Durch die Betonung der Kontraste und der abgedunkelten Innenszenen werden die Konflikte und die Verheimlichung der Triebe deutlich.

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Ogino

Neben dem Farbschema bleibt die expressive Kameraarbeit in Erinnerung. Kamerafahrten, Einstellungen aus der Vogelperspektive und extreme Nahaufnahmen sorgen für eine ungewöhnliche Filmerfahrung. Der Film experimentiert mit allen Möglichkeiten der Kamera und bewegt sich besonders im letzten Teil, der Diskussion zwischen MASAO und OGINO, von links nach rechts und 360 Grad um die Charaktere. Dadurch wirkt THIS TRANSIENT LIFE sehr modern und sogar progressiv im Vergleich zu aktuellen Filmen. Anders als in den Filmen von Ozu nimmt der Blick des Zuschauers hier keine starre Beobachter-Position ein. Die Kamera macht auf sich aufmerksam. Gleichzeitig erscheinen die Bildkompositionen, besonders in den ersten Sequenzen, wie Gemälde. Ihre Strukturen sind genauestens berechnet.

Auch auf der musikalischen Ebene dominieren die Kontraste. Klassische, westliche Musik aus der Zeit des Barock wird der nihilistischen Musik des japanischen No-Theaters gegenübergestellt. Das Konzept funktioniert aber und die überwiegend klassische Musik verleiht dem Film einen westlichen Touch, der die Handlung mit einer dumpfen Trauerstimmung unterlegt.

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Musik, Kamera und Farben führen nicht zu einer dramatischen Liebesgeschichte, sondern stärken vielmehr den Eindruck eines moralischen Gedankenspiels, das relativ kühl erzählt wird. Das Thema des Inzests wird nicht romantisiert, aber auch nicht kritisiert. Dahinter steckt die Kritik an den grundlegenden Regeln der Gesellschaft, die das Individuum einschränken. Machtstrukturen, Dominanz und Unterwerfung. All das drückt sich in Figuren, Handlung und Stilistik aus.

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Wer steckt hinter dem Film? Regisseur Akio Jissoji stammt aus der Fernsehbranche. In den 60er-Jahren drehte er einige Episoden der Kinderserie Ultraman, die im Nachhinein der Serie zu ihrem, bis heute anhaltenden, Erfolg verholfen haben. Später wurde er als Zögling von Nagisa Oshima Teil der Art Theatre Guild. Viele Filme aus der Art Theatre Guild befassten sich mit dem Thema der Vergewaltigung und der Inzucht (z.B. Funeral Parade of Roses, Heroic Purgatory oder The Ceremony). Hinter dem Skandal stand aber immer eine aufklärerische Absicht. THIS TRANSIENT LIFE schaffte es aber zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung so große Welle zu schlagen, dass der Film auch im Westen gezeigt und diskutiert wurde. Eine Seltenheit.

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THIS TRANSIENT LIFE ist der Debütfilm von AKIO JISSOJI und der erste Teil seiner Buddhisten-Trilogie. Es folgten 1971 Mandara und 1972 Uta. Sie alle behandeln spirituelle Themen verpackt in sexuellen Inhalten. THIS TRANSIENT LIFE ist aber, wie auch seine Nachfolger, nicht pornographisch. Zwar klingt der Inhalt äußerst explizit, doch im Vergleich mit den heutigen Gewohnheiten könnte der Film im Vorabendprogramm gezeigt werden. Daher sollte man sich nicht abschrecken lassen von der Thematik.

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THIS TRANSIENT LIFE ist ein unglaublich starker Film, der genau das tut, was ein Film tuen sollte. Die Ansichten des Zuschauers hinterfragen, ihm neue Denkanstöße geben und ganz nebenbei mit einer wunderschönen Kinematographie einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ganz klar einer der besten Filme seiner Zeit.

 

 

 

#57 „Linda Linda Linda“ (2005)

Noch 3 Tage bis zum großen Schulfest. Eine Schülerinnen-Band plant ihren großen Auftritt. Doch Streitereien treiben die Gruppe auseinander. KEI, KYOKO und NOZOMI bleiben zurück. Ihre Sängerin schmeißt hin.

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Doch wo Ersatz finden? Als nicht gerade beste und erste Wahl erscheint ihnen SON. Die Austauschschülerin aus Korea, deren japanisch mindestens genauso schlecht ist wie ihr Gesang, hängt sich aber voll rein und schweißt die Mädchenclique zusammen. Die Vier geben sich den Namen PARANMAUM und stürzen sich in die Proben. Statt eigene Kompositionen, beschließen sie Lieder der Blue Hearts zu spielen. Eine legendäre japanische Punkband der 80er- und 90er Jahre.

Wie der Trailer schon zeigt, dreht sich bei LINDA LINDA LINDA alles um die Musik. Und die ist dabei auch schon das einzige Highlight des Films. Die Konflikte der Protagonistinnen rund um Liebe, Freundschaft und Zukunftsängste wirken sehr flach und erwecken den Eindruck, dass sie nur als bloße Handlungselemente dienen, die abgearbeitet werden, um die  dürftige Story zusammenhalten.

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Angesichts der vielversprechenden Schauspielerinnen leider etwas enttäuschend. Von denen überzeugt auch nur die Hauptdarstellerin, Bae Doona, die hier ihre Leistung aus Sympathy for Mr. Vegeance und dem später folgenden The Host sogar noch übertrifft. Ihre Kombination aus Dusseligkeit und Kampfgeist verkörpert in gewisser Weise die Botschaft der Songs.

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Da die Handlung und ihre Charaktere die Probleme der Teenager nur mittelmäßig vermitteln können, wandert der Aufmerksamkeitsfokus des Zusehers immer mehr auf die Musik. Als Musikfilm brilliert LINDA LINDA LINDA, weil er so ungewollt die Botschaft und die Melodien der BLUE HEARTS als positives Alleinstellungsmerkmal vorstellt. Allerdings schafft er es nicht Handlung und Musik zu einer Einheit verschmelzen zu lassen.

LINDA LINDA LINDA bezieht sich auf den großen Hit der BLUE HEARTS. PARANMAUM covern im Film drei Lieder der Band. Neben dem bereits genannten „Linda Linda Linda“, spielen sie noch die beiden Songs „Boku no migite“ (Meine rechte Hand) und „Owaranai Uta“ (Das nie endende Lied). Unterstützt wurden sie dabei von James Iha, dem Ex-Bassisten der Smashing Pumpkins. Die Liebe zu den Original-Songs zeigt sich besonders in den Proben-Szenen. Hier bekommt man für einen Bruchteil des Films einen authentischen Eindruck des Probenalltags und von der harten Arbeit, die hinter einem Auftritt steckt. Leider sind diese Szenen viel zu selten im Film zu sehen.

Unterm Strich bleiben die lieblosen Charaktere zurück, die ohne Hintergrund in den Film hineingeworfen werden. Auch das Potenzial die interkulturelle Kommunikation zwischen Korea und Japan an Hand der Hauptfigur SON aufzugreifen geht im Verlauf des Films verloren.

Eine Filmempfehlung nur für diejenigen, die entweder seichte High School Dramen mögen oder ein Fan der BLUE HEARTS sind. Hoffnung macht aber ein neue Produktion von 2017. Der Film mit  dem naheliegenden Titel THE BLUE HEARTS zeigt in sechs Episoden sechs verschiedene Geschichte, die sich alle um Songs der Blue Hearts drehen. Vielleicht die etwas reifere Variante, um sich mit der Musik der Blue Hearts zu beschäftigen. Ansonsten ist es vielleicht in manchen Fällen einfach besser die Musik für sich selbst sprechen zu lassen.

 

 

 

 

#56 „Mayonaka Made“ (1999)

„Mayonaka Made“

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„Round About Midnight“.

Es ist kurz nach 22 Uhr in Tokyo. Der Trompeter KOJI unterbricht sein Set für eine 1,5 stündige Pause und verdrückt sich auf das Dach des Jazzclubs. In unmittelbarer Nähe kommt es in einem Parkhaus zu einer Geldübergabe, und anschließend zu einem Mord. Zeuge des Mordes ist LINDA. Ihr Mann, Buchmacher eines Nachtclubbesitzers wurde Opfer der eigenen Leuten als er deren dunkle Machenschaften aufdecken wollte. Linda wird verfolgt und wird per Zufall von KOJI gerettet.

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Für KOJI nimmt der Abend von nun an eine andere Wendung. Auch er gerät ins Fadenkreuz der Gangster und muss mit Linda zusammen fliehen.

Doch für ihn tickt die Uhr. Um 0:00 Uhr bietet sich im Jazzclub die Chance seines Lebens. Denn ein berühmter amerikanischer Jazz-Musiker hat sich angekündigt und sucht nach neuen Talenten, die er mit nach Amerika holt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

MAYONAKA MADE ist ein kleines Juwel. Mutig und mit innovativen Kamerafahrten des mehrfach ausgezeichneten Kameramannes Noboru Shinoda (bekannte Arbeiten vor allem in Zusammenarbeit mit Regisseur Shunji Iwai -> Love Letter, Hannah und AliceYentown) entfaltet sich ein spannender Krimi. Durchzogen ist der Film von Zitaten und Hommagen an den Jazz. Dies beginnt bereits beim Titel, der sich auf das gleichnahmige Lied von MILES DAVIS bezieht.

Man merkt, dass Regisseur Makoto Wada für die Musik lebt. Wada, ursprünglich Illustrator (u.a. für die Werke von Haruki Murakami ), hat nämlich selbst ein Jazz Album aufgenommen. Die Leidenschaft für die Musik vermischt er, ähnlich wie Haruki Murakami, mit seiner Vorliebe für Kriminalgeschichten. So entsteht ein schummriger Neo-Noir Film, der in Echtzeit (!), die 1,5 Stunden zwichen den beiden Auftritten von KOJI erzählt.

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CD-Cover entworfen von Makoto Wada

Besonders stimmungsvoll ergänzen sich Musik und Bild. Tokyo bei Nacht und Jazz sind einfach füreinander bestimmt. Dazu kommt noch die anrüchige Atmosphäre der kriminellen Unterwelt, die aber nie wirklich bedrohlich ist. Denn hier und da baut WADA komödiantische Elemente mit ein, die den ganzen Film eher wie einen lauen Sommernachtstraum wirken lassen.

Die Hauptrollen werden gespielt von Hiroyuki Sanada, der aus aktuellen westlichen Produktionen wie Avengers Infinity War und den Serien Westworld und Lost bekannt ist und von Michelle Reis, die ihren Durchbruch 1995 mit Fallen Angels hatte. Reis, die keine gebürtige Japanerin ist, spielt mit ihrer Rolle Linda dementsprechend auch eine Ausländerin (vermutlich Chinesin), die im gebrochenem Japanisch spricht. Hier thematisiert der Film auch die Ausbeutung von ausländischen Frauen in Japan. Linda arbeitet nämlich in einem Nachtclub, der die ausländischen Frauen nicht angemessen bezahlt.

Daneben gibt es noch eine Reihe von großen Namen, die ihre Rolle im Film bekommen. So wird einer der Bösewichte von Schauspieler-Legende Jun Kunimura (Ichi the Killer , Kill Bill, Black Rain etc.) gespielt. An seiner Seite findet sich Ittoku Kishibe, den man auch in Survive Style 5+ sieht. In einer weiteren Mini-Rolle spielt Shinobu Otake (Unsere kleine Schwester, The Incident). So entsteht eine Vertrautheit mit den Figuren, da man viele Gesichter wiedererkennt und gewisse Deja-Vu Momente durchlebt.

Schauspielerische Leistung, Musik und insbesondere die Kamera führen zu einem tollen Filmerlebnis. Ein cooler Film, der trotz der großen Namen nicht den Erfolg einbrachte, den er verdient hätte. MAYONAKA MADE ist der bislang letzte Spielfilm von MAKOTO WADA, der sich danach mehr auf Videospiele konzentrierte und Spiele wie Mario Kart DS mitproduzierte.

 

 

#55 „Kisaragi“ (2007)

Fünf Männer haben sich in einem Internetforum verabredet. Sie treffen sich in einer angemieteten Lagerhalle. Anlass ist der erste Todestag ihres Idols: Kisaragi Miki.

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Kisaragi Miki  war Model und eine drittklassige Sängerin. Trotz ihrer unterdurchschnittlichen Mittelmäßigkeit widmeten die fünf Männer ihre ganze Freizeit dem Leben des jungen Mädchens. Als sie sich völlig unerwartet das Leben nimmt, bricht für die Fans eine Welt zusammen.

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Das Treffen beginnt zunächst als Gedenkparty. Es gibt Essen und Trinken. Doch die informelle Absicht des Treffens wird zunehmend formeller und ernster. Denn keiner der Anwesenden ist der, der er vorgibt zu sein und die Theorie von Kisaragis Selbstmord wird plötzlich in Frage gestellt. Ist einer der Anwesenden verantwortlich für ihren Tod?

In KISARAGI vermischen sich die klassisch überdrehten, japanischen Komödienelemente mit dem Whodunit. Etwas parodistisch gleitet der Film dabei immer stärker ab. Die Wendungen erscheinen sehr übertrieben, auch wenn sie so gewollt sind. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Geschichte.

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Jede Wendung und jede neue Erkenntnis wird mit größter Verwunderung aufgenommen. Der Film bleibt dadurch spannend, doch gerade gegen Ende hin sehnt man sich endlich nach einer Aufklärung.

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In seinem Kontext ist der Film dahingehend auch interessant, da er Einblick in die Welt der Idols bzw. ihrer Fans gibt. Hierbei handelt es sich um ein japanisches Phänomen, dessen Auswüchse schon in der Kritik zu Otaku (1994) beschrieben wurden. Die erwachsenen Männer tauschen sich über ihre Idol-Sammlungen aus, die nicht nur aus Autogrammen und Fotos bestehen, sondern auch aus persönlichen Briefen und Gegenständen des Idols. Die Fan-Kultur hat sie zusammen gebracht und ihnen die Möglichkeit gegeben sich, über die gesellschaftlichen Grenzen hinweg, auszutauschen.

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Das Internet, der Ort an dem sich die Fünf organisiert haben, bot den Männern bisher die Möglichkeit ihre Identität zu verdecken. Die Organisation solcher Fan-Gruppen im Internet verweist auf andere Phänomene wie die sogenannten Imageboards, die in Japan 2channel als prominentesten Vertreter bekannt gemacht haben. Die Nutzung solcher Foren als Mittel der Kommunikation findet besonders in dem Manga und in der dazu entstandenen Serie Densha Otoko popkulturelle Aufarbeitung.

Jenseits der Online-Welt treffen sich die Nutzer des Forums nun aber in der Realität und merken, dass auch hier alle vorgeben jemand zu sein. Darin besteht der Subtext des Films, dessen eigentliche Handlung sich um den Selbstmord von Kisaragi Miki dreht.

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Damit bietet KISARAGI Vieles für Viele und erlaubt dem Zuschauer, das für sich herauszunehmen, was für ihn am ansprechendsten ist.

#54 „Kita-Kitsune Monogatari“ (1978)

„Kita-Kitsune Monogatari“

aka

„The Glacier Fox“

aka

„Der Gletscherfuchs“.

Im Norden Japans findet man eine ganze besondere Tierart. In semi-fiktionaler Form erzählt die Dokumentation vom Leben des Gletscherfuchses Flep.

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Er findet mit Leyla eine Partnerin mit der er ein ganzes Rudel Nachwuchs zeugt. Zusammen kümmern sie sich um die Aufzucht und stehen dabei Allerlei Gefahren durch. Sie trotzen der Natur und dem Menschen. Doch Leyla fällt der Falle eines Bauern zum Opfer und Flep muss die Jungen alleine großziehen.

Getrieben von dem Willen die Fuchsfamilie zusammenzuhalten bringt er ihnen das Jagen bei und bereitet sie auf ein eigenständiges Leben vor. Schließlich ist auch dieses Kapitel zu Ende und Flep muss den Nachwuchs hinaustreiben, damit sie auf eigenen Beinen stehen und sich bewähren können. Diese Prüfung gelingt nicht allen gleich gut. Auch hier schlägt die Natur wieder gnadenlos zu und das Schicksal fordert seinen Preis.

Regisseur Koreyoshi Kurahara schuf 1960 mit Intimidation den ersten japanischen Film Noir. KITA-KITSUNE MONOGATARI ist einer von seinen zwei Dokumentarfilmen. Der Beginn des Films erinnert einen an Disney-Tierfilme a la Die Wüste lebt. Doch der Film stellt sich der großen pädagogischen Aufgabe das Thema des Sterbens in einem kinderfreundlichen Kontext zu erklären.

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Die Kamera hält drauf als Leyla langsam verendet, zeigt den angeschossenen Fuchs und die Wunden an denen er kurz darauf stirbt. Leben und Tod werden radikal dokumentiert. Obwohl radikal auch übertrieben ist.

Denn der Film wirkt auch wie ein Musical. Fast jede Sequenz wird mit Musik unterlegt und die Tiere bekommen in manchen Szenen menschliche Stimmen. Dadurch bekommt die Dokumentation einen komischen Twist. Auf der einen Seite die Niedlichkeit und die Vermenschlichung der Tiere. Auf der anderen Seite die Darstellung von Tierquälerei und dem tödlichen Überlebenskampf. Da das Kamerateam in brenzligen Situationen nicht eingreift, bekommt der Film stellenweise einen unguten Beigeschmack und lässt leider Vergleiche zu den bewussten Tierquälereien in anderen japanischen Produktionen wie Miez und Mops aufkommen.

Der Tod und das damit verbundene Leiden werden als normal dargestellt. Auf den ersten Blick schwer auszuhalten, aber ein ehrlicher Versuch die Natur abzubilden. Dazu passt auch der monotone, trockene Kommentar des Erzählers, der die Bilder immer wieder beschreibt.

Am Ende des zweistündigen Films merkt man wie treffsicher die Emotionalisierung durch Erzählung und Musik war. Schließlich war man gerade Zeuge eines ganzen Lebenszykluses.

Der Film ist für das amerikanische Fernsehen noch einmal auf englisch synchronisiert und mit neuer Musik „zerstört“ worden. Wenn irgendwie möglich empfiehlt es sich daher die japanische Version anzuschauen. Alleine schon wegen der eingängigen musikalischen Untermalung: